Der erste Mann der IG Metall auf der Ostalb hat viel bewegt

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Roland Hamm (v. oben li. nach unten re.) in jungen Jahren mit seinem Gewerkschaftskollegen Bernd Stossun, beim Antritt als Erster Bevollmächtigter, im Kampf um Universal, mit seinem Parteikollegen Ulrich Maurer und heute.
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Roland Hamm tritt Ende Mai als Erster Bevollmächtigter zurück und geht im Juli in den Ruhestand. Designierte Nachfolgerin ist Andrea Sicker.

Aalen / Schwäbisch Gmünd

Die Wirtschaft hat den Menschen zu dienen und nicht umgekehrt", fordert Roland Hamm. Dafür hat der 63-jährige Gewerkschafter in seinen 47 Arbeitsjahren stetig gekämpft. Ende Mai wird er sein Amt als Erster Bevollmächtige der IG Metall Aalen und Schwäbisch Gmünd abgeben, am 1. August in Rente gehen. "Bis dahin habe ich aber noch einiges vor", sagt Hamm und zählt auf: "Die Konflikte bei Varta und bei Bosch AS." Bei Zeiss stünden auch noch Themen an.

"Aktion statt Resignation" sei seine Leitlinie, erzählt der gebürtige Westhausener bei einem Treffen im Gmünder Gewerkschaftshaus. Bereits 1984, als er gerade drei Jahre Sekretär der IG Metall Aalen war, durfte er den Streik zur Durchsetzung der 35-Stunden-Woche begleiten. "Mit ganz viel Kulturprogramm, das gehört zu meinen Wurzeln", sagt Hamm.

"Damals konnte ich mir allerdings noch nicht vorstellen, dass wir uns als hauptamtliche Gewerkschafter in Krisen auch um unternehmerische Aufgaben kümmern müssen." Seit Beginn der 1990er Jahre sei der Druck, möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten, extrem hoch. "Reine Abwehrkämpfe sind nicht mehr die Lösung."

Stundenlang kann der erste Mann der IG Metall im Ostalbkreis erzählen, was er in dieser Funktion seit 1989 bewegt hat. Die größten Herausforderungen:

SHW: "Der erste große Einschnitt war 1994 die Schließung der Schmiede in Wasseralfingen. MAN und das Land Baden-Württemberg waren jeweils zu 50 Prozent die Eigentümer. Mit zehn Bussen, begleitet vom damaligen Landrat Wabro, seien die IG Metaller zur Kundgebung am Wirtschaftsministerium nach Stuttgart gefahren. "Dass wir Jahre später – 2018 – auch die Gießerei nicht retten konnten, geht mir immer noch nach", sagt Hamm mit wehmütigem Unterton.

Allerdings habe bei SHW und später in anderen Betrieben "das Instrument der Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft geholfen". Dies habe das Anwaltsbüro Stein/Hunnekuhl in Reutlingen entwickelt. "mypegasus ist nun bundesweit etabliert und funktioniert bis heute." Hamm: "Viele Unternehmer würden das Instrument jetzt gerne sehr schnell anwenden, wenn sie sich in einer Krise sehen. Aber wir sind erst dazu bereit, wenn die letzte Messe gelesen ist."

Aktion statt Resignation.

Roland Hamm Erster Bevollmächtigter IG Metall

Zeiss: "Mitte der 90er Jahre wollte Zeiss auf der Ostalb über 1000 Beschäftigte abbauen." In der Tagesschau sei der Konflikt bei Zeiss die Spitzenmeldung gewesen, weil das Unternehmen mit Werken in Ost und West die abstrakte Wiedervereinigung im Mikrokosmos perfekt gezeigt habe. Bei Zeiss in Jena seien nur 3500 Beschäftigte von 30 000 übrig geblieben. "Bei uns gingen letztlich etwa 600 Leute in den Vorruhestand", erzählt Hamm. Viele Protestveranstaltungen seien dafür nötig gewesen.

Universal: Bundesweit Gewerkschaftsgeschichte geschrieben hat die Bank- und Betriebsbesetzung bei Universal. Der Produzent von Strickmaschinen in Westhausen wurde seit 1990 mit großen technischen Veränderungen konfrontiert. "Universal und sein Konkurrent Stoll in Reutlingen standen bei der Deutschen Bank in der Kreide", erzählt Hamm. Von ursprünglich 800 Arbeitsplätzen habe Universal bis 1998 bereits 400 abgebaut. "Als trotzdem die Banken ihre Kreditzusage platzen ließen, fuhren wir mit Gustav Wabro, damals schon Staatssekretär, und Landrat Klaus Pavel nach Stuttgart. Nach langen Verhandlungen habe Wabro am Freitagabend verkündet: Der Vergleich steht, Universal lebt." Am darauf folgenden Montagmorgen kippten die Banken den Vergleich. Somit fehlten drei Millionen, um Betrieb und Arbeitsplätze zu erhalten. "Daraufhin sind wir mit 400 Leuten zur Deutschen Bank nach Aalen gefahren, um uns dort symbolisch eine Million zu holen." Bis 22 Uhr besetzten sie die Bank. "Bis die Polizei Betriebsratsvorsitzenden Erich Dambacher und mich hinausgetragen hat. Daraufhin haben wir Universal wochenlang rund um die Uhr besetzt und einen ‘Tag der offenen Tür' mit 10 000 Menschen organisiert." Mit dem Erfolg: "Der Laden lief noch sechs Jahre lang."

Bosch AS: Zum Glück seien dort die Grabenkämpfe zwischen IGM-Mitgliedern beigelegt, so Hamm. "Denn getrennt marschieren heißt gemeinsam verlieren." Jetzt gehe es darum, den Kampf zu gewinnen. Bosch hat 2015 die ZFLS aufgekauft und will bis 2026 in Gmünd 2100 Beschäftigte vor die Türe setzen. "Jetzt schon hat Bosch die Standortvereinbarung gebrochen. 2017 wurden 760 Arbeitsplätze abgebaut. Ende 2019 wurden weitere 1000 angekündigt, Anfang 2020 weitere 1100, also jeder zweite Arbeitsplatz soll weg."

Angesichts von Verlagerungen ins Ausland, auch bei ZF in Alfdorf, ehemals TRW, stellt Roland Hamm infrage, "ob die Globalisierung der Wertschöpfungskette der richtige Weg ist". Er fordert: "Die Wirtschaft hat den Menschen zu dienen".

"Ein Sozialist im Sinne der Demokratie"

Aalen. Roland Hamm ist nicht nur an der Spitze der IG Metall auf der Ostalb aktiv. Er sitzt zum Beispiel auch für Die Linke im Stadtrat Aalen und im Ostalb-Kreistag. "Ich habe mich schon als Schüler politisiert", erzählt er. "Als 16-Jähriger habe ich an meinem Wohnort Westhausen zusammen mit einem Kollegen aus Lauchheim die Ortsgruppe der Jungsozialisten gegründet."

Damals sei er von einigen Leute genauso beschimpft worden wie 2005, als er für Die Linke/PDS für den Bundestag kandidierte. "Aber ich war schon immer ein Sozialist im demokratischen Sinne", betont Hamm.

Er erzählt weiter: Aus der SPD ausgetreten sei er, als 2003 Bundeskanzler Gerhard Schröder die "Agenda 2010" ankündigte. "Daraufhin habe ich mich am Aufbau der ‘Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit' (WASG) beteiligt." ()

Mit 18,5 Jahren Stimmenkönig

An seinem ersten Arbeitstag als Auszubildender zum Industriekaufmann bei der Aalener Taschentuchfabrik Winkler sei er in die Gewerkschaft Textil-Bekleidung eingetreten, erzählt Hamm. Kurz darauf sei er in die Jugend- und Auszubildendenvertretung gewählt worden – zusammen mit Uwe Hildebrandt, dem heutigen Landesbezirksvorsitzenden der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten.

Mit 18,5 Jahren sei er Betriebsratsvorsitzender des Unternehmens Winkler geworden. "Ich war damals Stimmenkönig", erzählt Hamm. Bevor er hauptamtlich Gewerkschafter wurde, hatte er viele ehrenamtliche Funktionen inne, unter anderem im DGB (Deutscher Gewerkschaftsbund).

Roland Hamm ist am 11. November 1956 geboren. "Mit knapp 64 Jahren werde ich in Rente gehen", sagt er. Wenn möglich, wolle er zuerst mit seiner Frau Conny in den Urlaub. Im Herbst beginne er zwei Ausbildungen: zum systemischen Berater und in Wirtschaftsmediation. Win-win-Situationen fand er schon immer spannend.

Enkel, Garten und Kultur

"Ansonsten freue ich mich auf meine fünf Enkel", erzählt er. "Und auf unseren Garten." Er sei auch stellvertretender Vorsitzender des Kunstvereins Aalen. Das Theater der Stadt Aalen sowie der Verein Kunterbunt – Jazz sowieso – seien "sein Ding".

Roland Hamm ist seit Jahren Mitglied in mehreren Aufsichtsräten, seit diesem Frühjahr auch bei Bosch AS. Bis Ende September bleibe er stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Carl Zeiss AG.

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