Die bewegenden Geschichten zweier Flüchtlingsfamilien 

+
Familie Demianchuk
  • schließen

Wie zwei ganz unterschiedliche Flüchtlingsfamilien aus Kiew und Mariupol im Ostalbkreis angekommen sind.

Aalen/Neuler Die Welle der Flüchtenden aus der Ukraine ist mächtig. Die Not der Menschen im Kriegsland unter dem russischen Terror ist dramatisch. Kummer, Ängste, Traumatisierungen zeichnen die Geflüchteten. Diejenigen, die ihre Wohnungen und oft auch ihre Familien öffnen für die Geflüchteten, bringen herzliche und tatkräftige Fürsorge. In ganz Deutschland, auch im Ostalbkreis, in Aalen, in Neuler, in Ellwangen und vielen anderen Orten. Laden zum Bleiben ein, bis das Schlimmste vorbei ist.

Zum Beispiel für Olha Romaniuk. Mit ihren beiden Kindern, Sofia (15) und Artem (8), brach sie am Tag des Kriegsbeginns mit dem Auto aus Mariupol auf. Ihr Mann hatte dringend geraten, jetzt zu gehen und ja nicht zu spät. Er ist als nautischer Offizier auf dem Schiff unterwegs auf großer Fahrt, kennt die internationalen Nachrichten, sah die im Donbas und auf der Krim lauernde Gefahr für Mariupol mittendrin.

25 Stunden waren Olha, Sofia und Artem am 24. Februar unterwegs bis in die Gegend von Lemberg. Im Stau einer Straßensperrung spricht sie ein Mann an, ebenfalls aus Mariupol. Der wartet auf seine Familie, die auch auf dem Weg in den Westen ist. Er hat ein Haus gemietet, ein Zimmer darin sei noch frei. Romaniuks bleiben zwei Tage, dann geht es weiter nach Polen, dann an die Grenze zu Deutschland. Dort können sie bei Bekannten für fast drei Wochen unterkommen. Eine freikirchliche Gemeinschaft, der auch die Romaniuks angehören, kümmern sich, stellen einen Kontakt zu einer Kinderärztin in Aalen her. Die ruft bei ihren Praxis-Vorgängern, den Doktores Annette und Ulrich Speidel an. „Selbstverständlich“ sagen die beiden Mittsiebziger ohne Zögern zu. Zwei Tage später fahren die drei neuen Nachbarn in der Reuchlinstraße vor, beziehen zwei Zimmer mit Bad im Reihenhaus der Speidels.

Uli kümmert sich um Ämter, Versorgung, Schulen. Annette hilft der neuen Wohngemeinschaft in ein gutes Beieinander, organisiert, gibt Rat und Tat, besorgt. Eine andere Nachbarin ist vor Jahren aus der Ukraine nach Aalen gekommen und hilft jetzt als Dolmetscherin. Olha ist offen für die Situation, erzählt, kocht, telefoniert mit Freunden in der Heimat, tröstet die geschockten Kinder. Das Hochhaus in Mariupol mit ihrer Eigentumswohnung ist mittlerweile demoliert. Nachbarn und Freunde sind ausgebombt und jetzt auch auf der Flucht. Olha sorgt sich, hat Kontakt mit ihrem Mann, der demnächst nach Hause kommen wird, und das wird einstweilen nicht Mariupol sein.

Wie es weitergeht? Wer weiß, sagt Olha, die Betriebswirtschaftlerin. Ihr lebhafter Humor kann auch trotzig: Klar geht die Familie zurück nach Mariuopol, wenn es dort wieder Wohnung geben wird, selbstverständlich, denn „alles wird Ukraine“, so sagen sie und meinen, alles wird gut.

Zum Beispiel Lena Demianchuk. Mit dem letzten Bus vor dem Einmarsch der Russen ist sie mit ihrer Mutter Olga und den beiden Kindern Albina und Albert entkommen aus Borispol, einem Ort in der Nähe des internationalen Flughafens von Kiew. Über Lemberg und Polen, mit Bus und Bahn ist die Familie in zwei Tagen bis in die LEA in Ellwangen gekommen.

Die Familie Hofrichter in der Burghardsmühle bei Neuler hatte bei den Koordinatoren in der LEA ihre freie Ferienwohnung gemeldet. Am 8. März holen sie die Demianchuks in Ellwangen ab. Vier schockierte, traumatisierte Menschen, die einen Platz wollen, um sich in Ruhe wiederzufinden. Cordula Hofrichter hilft. Sie ist gut vernetzt im Kreis, arbeitet die wichtigen Dinge mit Lena ab: Dollars in Euro wechseln, Einkaufen, Registrierung, Anträge. In Neuler, erzählt sie, wurde die Familie bei der Anmeldung sehr herzlich willkommen geheißen. Lena, die studierte Gastronomiemanagerin, möchte gerne ihre Schwester mit deren Familie nach Deutschland in ihre Nähe holen. Cordula fragt Sabine Heidrich. „Ja,“ sagt die Neulermer Bürgermeisterin, „wir haben eine Wohnung für Geflüchtete bereit, die kann die Familie sofort beziehen“. Am übernächsten Tag zieht die Schwester mit Mann und drei Kindern in die Dreizimmer-Wohnung in Leinenfirst ein.

Lena ist in ständigem Kontakt mit Menschen in der Heimat. Sie registriert die ständigen Bombardements und die anderen Gräuel. Sie waren bei städtischen Schulen wegen des achtjährigen Albert. Die 15-jährige Albina nimmt am Onlineunterricht ihrer Schule in Kiew teil.

Albert hatte jetzt Geburtstag, Hofrichters organisieren ein rustikales Fest für die ganze Familie mit Lagerfeuer und Geschenken und gegrillten Würstchen. Großmutter Olga hilft bei den Vorbereitungen, arbeitet auch sonst auf dem Bauernhof mit, „damit ich nicht durchdrehe“, sagt sie mit Hilfe einer Übersetzungs-App.

Info: Wer eine Wohngelegenheit für eine ukrainische Familie anbieten möchte, kann sich über "ostalbkreis.de – Informationen für Geflüchete aus der Ukraine" melden. Hier findet man auch Informationen in ukrainischer Schrift und Sprache. Informationen gibt es auch im Rathaus Ihrer Gemeinde.

Familie Demianchuk
Familie Romaniuk, geflüchtet aus Mariupol.

Zurück zur Übersicht: Ostalbkreis

Mehr zum Thema

Kommentare