Die Bauernhöfe sind am Limit

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Konventionelle Ferkelproduktion: Coronaprobleme der Schlachtbetriebe verderben den Bauern die Preise.
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Der Vorsitzende des Kreisbauernverbands, Hubert Kucher, und der Geschäftsführer Johannes Strauß schildern im Onlinegespräch, wie den Landwirten das Geld ausgeht.

Ostalbkreis

Obwohl es die Schlachthöfe waren, die von der Pandemie besonders schwer getroffen wurden, sind es die Bauern, die am Ende dafür bezahlen. Das sagt Hubert Kucher, Vorsitzender des Kreisbauernverbands und schildert den Zusammenhang: "Weil die großen Schlachthöfe nicht mehr schlachten konnten, stehen die Schweine bei den Bauern in den Ställen und werden immer schwerer."

Das bedeutet zum einen finanzielle Einbußen, weil die Tiere den gewünschten Normmaßen nicht mehr entsprechen. Außerdem führt das Coronaproblem der Schlachthöfe zu einem Überangebot und einem Preisverfall für die Bauern. Kucher: "Für das Kilo Schwein bekommt ein Landwirt derzeit noch 1,19 Euro. Vor Corona waren es noch 1,50 bis 1,70 Euro." Der Preiseinbruch schlug auch auf die Ferkelerzeuger durch. Bekam man vor Corona für ein Ferkel noch 60 bis 65 Euro, seien es jetzt gerade noch 30 bis 35 Euro.

Vollends absurd wird die Situation, wenn man sieht, dass Schweinefleisch im Lebensmitteleinzelhandel aufgrund der Schlachthausproblematik und entsprechender Verknappung deutlich teurer wurde.

Kucher: "Die Schlachtbetriebe und der Lebensmitteleinzelhandel teilen sich das Geld, das uns Bauern fehlt. Es ist schade, dass in unserem Land eine Branche die andere so auspressen kann."

Auf den Höfen sei im Moment die Stimmung auf dem Tiefpunkt und gar nicht nur bei den Schweinehaltern. Tierwohlverordnung, Düngeverordnung und das Eckpunktepapier, das eine enorme Steigerung des Bioanteils in der Landwirtschaft vorsieht, werden auch bei Rinderzüchtern und Milchviehbetrieben und sogar von Biolandwirten kritisiert. Die Pioniere im Biobereich fürchten um ihre wirtschaftliche Basis, weil der Markt eine Verdopplung des Angebots nicht aufnehmen könne. Der Preisverfall für Bioprodukte sei quasi vorprogrammiert.

"Wir brauchen im Prinzip eine Verdopplung der Erzeugerpreise", sagt Kucher, der selbst Landwirt ist und einen Milchviehbetrieb mit 100 Kühen betreibt. Nur mit höherem Einkommen könne die Landwirtschaft die politischen Vorgaben überhaupt umsetzen. Jede Verordnung sei schließlich mit Investitionen verbunden.

Es ist schade, dass in unserem Land eine Branche die andere so auspressen kann.

Hubert Kucher Vorsitzender Kreisbauernverband

Gebe es bei den landwirtschaftlichen Einkommen nicht schnell einen Trendwechsel, dann sei ein beschleunigtes Sterben der kleinen und mittleren Familienbetriebe unvermeidbar.

"Wollen wir das? Wollen wir, dass unsere Nahrungsmittel künftig von industriellen Großbetrieben erzeugt werden und nur noch aus dem Ausland kommen, wo die Standards im Tierwohl, nicht eingehalten werden", fragt er sich.

Wie bei den Legehennen

Bei der Legehennenverordnung 2012 sei genau das geschehen. "Es gibt durch diese Verordnung keinen einzigen Käfig weniger und es wird auch kein Ei weniger gegessen. Nur stehen die Hühnerkäfige heute in Polen und Tschechien und die Eier kommen mit Lastzügen als Flüssigei ins Land", wettert der Vorsitzende und fordert, dass nationale Vorgaben auch für importierte Produkte gelten müssten.

Freilich würde eine finanzielle Besserstellung der Landwirtschaft auch der Verbraucher im Geldbeutel spüren. Nur noch acht Prozent des Einkommens müssen Privathaushalte in Deutschland für Nahrungsmittel aufwenden, rechnet Johannes Strauß vor. "1970 waren das noch fast 40 Prozent."

In der Coronakrise habe die Landwirtschaft in Deutschland gezeigt, dass sie systemrelevant ist, stellt Hubert Kucher fest: "Was wurde knapp in den Supermärkten? Klopapier. Die landwirtschaftliche Produktion blieb konstant. Bei bester Qualität, weil wir Bauern unseren Beruf mit Leidenschaft ausüben. Wir wollen uns den Spaß an unserer Arbeit auch nicht nehmen lassen. Und deshalb muss sich etwas ändern."

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