Die große Sehnsucht nach den Glocken

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Im engen Glockenturm der Augustinuskirche Maximilian Dürr (links) und Vinzenz John.

Stadtglockenkonzert erfüllt die Innenstadt Schwäbisch Gmünds. Komponist Detlef Dörner nutzt dafür Glocken aus sechs Türmen.

Ich wünsche, dass man ins Staunen kommt, nicht aus dem Staunen herauskommt und mit diesem Staunen nach Hause geht. Das sagt Detlef Dörner, Komponist des Stadtglockenkonzerts als Beitrag zum Festival Europäische Kirchenmusik in Schwäbisch Gmünd. Nach der 35-minütigen Aufführung vor der Kulisse einer mit aufmerksamen Menschen belebten Innenstadt hat dieses Staunen den Künstler selbst ergriffen. Er freut sich über den Beifall aus allen Himmelsrichtungen, vom Johannisplatz und Marktplatz und er freut sich, "dass diese Partitur so funktioniert hat".

Schließlich habe er bei der Komposition darauf achten müssen, dass die 16 Ausführenden keine studierten Glockenspieler sind, sondern Schülerinnen und Schüler aus den Schlagzeugklassen in und um Gmünd, verteilt auf die "Instrumente" in luftiger Höhe: Im Glockenturm des Heilig-Kreuz-Münsters, im Dachreiter des Münsters, in Sankt Franziskus, in der Augustinuskirche, in der Johanniskirche und – jetzt kommt ein Kirchenmusiker ins Spiel – Kirchenmusikdirektor Stephan Beck am Glockenspiel des Rathauses. Das wird nicht mit einem Klöppel bedient, sondern einem Manual. Vier Mal haben sie gemeinsam geprobt, die Einsätze abgestimmt. Und sich dann an die Aufführung gewagt, mit etwas Risiko: "Wir konnten nicht proben, wie das Grundrauschen der Stadt mitspielt", so Detlef Dörner, Kirchenmusiker und 1997 mit der "Kantate der Hoffnung – Speravit anima mea" Preisträger des Festivals Europäische Kirchenmusik. Und dieses Grundrauschen war durchaus verschieden. Während am Johannisplatz mit Blick auf Münster und Glockenturm und Johanniskirche fast andächtige Stille herrschte, gönnten sich die Menschen auf dem Marktplatz auch die Unterhaltung untereinander. Wer rund um die Plätze flanierte, erlebte unterschiedliche musikalische Eindrücke. Zumindest die Glocken von Sankt Franziskus waren am Marktplatz deutlicher vernehmbar. Der satte Klang aus dem Münsterglockenturm erfüllte den Johannisplatz. Rundum gut zu hören die transportablen Röhrenglocken und das Donnerblech vom Turm der Johanniskirche. Dörners gut halbstündiges Programm in neun Abschnitten ruft Assoziationen hervor. Da finden sich Glockenmotive, die den Big-Ben-Schlag oder die Glocken aus Richard Wagners "Parsifal" aufnehmen. Das Festival-Thema "Ich und Wir" spiegelt sich in der Selbstständigkeit der Glocken in den einzelnen Türmen und der Verschmelzung zu einem großen Ganzen. Dörner spricht auch von einer "Corona-Dramaturgie", die er in Form eines musikalischen Störfeuers in Erscheinung treten lässt.

Und schließlich wird der kleinste Glockenturm – er steht auf dem Rathaus – zum Mittelpunkt: Stephan Beck spielt das Lied "Des Glöckleins Ruf" des Gmünder Kaplans Johann Baptist Bommes aus dem 19. Jahrhundert. Es mündet in ein finales Schallerlebnis, zu dem sich alle Glocken zu Wort melden – das auch Gmünds Oberbürgermeister Richard Arnold besonders schätzte. Das Stadtoberhaupt, vor vielen Jahren als Mitglied der Sankt-Michael-Chorknaben selbst kirchenmusikalisch engagiert, schätzt auch den Blick in die Partitur des Glockenkonzerts, erläutert vom Komponisten selbst.

Wir konnten nicht proben, wie das Grundrauschen der Stadt mitspielt.

Detlef Dörner

Nicht zu vergessen die Leistung von Alfred Ruth, der die Aufführung leitete. Er brachte die Erfahrung ins Glockenkonzert, war schon Regisseur solcher Ereignisse bei den Festivals 1996 und 2005, als der spanische Komponist Llorenç Barber Gmünd erschallen ließ. Was nach der Aufführung bei vielen Menschen bleibt, ist der Titel des Konzerts: "Nostalgia – Sehnsucht nach den Glocken".

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