Das Alb-Relief: Heimatkunde 2.0

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Prof. Michael Bauer leitete das Medienlabor an der Hochschule Aalen. Unter seiner Ägide wurden die Daten für die Herstellung des Alb-Reliefs aufbereitet.
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Das Modell des Mittelgebirges im Mitmachmuseum explorhino ist ein besonderer digitaler Atlas. Wie Prof. Michael Bauer Geschichte und Geschichten spannend macht.

Aalen

Die Schwäbische Alb. Mittelgebirge –200 Kilometer lang, bis zu 40 Kilometer breit und bis über 1000 Meter hoch. So die geografischen Daten. Für Professor Michael Bauer ist sie weltweit einmalig „wegen ihrer Fülle an Themen und Ereignissen“. Vulkanismus, Eiszeit, Meteoriteneinschläge, Fossilien von Meeres- und Flugsauriern, Karstgebiete mit Höhlen und bis in die heutige Zeit hinein Erdbeben – „die Schwäbische Alb hat alles und noch viel mehr“, sagt Bauer.

Er gerät regelrecht ins Schwärmen und daran lässt er Besucher teilhaben: Bei seinen „Führungen am Alb-Relief“ – eines der Angebote im Mitmachmuseum „explorhino“, unweit der Hochschule Aalen.

Zu finden ist das interaktive 3D-Modell der Schwäbischen Alb im Erdgeschoss des „explorhino“. Vier mal zwei Meter groß, zunächst eher unspektakulär: ein Modell aus Hartschaum, das Höhen und Tiefen des Gebirgszugs plastisch abbildet. Die eigentliche Faszination liegt in der Fülle von Bildern und Animationen, die auf das Relief projiziert werden können. Am Terminal neben der Anlage wählen Besucher Themen aus und aktivieren damit einen Beamer hoch oben über dem Modell. Die Schwäbische Alb und ihre Geschichte werden lebendig.

Die besondere Geologie: Vor etwa 200 Millionen Jahren aus dem Jurameer entstanden, ist die Schwäbische Alb an ihrem nordwestlichen Rand seit jeher unter Druck. Wind und Wasser tragen das Juragestein ab. Diese sogenannte Erosion setzte der Alb im Laufe von Millionen Jahren vor allem durch den Neckar und seine Nebenflüsse zu. Professor Bauer: „Das führte dazu, dass sich der Albtrauf in den vergangenen 20 Millionen Jahren immer weiter Richtung Südosten verlagerte.“

Bisher sei man davon ausgegangen, dass der Albtrauf ursprünglich deutlich weiter nach Norden etwa bis Stuttgart, mindestens aber bis Scharnhausen reichte. Als Belege dafür habe man Funde von Weißjura im bekannten Scharnhauser Vulkanschlot herangezogen. „Nach neueren Erkenntnissen spricht alles dafür, dass der Ur-Albtrauf weiter südlich, entlang einer tektonischen Bruchkante verlief, also etwa entlang des Neckartals. „Da müssen tatsächlich ein paar Schulbücher umgeschrieben werden“, sagt Prof. Bauer.

"Der Schwarze Kocher schmarotzt sich im Brenztal durch."

Prof. Michael Bauer, Wissenschaftler

Die Donau versickert: Wie die Erosion bis in die heutige Zeit stetig an der Alb knabbert, das zeigen Karten und Animationen am Alb-Relief. Die Donau versickert teilweise in ihrem Oberlauf, und „der Schwarze Kocher schmarotzt sich im Brenztal durch“, frotzelt Bauer. „Geologen und Heimatforscher aus Oberkochen haben festgestellt, dass sich der Quelltopf des Schwarzen Kochers in den letzten 40 Jahren um acht Meter in Richtung Südosten verlagert hat.“

Ein kosmischer Keulenschlag: Die Darstellung zweier Asteroideneinschläge vor 14,8 Millionen Jahren ist eine der optisch und akustisch wohl eindrucksvollsten Animationen. Mit großem Rumms stellt sie nach, wie vor 14,8 Millionen Jahren ein Gesteinsklumpen mit 1,2 Kilometern Durchmesser in der Nähe des heutigen Nördlingen einschlägt. Ein kleinerer, mit 100 Metern Durchmesser rammt sich zeitgleich bei Steinheim in den Boden. Mit buchstäblich tiefgreifenden Folgen: Die bis dahin durchgehende Albhochfläche wird in zwei Teile geschlagen – bis heute erkennbar durch das Nördlinger Ries, eine Vertiefung wie ein Krater, ein „Blechschaden“ der Erdgeschichte, schmunzelt Professor Bauer. „Die Energie dieses Einschlags war so groß, dass noch 1000 Jahre später an der Oberfläche Temperaturen von 100 Grad herrschten.“

Von Archaeopteryx bis Zollerngraben: Wo wurde der sogenannte Löwenmensch entdeckt? Wo siedelten Kelten, wo Römer auf der Schwäbischen Alb? Welche Fürstentümer gab es früher, wo gibt es heutzutage Skilifte, Wanderwege und „wo sagt man was zur Kartoffel?“ – auf eine Fülle von Fragen liefert das Modell plastisch, oft bewegt und fast immer farbenfroh Antwort. Klima? Ein Fingertipp, Bauer beweist anhand der Karte zur Jahresdurchschnittstemperatur: „Auf der Alb ist es einen Kittel kälter“. Vegetationsbeginn? „Im Rheintal blühen die Forsythien durchschnittlich am 14. März, in Aalen am 29. März, auf der Alb liegt ein Monat dazwischen.“

Wie Eisenerz und Webstuhlbau den Grundstein legten für wirtschaftlichen Wohlstand am Fuße der Alb und warum die Albhochfläche dünn besiedelt sind – Bauer erzählt anschaulich und gerne Hintergrund.

Ganz zum Schluss kommt die Karte, die er augenzwinkernd „die Hirnschmalzkarte“ nennt: die Patentanmeldungen an und auf der Schwäbischen Alb. Stolze 435 waren es im Jahr 2013 allein in Aalen, Heidenheim und Oberkochen. In ganz Karlsruhe: 105. Da kann sich Bauer, Älbler durch und durch, ein kleines Grinsen nicht verkneifen.

Führungen: Fr. 21. Januar, 16-17.30 Uhr, Fr. 25. Februar, 16-17.30 Uhr, Fr. 18. März, 16-17.30 Uhr. Kosten: 5 Euro; Albvereinsmitglieder frei. Anmeldung unter Tel. (07361) 5761816 oder per E-Mail: anmeldung@explorhino.de.

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Prof. Michael Bauer am Terminal vor dem Alb-Relief: Von hier aus lässt sich die Projektion steuern. 60 verschiedene Themenkarten und 14 Animationen stehen zur Auswahl.
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