„Der Ewald ist gestorben“

+
Das Grab von Ewald Michel in Heubach, ermöglicht durch viele Spenden.
  • schließen

Wie der Tod eines Heubachers mit Wurzeln in Thüringen Menschen aus ganz unterschiedlichen Umlaufbahnen zusammenbringt und am Ende wohl etwas Bleibendes entsteht.

Heubach

67 Jahre alt ist Ewald Michel geworden. Er starb auf einem Fest. Das Herz hat wohl nicht mehr mitgemacht. Weil er nichts hatte, nichts besaß und es keine Verwandten gab, die sich darum kümmern konnten, dass er eine anständige Beerdigung bekam, wurde er in Schwäbisch Gmünd beerdigt – in einer Sammelurnenbeisetzung, weitgehend anonym. Damit könnte die Geschichte erzählt sein. Sie ist es aber nicht in diesem Fall. Denn es kam anders.

Als Ewald Michel im September des vergangenen Jahres gestorben ist, brachte dies Menschen aus ganz unterschiedlichen Umlaufbahnen zusammen, die irgendwann einmal etwas mit diesem außergewöhnlichen Menschen zu tun hatten. Wegbegleiter von der Jungen Gemeinde Unterpörlitz bei Ilmenau in Thüringen, wo Ewald Michel aufgewachsen ist, bevor er sich vor 40 Jahren aufmachte in den Westen, weil er reisen wollte und die Welt entdecken.

„Der Ewald ist gestorben“, die Nachricht machte die Runde. Beim Evangelischen Jugendwerk in Schwäbisch Gmünd. Dann bei der evangelischen und der katholischen Kirchengemeinde in Heubach, beim Bouleclub in Heubach, beim QLTourraum und bei den Naturfreunden vom Himmelreich, auch bei der Perugruppe und bei den Freunden des Schattentheaters in Schwäbisch Gmünd. Überall hatte Ewald Michel Spuren hinterlassen, hat mal geholfen, mal sich helfen lassen – und auch wenn dieses Leben an seinem Ende im bürgerlichen Sinne verrutscht ist, verwahrlost: Aus diesen ganz unterschiedlichen Kreisen sagten immer mehr, dass man diesem Ewald dennoch einen würdigen Abschied bereiten sollte. In Thüringen kümmerte sich Nanni Müller darum, in Heubach Pfarrer Thomas Adam, dann Thomas und Gudrun Rabus. 1500 Euro, soviel Geld sollte zusammenkommen, damit die Idee, ein schönes Begräbnis für Ewald Michel zu ermöglichen, umgesetzt werden kann. Es wurde telefoniert, gemailt, kommuniziert und organisiert. Am Ende waren es mehr als 8000 Euro, die gegeben wurden.

„Ewald, ein lebensdurstiger Mensch, der sich nicht damit zufriedengeben wollte, in die Länder der sozialistischen Brüderstaaten reisen zu dürfen und der deshalb in den Westen kam, weil es auch auf dieser Seite des Zauns zwischen Ost und West Schönes zu entdecken gab“, so hat Pfarrer Adam über Ewald Michel gesprochen bei dieser Beerdigung. Und auch darüber, dass der Mann aus Thüringen bereit gewesen sei, den Preis für sein besonderes Leben zu bezahlen: die Trennung von der Familie, Zeiten der Einsamkeit und Brüche in Beziehungen, „weil Menschen mit seinem Stil, seiner so eigenen Auffassung von Verbindlichkeit nicht umgehen konnten“. Adam erinnerte daran, wie Michel mit dem Rad in die Türkei gefahren ist, durch die Sahara, jahrelang in den Schweizer Bergen gelebt hat und in Kanada – immer wieder unterwegs. Mit wenig bis nichts. Immer voller Vertrauen, Gottvertrauen in das Leben und in die Geschwisterlichkeit, die die Grenzen von „Mein“ und „Dein“ verwischen lassen. Michel habe sich nicht interessiert für das Haben, das Jagen nach Sicherheit und Anerkennung. Ja, Michel sei „naiv und fahrlässig“ umgegangen mit Geld und Besitz, sodass sich insbesondere in den letzten Jahren seines Lebens viele gewundert, geärgert und den Kopf geschüttelt haben, wie man so leben kann. Dies habe „vielleicht aber auch die Frage enthalten, ob etwas von seiner Art, mit Besitz umzugehen, nicht auch uns guttäte“, sagte Adam auf der Beerdigung.

Und so wurde Ewald Michel beigesetzt. Viele Menschen kamen dazu. Es wurde die würdige Feier, die sich viele gewünscht hatte. Mittlerweile sind alle Rechnungen bezahlt. Für die Urnenbeisetzung in Heubach mit einer Grabplatte. Jedoch: Was tun mit den gut 6000 Euro, die noch übrig sind? Ein großes Fest? Eine Spende? Thomas Adam hat einen anderen Vorschlag ins Spiel gebracht. Das Geld soll in eine „Ewald-Michel-Stiftung“ fließen. Und so kam es: Das Geld geht jetzt an die Stadt Heubach mit der Bitte, es zu verwenden für die „Beisetzung von Menschen, die zum Zeitpunkt des Todes in Heubach gemeldet waren und für die keine Angehörigen oder andere zur Übernahme der Beerdigung verpflichtete Personen aufgefunden werden“. Bezahlt werden sollen von dem Geld „folgende über den Pflichtteil der Stadt hinausgehenden Kosten für ein Erdurnengrab auf dem Heubacher Friedhof mit einer Grabplatte in einfacher Ausführung und mit regulärer Ruhedauer“. Von evangelischer Seite bestehe die Bereitschaft, im Rahmen der Beisetzung einen Gottesdienst ohne weitere Kosten etwa am Grab zu gestalten, schreibt Adam an die Stadt.

„Mich hat das sehr berührt, wie sich Menschen haben anrühren lassen von der Vorstellung, dass man Ewald Michel ein würdiges Begräbnis ermöglichen möchte und so viele gesagt haben: ‚Ich lasse es nicht bei einem Gedanken, sondern ich gebe etwas‘“, freut sich Thomas Adam im Rückblick. Und dass daraus vielleicht etwas Bleibendes geschaffen werde, nämlich die Ewald-Michel-Stiftung, das gebe dem darüber hinaus einen besonderen Sinn.

Das Grab von Ewald Michel in Heubach, ermöglicht durch viele Spenden. Das kleine Bild zeigt Ewald Michel in jungen Jahren, als er in Heubach angekommen war nach seiner Flucht aus der DDR.
Ewald Michel in jungen Jahren, als er in Heubach angekommen war nach seiner Flucht aus der DDR.

Zurück zur Übersicht: Ostalbkreis

Mehr zum Thema

Kommentare