Die mystischen Steinkreuze der Ostalb

  • Weitere
    schließen
+
Eines der ältesten Steinkreuze ganz Deutschlands: Das sogenannte Rechbergkreuz in Abtsgmünd, das Anfang der 1970er Jahre als verschollen gemeldet und 1988 auf einem Schotterhaufen wiedergefunden und gerettet wurde.
  • schließen

Blutrache, Geister, Mord – das sind die Themen der Sagen, die sich um zahlreiche Kreuze in der Region ranken. Das Aalener Ehepaar Hertle hat sie genauer erforscht.

Aalen

Man sieht sie oft am Wegrand: kleine, in die Jahre gekommene Steinkreuze, die eher unauffällig erscheinen. Dabei haben sie in der Vergangenheit eine wichtige Bedeutung gehabt und werden deshalb auch heute noch geschützt. Und die Sagen und Geschichten, die sich um sie ranken, sind durchaus spannend, wie Lotte und Werner Hertle aus Aalen wissen. Sie haben diese sogenannten Kleindenkmale in der Region dokumentiert und sind den Geschichten dahinter nachgegangen.

"Angefangen hat es vor 25 Jahren", erzählt Hertle. "Wir waren damals viel unterwegs, und uns ist immer dieses Steinkreuz bei Pflaumloch aufgefallen." Die beiden wollen wissen, was es damit auf sich hat, und lesen sich ein. Das Ergebnis ihrer Recherche: Es handelt sich um sogenannte Sühnekreuze, eine Untergruppe der Kleindenkmale. Alle von ihnen sind an eine spezielle Gegebenheit gebunden.

Das Paar entscheidet sich, die Kreuze im Ostalbkreis zu dokumentieren, denn bis zu diesem Zeitpunkt war noch wenig über sie bekannt. "Wir haben dann insgesamt 45 der mittelalterlichen Kreuze im Ostalbkreis ermitteln können", erinnert sich Hertle. "Wir haben sie fotografiert und an den Orten nachgefragt", fährt er fort, "und haben dabei alle möglichen Sagen erfahren."

Der Mord an einem Adeligen

Genaueres findet man dazu auch im Aalener Jahrbuch aus dem Jahr 1994, das im Internet frei zugänglich ist. Dort erläuterten die Hertles die Geschichte der Sühnekreuze, bevor sie 2004 ihr eigenes Buch darüber veröffentlichten. Da gibt es etwa die Geschichte des jüngsten Sohns von Georg Adelmann von Adelmannsfelden, Christoph, der zwischen Hohenstadt und Abtsgmünd ermordet wurde, als er sich auf dem Heimweg einer Wallfahrt befand. Jörg Alexander von Coßmeroff soll ihn gemeinsam mit vier Knechten umgebracht haben.

500 rheinische Gulden für Christophs "Seligkeit und Trost" mussten die Täter bezahlen – das bedeutet, dass dieses Geld etwa in Seelenmessen, Wallfahrten oder den Bau von Sühnekreuzen gehen soll. Das Sühnekreuz ist heute immer noch zu finden – es steht nahe der B19 zwischen Abtsgmünd und Hüttlingen, nördlich von Fachsenfeld.

Diese ganzen Informationen gehen aus dem Sühnevertrag vom 17. November 1495 hervor, der sich im Gräflich Adelmannschen Archiv in Hohenstadt befindet.

Was zunächst befremdlich klingt und wie ein "Freikaufen" von der Schuld – und das im Mittelalter mit seinem grausamen Ruf – hatte durchaus einen tieferen Sinn. Damals regelten die Menschen solche Angelegenheiten des Öfteren mit Blutrache, was zu einem ständigen Kämpfen und gegenseitigem Morden führte.

Selbstjustiz Einhalt gebieten

Das ist Heimatkunde hautnah.

Werner Hertle Heimatforscher

Also wurden die Sühneverträge ins Leben gerufen, um die Selbstjustiz eindämmen zu können. "Wenn die Täter nicht zum Tode verurteilt wurden, gab es die Sühneverträge", erläutert Hertle. Zu denen gehörte neben dem Errichten eines Sühnekreuzes auch die Auflage, eine Wallfahrt zu machen. "Dann waren die Verbrecher viele Jahre weg", so Hertle weiter. Bei ihrer Rückkehr seien Rachegelüste dann oftmals schon in Vergessenheit geraten – und nebenbei konnten auch Kirche und Herrschaft durch einige der Abgaben finanziell davon profitieren.

Kreuze als Schutz vor Geistern

So gut dokumentiert wie die Geschichte von Christoph sind aber nur wenige der Sagen, die sich um die Kreuze ranken. "Wir haben festgestellt, dass es oft Wandersagen sind, die geschichtlich nicht belegbar waren", erzählt Hertle. In unterschiedlichen Orten habe sich oftmals dieselbe Sage um ein Kreuz gerankt – nur dass es einmal ein Franzose war, das andere Mal ein Schwede, der ermordet wurde.

Bei diesen Kreuzen handelt es sich übrigens nicht um ein Sühnekreuz wie das von Christoph. "Solche Schweden- oder Franzosenkreuze gab es nach kriegerischen Auseinandersetzungen", erläutert Hertle. Damit sollte erreicht werden, dass die Geister der getöteten Kontrahenten ihre Gegner nicht heimsuchen.

Eines der ältesten Steinkreuze ganz Deutschlands steht übrigens an der katholischen Kirche in Abtsgmünd, nachdem es in den 1980ern bei Bauarbeiten gefunden wurde. "Es hat eine sehr schöne Inschrift und man kann es gut erreichen", sagt Hertle.

Ein zeitintensives Hobby

Für Lotte und Werner Hertle war die Aufarbeitung der Kreuze ein zeitintensives Hobby. "Ich war viele Jahre in der Wohnungswirtschaft tätig, das war eine Art Ausgleich", sagt Werner Hertle. Und auch heute noch forscht er weiter und wird oft als Ansprechpartner herangezogen. Als Historiker sieht er sich aber nicht: "Das ist eher Heimatkunde hautnah."

Dennoch wurde das Buch "Sühne- und Gedenkkreuze im Ostalbkreis" des Ehepaars 2005 mit dem Kulturlandschaftspreis des Schwäbischen Heimatbunds ausgezeichnet. Heute ist es nicht mehr erhältlich – alle Kreuze und Informationen aus dem Buch dazu sind aber online einzusehen.

Eine Auflistung aller bekannten Steinkreuze in der Region sowie zugehörige Koordinaten, Sagen und weitere Zusatzinformationen gibt es online unter www.suehnekreuz.de.

Mehr zum Thema

Ein Kreuz unweit der Leonhardskapelle in Gmünd.
Das Kreuz, das auf der Gemarkung Fachsenfeld steht und für den verstorbenen Christoph Adelmann von Adelmannsfelden errichtet werden musste.

Zurück zur Übersicht: Ostalbkreis

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL