Der Traum vom Einstieg in den regulären Arbeitsmarkt

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Blick in die Werkstatt für behinderte Menschen der Samariterstiftung, in Aalen. Die Arbeit dort gibt Menschen Struktur, Freude und Selbstwertgefühl. Viele möchten einem Job in einem „normalen“ Betrieb. Geeignete Stellen zu schaffen, liegt an den Arbeitgebern. Archivfoto: opo
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Der Landkreis hat ein Netzwerk geknüpft und Instrumente geschaffen, um Menschen mit Behinderung zu integrieren. Nun sind Betriebe gefordert.

Aalen

Menschen mit Behinderung sollen teilhaben am Arbeitsleben, am besten auf dem ersten Arbeitsmarkt. Dabei helfen wollen Land und Kreis. Um den Übergang in den allgemeinen Arbeitsmarkt für Menschen mit mehrfacher Behinderung zu erleichtern, hat der Ostalbkreis bereits 2015 mit allen am Prozess beteiligten Akteuren ermittelt, was für den Wechsel nötig ist. Es wurde ein Kriterienkatalog entwickelt, wie Beschäftigte einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) in sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnis gelangen können.

Im Kreis-Sozialausschuss berichtete Ingrid Schühle vom Fachbereich Personal über den aktuellen Sachstand. Resultat: Die Verantwortlichen halten ihr Konzept für richtig. Was fehle, seien ausreichend geeignete Arbeitsplätze und prinzipiell ein Umdenken bei Arbeitgebern.


Leitfaden: Gemeinsam haben die Werkstätten (Stiftung Haus Lindenhof, Samariterstiftung, Habila), der Integrationsfachdienst, die Agentur für Arbeit und der Kreis-Geschäftsbereich Soziales einen Leitfaden entwickelt, der die für einen erfolgreichen Übergang notwendigen Maßnahmen festlegt und ihre inhaltliche Arbeit harmonisiert.


Schulen mit im Boot: Weil auch der Übergang von der Schule auf den allgemeinen Arbeitsmarkt verbessert werden soll, wurde der Leitfaden unter der Regie des Landkreises inzwischen von Vertretern der Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren, der Beruflichen Schulen, des Staatlichen Schulamtes, des Integrationsfachdienstes und der Agentur für Arbeit für diesen Bereich zur Broschüre „Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung“ weiterentwickelt.


Fördermittel: Das war auch nötig, weil nun das Landesförderprogramm „Berufsvorbereitende Einrichtung (BVE)/Kooperative Bildung und Vorbereitung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt (KoBV)“ mit Hilfe der im Leitfaden definierten Aufgaben und Zuständigkeiten noch gezielter eingesetzt werden kann.


Berufsschulen als Schlüssel: Ein wichtiger Schritt für die Inklusion junger Menschen mit wesentlicher Behinderung in der beruflichen Bildung ist die Unterrichtung der Schüler einer BVE und der KoBV ausschließlich an Beruflichen Schulen. Hier läuft dieser Unterricht an den Kreis-Berufsschulzentren und die Verpflichtung hierzu ist in der Kooperationsvereinbarung explizit festgehalten.


Der Status quo: Mit dem Leitfaden und den Kooperationsvereinbarungen sowie einem mit den Werkstätten abgestimmten Monitoring, in dem Werkstattbeschäftigte mit Potenzial für den ersten Arbeitsmarkt landen, sehen sich die Akteure gut gerüstet. Indes, es fehlen geeignete Stellen und willige Arbeitgeber.


Anreize für Arbeitgeber: Mit verstärkter Öffentlichkeitsarbeit sollen Arbeitgeber überzeugt werden. Denn für die kann die Beschäftigung eines Menschen mit Behinderung nicht nur bereichernd sein, sondern auch finanziell lohnend. Eingliederungshilfe, Lohnkostenzuschüsse sowie die Förderprogramme „Arbeit inklusiv“ und „Budget für Arbeit“ sind Instrumente, die sich für Arbeitgeber rechnen. 70 Prozent der Bruttolohnkosten tragen das Land und der Landkreis, diese Beschäftigten müssen nicht arbeitslosenversichert werden. Der erhöhte Aufwand bei der Beschäftigung von Menschen mit mehrfacher Behinderung werde so nivelliert und die Verpflichtung zur Entrichtung der Ausgleichsabgabe entfällt.

In Kooperation mit dem Integrationsfachdienst wird nun die Akquise von Arbeitsplätzen intensiviert. Gesucht sind Nischenjobs oder Felder, auf denen intensive Betreuung möglich ist. Eine für 2020 geplante Veranstaltung mit ansässigen Unternehmen, Werkstätten, dem Integrationsfachdienst und dem Integrationsamt fiel wegen Corona aus und soll nun 2022 laufen.


Das meinen die Fraktionen: Für die CDU sagte Manfred Fischer, dass das Zusammenwirken verschiedener Akteure und guter Wille hier vieles in die richtige Richtung bewege. 15 000 Euro pro Mensch in einer WfbM spare der Landkreis bei der Vermittlung, auch daher lohne sich hier die Anstrengung.

Dr. Rolf Siedler (Grüne) nahm aus dem Vortrag „viel Ermutigendes“mit, das Netzwerk auf der Ostalb funktioniere sehr gut. „Schade, dass viele Betriebe lieber Ausgleichszahlungen leisten, meist aus der Portokasse“, meint Siedler. Andererseits wisse er, dass viele Ausbilder klagten, ihnen fehle die Zeit und vor allem das Wissen, wie die Arbeit für behinderte Menschen aussehen müsse. Hier könne ein runder Tisch helfen. Der Landkreis möge zudem prüfen, ob es bei der GOA Möglichkeiten für Beschäftigung gebe, bat Siedler.

Bernhard Richter (SPD) betonte dass neben Wohnen und Freizeit vor allem Arbeit für behinderte Menschen viel bedeute. An die Betriebe appellierte er: „Bitte helfen Sie mit bei dieser gesellschaftspolitischen Aufgabe. Bringen Sie die Menschen in den Job, denn das rechnet sich .“

Josef Bühler (Freie) hat Verständnis für die Betriebe. Für die sei es nicht so leicht, hier einzusteigen. Die Freien unterstützten alle Bemühungen auf diesem Felde voll. „Jeder Erfolg hier ist ein Riesengewinn“, sagte er.

1147 Menschen auf der Ostalb in Werkstätten tätig

Aalen. Auch die Landkreisverwaltung beschäftigt Menschen mit Behinderung auf „Betriebsintegrierten Arbeitsplätzen“ im Rahmen der Förderprogramme. Zum 1. Januar .2021 wurde ein Beschäftigter der Ostalb-Werkstätten der Samariterstiftung von einem „Betriebsintegrierten Arbeitsplatz“ in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt übernommen. Er ist im Geschäftsbereich Soziales eingesetzt.

Aktuell werden im Ostalbkreis für 1147 Menschen mit einer wesentlichen Behinderung die Kosten für eine Beschäftigung in einer WfbM im Jahr mit durchschnittlich 15 000 Euro pro Person aufgebracht. Wenn es gelingt, verstärkt Hilfeempfänger in den allgemeinen Arbeitsmarkt zu integrieren, hilft dies nicht nur den Menschen, sondern auch dem Kreishaushalt. mas

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