Die Gewalt nicht länger verschweigen

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Victoria Bohn hat die Selbsthilfegruppe „Gemeinsam stark gegen Gewalt“ ins Leben gerufen.
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Victoria Bohn war jahrelang Opfer häuslicher Gewalt, jetzt hilft sie anderen Betroffenen.

Aalen

Er stieß mich so heftig gegen die Küchenarbeitsplatte, dass ich mit Verdacht auf Querschnittslähmung in die Klinik kam.“ Victoria Bohn hat die Szene immer noch genau vor Augen, sagt, es sei nicht der erste, aber sicher der brutalste Übergriff ihres damaligen Ehemannes gewesen. Trotzdem ging sie wieder zu ihm zurück, getrieben von dem Gedanken: „Was tue ich den Kindern an, wenn ich das anzeige?“ Stattdessen habe sie auf eine erneute Paartherapie gesetzt, „doch nach einer weiteren Attacke habe ich erkannt, dass es mit uns nicht weitergeht“, so Bohn. 2016 wurde die Ehe geschieden, heute kann die zweifache Mutter offen über das Erlebte sprechen und möchte dazu auch andere Gewaltopfer ermuntern.

„Gemeinsam stark gegen Gewalt“ heißt ihre Selbsthilfegruppe, mit der sie Ende vergangenen Jahres auch in dieser Zeitung an die Öffentlichkeit ging. 13 von häuslicher Gewalt betroffene Frauen hätten sich daraufhin gemeldet, „die meisten gehören zur gesellschaftlichen Mitte, haben gute Berufe, sind erfolgreich.“ In diesen Schicksalen erkennt sich Victoria Bohn rückblickend sehr wohl wieder.

Sie ist Justizfachangestellte, er Soldat, bei der Heirat sind beide Mitte 20 und „absolut auf gleicher Wellenlänge.“ Die ersten Spannungen treten auf, als sie unmittelbar danach Eltern werden.

Durch seinen Beruf bedingt ist es eine Wochenendehe, für die wenigen gemeinsamen Tage hat die junge Mutter eine klare Vorstellung. „Der Vater kommt heim und freut sich auf die Zeit mit seinem Kind, ganz so, wie man es im Fernsehen immer sieht“, rekapituliert Bohn ihre damaligen Wünsche. Doch schnell habe sie erkennen müssen, dass in ihrem Fall Realität und Film weit auseinanderklaffen. „Er legte sich aufs Sofa und schlief, wollte keine Vaterrolle übernehmen, unsere Tochter und ich waren ihm völlig egal.“

Einsam in der Notaufnahme

So sei die Atmosphäre in der Familie immer angespannter geworden und habe sich zugespitzt, als die zweite Schwangerschaft problematisch verlief und sie gesundheitlich und psychisch schwer angeschlagen war. Irgendwann im Verlauf dieser neun Monate sei er dann handgreiflich geworden. Victoria Bohn weiß noch, dass sie gegen eine Vitrine fiel und in der Folge kurzzeitig keine Kindsbewegungen mehr spürte. „Als ich anschließend allein in der Notaufnahme saß, mein erstes Kind auf dem Schoß, das zweite im Bauch, da wurde mir bewusst, wie einsam ich in dieser Ehe war.“ Doch diese Partnerschaft aufgeben, das wäre für sie damals einem Versagen gleichgekommen. „Wenn andere ein glückliches Familienleben hinkriegen, dann wollte ich das auch schaffen.“ Erst nach sechs Ehejahren kam das Aus.

Couragierter Fernsehauftritt

Die heute 39-Jährige erzählt ohne Groll, ist nicht verbittert und sagt ganz im Gegenteil: „Es war keine verlorene Zeit, wir hatten auch schöne Phasen und haben zwei wunderbare Kinder.“

Sie sagt aber auch: „Das, was wir erleben mussten, darf anderen nicht widerfahren.“ Damit meint sie sich und die Kinder ebenso, wie die etwa Handvoll Frauen mit Gewalterfahrung, die mit ihr diese Selbsthilfegruppe führen. Gefunden haben sie sich in den sozialen Medien, die Initialzündung für die Gruppengründung kam mit dem Auftritt von Victoria Bohn in der Fernsehtalkshow „Nachtcafé.“ Darin hatte sie couragiert über ihr Schicksal gesprochen und so eine breite Öffentlichkeit auf sich aufmerksam gemacht.

Hilfe bei jeglicher Gewalt

Heute hat sie Kontakt zu sozialen Einrichtungen, Polizei und Politik und die Selbsthilfegruppe der Königsbronnerin ist Anlaufstelle für Betroffene aus dem ganzen Bundesgebiet. So wird man sich für den Erfahrungsaustausch weiterhin oft per Video zusammenschalten, die vorgesehenen Fachvorträge und Selbstwert-Übungen sollen nun aber zunehmend in Präsenz stattfinden. Einzelgespräche, die Unterstützung bei Behördengängen und im amtlichen Schriftverkehr gehören außerdem zum Angebot der Gruppe. Das richte sich aber an Opfer jeglicher Gewalt und auch nicht nur an Frauen, betont die Gründerin. „Wichtig ist, dass man nicht länger schweigt und wieder neues Selbstvertrauen gewinnt.“ Dass dies klappt, dafür ist Victoria Bohn das beste Beispiel.

Selbsthilfegruppe „Gemeinsam stark gegen Gewalt“

Die Selbsthilfegruppe „Gemeinsam stark gegen Gewalt“ ist telefonisch und über WhatsApp unter 0170 5903025 erreichbar. Mail an selbsthilfegruppe-gewalt@web.de 2021 wurden dem Polizeipräsidium Aalen 1 004 Fälle von häuslicher Gewalt bekannt, 20 mehr als im Vorjahr. Die Polizei spricht vom höchsten Stand seit zehn Jahren. 78,8% davon waren Körperverletzungen.

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