Das Problem mit den Corona-Zahlen

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Symbolfoto: Kliniken Ostalb
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Warum das Sozialministerium und der Ostalbkreis unterschiedliche Infektionszahlen für den Landkreis veröffentlichen und welche Unterschiede sich dahinter verbergen.

Aalen

Wie sehr kann man den Corona-Zahlen eigentlich trauen?

Auch wir veröffentlichen täglich aktualisiert mehrere Statistiken zur momentanen Lage im Ostalbkreis, den Nachbarlandkreisen und ganz Baden-Württemberg unter www.schwaepo.de und www.tagespost.de. Sie finden Berichte und Grafiken dazu auf unserer Startseite rechts oben in der Box "Aktuelle Corona-Meldungen".

Wir wissen anhand unserer Zugriffszahlen, dass das Interesse nach diesen Zahlen sehr groß ist. Doch es gibt nicht "die" eine Coronazahl.

So veröffentlicht der Ostalbkreis täglich neue Zahlen: die Gesamtzahl aller Erkrankungen, die aus Isolation wieder entlassenen Fälle, die momentan aktiven Fälle und die Verstorbenen. Diese Zahlen aktualisieren wir in Grafiken und bilden so die Entwicklung des Infektionsgeschehens im Ostalbkreis ab.

Täglich veröffentlicht auch das Sozialministerium Baden-Württemberg neue Coronazahlen für das Bundesland und schlüsselt diese Zahlen zentral ebenfalls nach Landkreisen auf. Das Sozialministerium weist darauf hin, dass diese Zahlen aufgrund der komplizierten Meldewege über das Landesgesundheitsamt und die aufwendige Erfassung den direkt veröffentlichten Zahlen der Landkreise etwas hinterherhinken.

Damit wir die Entwicklung in den Landkreisen untereinander besser einschätzen können, nehmen wir für diese Vergleiche die Zahlen des Sozialministeriums –damit alle ähnlich weit hinterherhinken.

Allerdings drifteten die direkt veröffentlichten Zahlen des Ostalbkreises im Vergleich zu den zentral veröffentlichten Zahlen des Landes immer weiter auseinander. Die Differenz vergrößerte sich innerhalb der vergangenen Woche von 245 auf dann 488 Fälle.

Diese Differenz war bei Stichproben bei anderen Landkreisen bei weitem nicht so groß und lag maximal im zweistelligen Bereich. Was ist da los? Auch Leser äußerten sich in Kommentaren irritiert darüber.

Diese Fälle werden nicht an uns übermittelt und nicht kommuniziert.

Stefanie Paprotka Regierungspräsidium Stuttgart

Zunächst hieß es aus der Pressestelle des Landratsamts: "Unser Gesundheitsamt meldet arbeitstäglich die Zahlen an das Landesgesundheitsamt weiter. Dass die Diskrepanz zwischen den Zahlen, die wir (…) veröffentlichen, und die des Sozialministeriums, derart groß ist, liegt definitiv nicht am Ostalbkreis."

Beim Sozialministerium zeigte man sich zumindest verwundert über diese Tatsache, verwies aber aufs Landesgesundheitsamt (LGA).

Schließlich nannte die Pressestelle des Regierungspräsidiums mit Verweis auf das LGA mehrere Gründe für die Diskrepanz. So habe das Ausbruchsgeschehen in der LEA mit 250 Fällen zu einer Verzögerung bei der Eingabe geführt. Interessant ist aber vor allem dieser Punkt: "Die weitere Ursache der Datendiskrepanz beruht darauf, dass das Gesundheitsamt intern neben labordiagnostisch bestätigten Fällen auch klinische Fälle erfasst, die auf lokaler Ebene kommuniziert werden. Diese Fälle werden nicht an uns übermittelt und nicht kommuniziert", erklärt Stefanie Paprotka, Pressesprecherin beim Regierungspräsidium Stuttgart.

Beim Ostalbkreis bestätigt Theresa Stäb, persönliche Mitarbeiterin des Landrats: "Unsere gemeldeten Zahlen enthalten auch klinisch-epidemiologisch Erkrankte. Welche Zahlen hiervon das Landesgesundheitsamt an weitere zuständige Stellen weiterleitet, kann ich leider nicht beantworten."

Zusammengefasst heißt das also, dass der Ostalbkreis in seine Zählung auch COVID-19-Erkrankungen miteinfließen lässt, für die es keinen labordiagnostischen Nachweis gibt. Eine klinisch-epidemiologisch bestätigte Erkrankung ist laut Robert Koch-Institut ein "spezifisches oder unspezifisches klinisches Bild von COVID-19, ohne labordiagnostischen Nachweis, aber mit epidemiologischer Bestätigung", also mit einem Kontakt zu einem bestätigten Fall.

In Baden-Württemberg kommt also nur in die offizielle Statistik, wer positiv auf das neue Coronavirus Sars-CoV-2 getestet wurde. Das gilt für alle offiziellen Statistiken bundesweit so. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO weist in den offiziellen Zahlen nur die im Labor bestätigtem Fälle aus.

Somit gibt es also neben einer großen Dunkelziffer von gar nicht erfassten und erkannten Covid-19-Fällen nun auch eine große Zahl von bekannten Erkrankungen, die es allerdings ohne Labortest nicht in die offizielle Statistik schaffen.

Wenn man so will, ist der Ostalbkreis "ehrlicher", deshalb sind diese Zahlen höher. So kommt der Landkreis am Donnerstag, 16. April, auf insgesamt 1123 Corona-Erkrankte (wovon fast 600 schon wieder gesund sind) und das Sozialministerium zählt für den Ostalbkreis am gleichen Tag lediglich 829 Fälle.

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Die beiden Kurven zeigen die unterschiedlichen Zählweisen der Coronainfektionen. Die direkt veröffentlichten Zahlen des Ostalbkreises sind breiter gefasst, als die des Sozialministeriums. Außerdem hinkt die Landeserfassung zeitlich etwas hinterher. Grafik: Carmen Apprich

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