Die Kunst aus der Fensterhöhle

  • Weitere
    schließen
+
Galeriebetrieb in acht Schaufenstern: "2D-Befreit" nennt Till Vogel seine Arbeit (links), Robert Craffonaras titelt die Holzskulptur "Und die Erde war wüst und leer".

Der Gmünder Kunstverein geht mit seiner "Querschnitt"-Präsentation in die Schaufenster des Predigers. Viele Werke spiegeln die schwierige Zeit wider.

Auch wenn Vieles anders ist in diesem Jahr: eine Querschnitt-Ausstellung von Mitgliedern des Gmünder Kunstvereins gibt es selbst 2020. Allerdings nur in den acht Schaufenstern der Galerie im Prediger und ohne Vernissage, ohne Rede und Sekt zur Eröffnung. Dafür mit Gedanken des Kunstvereinsvorsitzenden Professor Dr. Klaus Ripper, die sonst in eine Eröffnungsrede gemündet hätten.

Die Schaufensterausstellung komprimiert die Aussage, jede Künstlerin, jeder Künstler, ist diesmal nur mit einem Werk vertreten. Und wil acht Schaufenster noch keine Galerie ersetzen, ist es eine zweigeteilte Ausstellung. Zunächst sind Arbeiten von 36 Künstlern ausgestellt, darunter von Hubert Minsch, von dem die Idee zu dieser Form der Präsentation kommt. Weitere bekannte Namen sind dabei: Max Hoffmann, Uwe Küssner, Klaus Ripper, Matthias Hütter, Sylvia Betz, Anthony Gros und Guido Kucher. Zentrales Werk ist vielleicht die Arbeit von Rebecca Labor, eine Büste, die das gegenwärtige Elend in einem Gesichtsausdruck zusammenführt. Ab 21. Dezember sehen Passanten in der Bocksgasse Teil zwei der Ausstellung, dann sind weitere 45 Künstler vertreten, darunter Alkie Osterland, Don Cutter oder Rolf Thuma.

Die Schaufensterausstellung führt beim Kunstvereinsvorsitzenden zu Assoziationen: "Kunst und kulturelle Aktivitäten prägen die Menschheit schon seit der Zeit, als diese noch in Höhlen hauste oder durch die Steppen zog", sagt Dr. Klaus Ripper. Gleichsam aus den Fensterhöhlen der Galerie heraus würden nun diese Bilder und Objekte sowohl zufälligen Passanten als auch interessierten Besucherinnen und Besuchern gezeigt. Er sucht die inhaltlichen Bezüge zur aktuellen Situation, zu Kriegen, Klimakatastrophe und Pandemie, auf den ersten Blick scheinbar nicht vorhanden. Landschaftspastelle, ungegenständliche und abstrahierende Farb-Form-Gefüge sowie plastische und skulpturale Darstellungen fallen schnell ins Auge. Waldlichtungen, im Sonnen- und Mondschein, Ballerinas, Flamingos und ziehende Schwäne. Dr. Klaus Ripper: "Kunst, so könnte man dem Gmünder Kunstverein vorwerfen, als Rückzugsort für weltflüchtenden Ästhetizismus?" Bei genauerer Betrachtung sieht der Kunstprofessor, darauf hätte er in einer Eröffnungsrede hingewiesen, "auch versteckte (selten eindeutige) Brüche, Verschiebungen, Störungen": eine Handgranate für die Madonna, eine grafische Auseinandersetzung mit der Infektionsgefahr, das Doppelporträt eines Regentenpaares, das durch Überweißung - das sagt der Titel - ausgelöscht ist. Wie eine Erinnerung an fast vergessene unbeschwerte Zeiten mutet das Aquarell mit den spielenden Kindern am Brunnen im Klosterhof an. Chiffrenartige Zeichen auf schwarzem Grund sperren sich hermetisch gegen allzu einfache Deutungen. Fliegen lernen, wo es der Figur doch an Flügeln mangelt, im nächsten Fenster ein verloren auf sandsteinernem Wasser treibendes, winziges Papierschiffchen, das kaum fragiler wirken könnte.

Auch in diesem Jahr zeigt sich der Kunstverein in seiner Jahresausstellung mutig.

Professor Dr. Klaus Ripper Vorsitzender des Kunstvereins

Dr. Klaus Ripper: "Auch in diesem Jahr zeigt sich der Kunstverein in seiner Jahresausstellung mutig, weil unjuriert Bilder und Objekte schlichter Hobbykunst neben ambitionierten und reflektierten bildnerischen Auseinandersetzungen mit einer ästhetischen oder politischen Welt zu sehen sind." Für ihn "ein Übungsfeld des demokratischen Miteinanders, das einen Schimmer Hoffnung in diese ungewisse Zeit sendet".

Die Ausstellung "Querschnitt" in den Schaufenstern des Prediger in Gmünd ist zweigeteilt und präsentiert bis 20. Dezember die erste Hälfte der Künstler. Dann folgen weitere Arbeiten, die bis 17. Januar ausgestellt sind. Hinter der Querschnitt-Ausstellung stehen Brigitte Schilling, Mathias Hütter und Uwe Küssner und Till Vogel.

Fenster in der Bocksgasse, Ecke Predigergässle in Gmünd.
Künstler Hubert Minsch zeigt "Wilhelm II und Auguste Victoria", davor Lot und seine Frau von Guido Kucher.

Zurück zur Übersicht: Ostalbkreis

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL