Das Unscheinbare berührt sie

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Die Knoedler-Zeichnung "Meine Hand, meine Frau, meine Taube und ich" hat Eva Gentner so modifiziert, dass die Taube aus dem Bild flattert, wenn man die Zeichnung mit der App "Artitive" betrachtet.
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Wie Eva Gentner, Artist in Residence der Karl-Heinz Knoedler-Stiftung, aus altem Gemäuer junge Ideen aufsteigen lässt.

Wenn man durch die Räume der Knoedler-Stiftung im Ellwanger Schloss geht, denkt man beim ersten Blick: Da ist ja gar nichts verändert. Erst nach und nach erkennt man, wie subtil und durchaus kritisch eine 28-Jährige mit dem Nachlass eines Künstlers umgeht, der im vorigen Jahrtausend seine Spuren hinterlassen hat.

Diese "viereckigen gerahmten Dinger", mit denen Knoedler seinen Lebensunterhalt finanziert hat, lassen die junge Künstlerin relativ kalt. Die großen, oft recht düster anmutenden Ölbilder hat Eva Gentner im Turmzimmer stehen lassen. "Ich kann schon verstehen, dass solche Arbeiten entstehen, unter dem Eindruck des Weltkrieges und atomarer Aufrüstung", sagt sie. Doch berührt hat sie eher das Unscheinbare in Knoedlers Nachlass. Kleine Zeichnungen von Vögeln, Knoedlers Tierliebe und Fotos, die ihn mit Eulen und Katzen zeigen.

Den Titel ihrer Ausstellung "Silent Spring" nimmt Eva Gentner von dem Buch der Biologin Rachel Carson, die 1962 vor einem Vogelsterben durch Umweltzerstörung warnte. Natürlich spielt sie auch auf den Corona-Lockdown an, an dem gerade die Kunstszene besonders zu leiden hat. Darauf verweisen auch die beiden goldhaltigen Installationen "La Libertad" und "Serra forgot something". Der Haufen Goldstaub aus Knoedlers Atelier, auf schwarzem Tisch mit Lampe, zitiert auch ihre derzeitige Ausstellung in Ludwigshafen. Ein Video zeigt Gentners Hand, die nach ins Bild fallendem Blattgold greift. Die Hand zerstört, das Metall zerfällt, doch durch die Geste wird die Hand nach und nach vergoldet.

Knoedler profitierte in der Nachkriegszeit vom Bauboom und der "Kunst am Bau". So konnte er als freischaffender Künstler existieren. Und heute? Wer interessiert sich für Kunst, und wie kann ein jünger Künstler davon leben? Kunst brauche neue Arten der Bezahlung, sagt Eva Gentner. Weil der Weg in die Museen und Sammlungen für junge Künstler immer schwerer werde. Weil die Etats von Betriebskosten für den Altbestand aufgefressen würden. Öffentliche Mittel seien für die junge Generation von existenzieller Bedeutung.

Mehrere Videos hat Eva Gentner über ihre vierwöchige Arbeit mit dem Knoedler-Nachlass aufgenommen und so im Internet ein ganz anderes Publikum erreicht. Mit einer App haucht sie alten Knoedler-Zeichnungen per Augmented-Reality Leben ein. Dazu ertönt Vogelgezwitscher vom Band. So lebendig und vielseitig kann Kunst im Ellwanger Schloss sein. Am ersten Wochenende kamen bereits zahlreiche Besucher.

Die Ausstellung ist bis zum 20. September samstags und sonntags von 14.30 bis 17 Uhr bei der Karl-Heinz Knoedler-Stiftung im Schloss zu sehen.

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