Das Impfgegner-Kreuz von Rodamsdörfle

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Roland Effer kniet vor seinem Eisenkreuz. Der Impfgegner will mit dem Kreuz, das eine Spritze in der Mitte hat, polarisieren
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Ausgerechnet ein Kreuz sorgt in Rodamsdörfle für Unruhe. Ein Kreuz, in dessen Mitte nicht Jesu Christi zu sehen ist, sondern eine Spritze. In das Eisenkreuz eingestanzt ist das Wort „Genozid“, also Völkermord. „Kunst muss Reaktionen auslösen“, sagt der Erbauer. „Geschmacklos“ finden es einige Bürger. Das Dorf steckt in einem Dilemma.

Aalen. Ein bekannter Spruch, der häufig dem Komiker Karl Valentin zugeschrieben wird, lautet: „Kunst kommt von Können, nicht von Wollen, sonst müsste es ja Wunst heißen.“ Wenn der Spruch stimmt, dann macht Roland Effer Wunst. Denn Effer will was: Er will aufrütteln, Menschen aus dem „Koma“ schütteln, aufklären, sagt er. Und provozieren will er natürlich.

Effers Wunst steht im Aalener Stadtteil Rodamsdörfle, direkt an der Landstraße 1080, gleich an der Kreuzung zur Hohlgasse: ein mittelgroßes Eisenkreuz, 80 Zentimeter hoch. Das Kreuz hat er aus Eisenstangen geschweißt. In die Mitte des Kreuzes hat er ebenfalls aus Altmetall eine Spritze platziert. Auf den ersten Blick ist sie nur schwer zu erkennen. Wer schnellen Schrittes vorbeigeht, denkt an ein Wegekreuz. Das Wort Vakzin, was auf der Spritze steht, erkennt nur das geschulte Auge sofort. Den Fuß des Stahlkreuzes umschlingt eine Eisenkette. Eine kleine Eisenplatte vor dem Kreuz trägt die Gravur: „2021. Hier ruht die Freiheit. Gemeuchelt durch die Feigheit des Volkes!“. Rechter Hand, in der unteren Hälfte des Kreuzes, ist noch das Wort Genozid eingestanzt. Ein Grablicht findet seinen Platz neben dem Kreuz. Das Gesamtwerk hat Effer auf einen Stein gesetzt. Mit Eisen und Stahl kennt er sich aus. Er hat in einer Gießerei gearbeitet und verkauft heute Kunst, Eisenware und diverse Kleinteile auf seiner Homepage.

Kunst kommt von Können, nicht von Wollen, sonst müsste es ja Wunst heißen.“

Roland Effer

Die Inzidenzzahlen gehen nach unten, der Puls der Dorfgemeinschaft Rodamsdörfle nicht. Das Kreuz stört die Dorfruhe und sorgt für Diskussionen. „Unmöglich hier solche kruden Theorien zu verbreiten; wir sind doch keine Coronaleugner“, sagt eine Frau. „Genozid ist eine Nummer zu viel, aber ich vertraue auch nicht mehr der Politik, so etwas muss ein Ort aushalten“, sagt ein Mann. „Das Kreuz ist eine Schande und gehört hier nicht hin“, sagt ein anderer. Im Nachbarort ist eine Frau an Corona verstorben. „Wie kann man nur so mit den Gefühlen Trauernder umgehen?“ „Kunst muss Reaktionen auslösen“, sagt Effer. Nur ihn stört es nicht, seinen Namen in der Zeitung zu lesen.

Dorfbewohner wollen nicht als Coronaleugner und Impfgegner gelten

Wenn Idylle ein Gesicht hätte, würde es so aussehen, wie Rodamsdörfle. 84 Einwohner zählt die letzte amtliche Statistik vom 31. Dezember vergangenen Jahres. Der Haldenbach plätschert, Kohlmeisen, Elstern und Amseln singen. Die Gärten sind aufgeräumt, das Pflaster gekehrt. Genauso stellt man sich ein schwäbisches „Dörfle“ vor. Besonders stolz ist der Ort auf seine Dreifaltigkeitskapelle. Zum ersten Mal im Jahre 1520 erwähnt, gilt sie als Wahrzeichen.

Wanderer, die zu Fuß zur Kapelle unterwegs sind, müssen von der L1080 über die Hohlgasse auf die Straße „Zur Kapelle“ gehen. An der Kreuzung Landstraße/Hohlgasse hat Effer sein Eisenkreuz auf einer kleinen grünen Fläche aufgestellt. Direkt daneben wirbt eine mannshohe Holztafel für Urlaub auf dem Bauernhof, ein paar Schritte weiter verschwindet der Haldenbach für einige Meter in ein Rohr, um nach der Straßenkreuzung wiederaufzutauchen. Die Kreuz-Stellfläche hat Effer gepachtet, sagt er. Die Stadt bestätigt einen Pachtvertrag, sagt aber aus Datenschutzgründen nicht an wen. Da die Fläche aber verpachtet ist, kann der Besitzer dort eigentlich machen, was er will. Es sei denn, er gefährdet die öffentliche Ordnung, etwa weil das Bauwerk ein Durchkommen erschwert. Das tut es nicht.

Seine Kunst soll Menschen zum Nachdenken über Corona anregen

Dennoch treibt es einen Keil durch den Ort. Aufrütteln will Effer, sagt er. „Die Leute sollen nachdenken, sich schlau machen… über Corona.“ Das mit dem „Aufrütteln“ ist ihm gelungen. „Ich mag es nicht, wenn mir Menschen sagen, sie lassen sich spritzen, damit sie einkaufen gehen können oder um die Enkel zu sehen. Man sollte sich doch vernünftig schlau machen“, sagt er. Käme der Impfwillige dann zum Entschluss, die Impfe ist gut für mich, könne er sich ja impfen lassen. Als Aufklärer sehen Effer aber nur wenige im Ort. „Genozid“, „Feigheit“, „Gemeuchelt“ … das ist nicht die gängige Wortwahl in Rodamsdörfle. „Im Koma befindliche Menschen muss man kräftig schütteln“, sagt Effer. Er hat einen grauen Vollbart, deren Spitze bis zum zweiten Hemdkragen reicht. Er trägt meist eine Sonnenbrille. Das Markenzeichen des kräftigen Mannes ist sein Filzhut, „das ist kein Aluhut“, sagt er. Das ganze Dorf kennt Effer.
„Grabstätte der Freiheit“ hat Effer sein Werk genannt.

Empörung über Vergleich mit Opfern des Nationalsozialismus

Nachdem es eine Woche an der Kreuzung stand, war es für ein Wochenende verschwunden, eigentlich wurde es nur gut einen Meter weiter etwas versteckt unter einen Baum versetzt. Effer war sauer und schrieb, dass es schon einmal eine Zeit gab, „in der regimekritische (entartete Kunst) vom Pöbel vernichtet wurde, es ist erschreckend wie sich die Geschichte wiederholt“.

Dass sich Effer mit Opfern des Nationalsozialismus gleichstellt, löst erneut entsetzen aus. Sowieso: „Kunst“. Dürfen Politik und Querdenkertum als Kunst getarnt und damit legitimiert werden? Inzwischen steht die „Grabstätte“ wieder auf dem verpachteten städtischen Grundstück.

Effer ist ein Provokateur heißt es im Dorf. An seiner Hauswand hängt seit der Landtagswahl ein riesiges AfD-Wahlplakat. Nur, weil aktuell die Bäume vor seinem Haus Blätter tragen, ist es von der Landstraße aus nur schwer zu sehen. „Das muss er doch abhängen“, sagt eine Anwohnerin. „Muss er nicht“, sagt Stadtsprecher Sascha Kurz. „Wenn ich ein Plakat der CDU aufgehängt hätte, hätte sich niemand beschwert“, sagt Effer.

Wenn ich ein Plakat der CDU aufgehängt hätte, hätte sich niemand beschwert.“

Roland Effer

Effer polarisiert, das weiß er. Das ist ihm aber egal. Geimpft ist er nicht. Er wird sich auch nicht impfen lassen. Als beim heutigen Mittfünfziger vor einigen Jahren Krebs diagnostiziert wurde, lehnte er eine Chemotherapie ab. „Die Ärzte waren entsetzt, ich bin meinen eigenen Weg gegangen und ich lebe noch.“ Die Geschichte kennt das halbe Dorf. Effer will darüber nicht sprechen und schüttelt energische mit dem Kopf als die Frage kommt, ob er eventuell aus diesem Grund Medizinern gegenüber misstrauisch eingestellt ist. „Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.“

„Ich sag halt meine Meinung und mach den Mund auf.“ In einer Großstadt fliegen solche Provokationen unter dem Radar, in Rodamsdörfle nicht. Schon bei der 650-Jahr-Feier vor vier Jahren, die die Dorfgemeinschaft groß gefeiert hat, war es Effer, der sich gegen einen gewünschten Baumbeschnitt vor seinem Haus ausgesprochen hat. Die Bäume blieben stehen. Heute verdecken diese nicht geschnittenen Bäume Effers großes Wahlplakat. Effers schafft es immer wieder, zu provozieren. Die echte Kunst wird sein, diese Provokationen und vor allem das Kreuz zu ignorieren. 

Lars Reckermann (51) ist Chefredakteur der Schwäbischen Post/ Gmünder Tagespost.

Transparenzhinweis:

Der Autor der Geschichte ist ein Impfbefürworter. Er war beim Aufschreiben der Geschichte bereits einmal geimpft.

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