Die Situation an den Kliniken ist ernst

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13 Intensivbetten gibt es aktuell am Stauferklinikum. Ihre Zahl hängt ab von der Zahl der verfügbaren Ärzte und Pflegefachkräfte zur Betreuung der Patienten. Zurzeit sind fast alle Intensivbetten mit Covid-19-Patienten belegt.
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Immer mehr Intensivpatienten sind für die Ärzte eine Herausforderung. Ein Gespräch mit Dr. Ulrich Rapp über die Belastungen für die Mediziner, das Sterben und das Wesentliche an der Pandemie.

Schwäbisch Gmünd

Die Situation ist ernst. Sehr ernst. Sagt Dr. Ulrich Rapp. Elf Patienten sind am Donnerstag auf der Covid-Station des Stauferklinikums intensivmedizinisch behandelt worden, erklärt der Oberarzt der Intensivstation. Alle haben einen schweren Verlauf, alle müssen beatmet werden. „Wir haben seit Anfang der vorletzten Woche täglich große Anstrengungen, die Anzahl der intensivpflichtigen Covid-Patienten zu beherrschen“, sagt der Mediziner. Bislang sei es gelungen. Auch deshalb, weil mehrfach bis zu drei Patienten täglich in benachbarte oder überregionale Kliniken im Ostalbkreis und darüber hinaus verlegt wurden.

Dem Stauferklinikum stehen 13 der aktuell 32 im Ostalbkreis vorhandenen Intensivbetten zur Verfügung. Neben den Covid-Patienten dürften Notfallpatienten, die durch andere ernste Erkrankungen wie dringende Tumoroperationen intensivmedizinisch versorgt werden müssen, nicht auf der Strecke bleiben, erläutert der Mediziner. Dies gelingt nur, weil Rapp ein Team aus gut 20 Ärzten und 40 Pflegefachkräften um sich hat, das die Herausforderungen Tag für Tag aufs Neue rund um die Uhr Hand in Hand strukturiert angeht.

Dafür ist der Mediziner den Kollegen dankbar. Denn was sie Tag für Tag erleben, ist belastend. „Die Patienten leiden durchschnittlich am siebten Tag des Symptombeginns an einem schweren Lungenversagen und/oder Komplikationen wie Lungenembolien oder Schlaganfällen“, erläutert der Intensivmediziner den Verlauf einer schweren Covid-Erkrankung. Zudem seien häufig Nierenversagen oder so genannte Co-Infektionen mit Bakterien zu beobachten, weil das Immunsystem geschwächt ist. Die Ärzte müssen darauf mit unterschiedlichen Formen der Beatmung reagieren - von einfacher Unterstützung bis zur Intensivbeatmung. Bei manchen Patienten sei dies über viele Wochen notwendig. Nicht alle überleben. Im Ostalbkreis sind bis vergangenen Donnerstag 337 Patienten an Covid-19 gestorben. „Die meisten sind sicherlich direkt an Lungenversagen gestorben“, an der fehlenden Möglichkeit also, dem Körper über die Lunge Sauerstoff zuzuführen. In einem Satz: Sie erlitten einen Erstickungstod. Ein Trost hierbei, wenngleich nur ein schwacher, ist, „dass die Patienten Medikamente bekommen und das nicht mitkriegen“. Was Rapp und andere Intensivmediziner beobachten: dass mehr jüngere Menschen erkranken und es in der Folge zu mehr schweren Verläufen bei jüngeren Menschen kommt. Dies erklärt der Mediziner auch damit, dass die älteren Menschen zu einem Großteil bereits geimpft seien oder erkrankt waren.

Dass Langzeitfolgen einer Corona-Erkrankung immer mehr Thema werden, nimmt auch der Intensivmediziner wahr. Er und seine Kollegen haben nach der ersten Welle Kontakt zu Intensivpatienten gesucht. Unter ihnen gebe es alle Varianten von Genesenen bis zu Menschen mit „sehr nachhaltigen Gesundheitseinschränkungen wie dauerhafte Müdigkeit, deutliche Leistungseinschränkung im Alltag, kompletter Verlust des Geschmacksinns oder Pflegebedürftigkeit“. Aktuell hätten er und seine Kollegen keine Zeit, frühere Patienten zu fragen, wie es ihnen gehe.

Dass die Zahl der Intensivpatienten in jüngster Zeit so dramatisch gestiegen und die Klinik am Limit ist, weshalb dies so ist, darauf kann Rapp keine Antwort geben. Liegt's an der höheren Ansteckungsgefahr durch die Mutanten, an der Corona-Müdigkeit der Bürger, am Leichtsinn einiger Menschen, an der Politik, an Querdenkern und ihren Versammlungen oder an familiären Treffen - solche Fragen beinhalten für den Mediziner immer eine „gewisse Schuldsuche“. Die aber lehnt er ab. Zwar sei es menschlich, „dass Antworten auf Fragen gesucht werden, um diese Pandemie zu erklären“. Gleichzeitig sieht er dabei jedoch eine „Schwarz-weiß-Denkweise“, die komplexe Zusammenhänge vereinfacht. „Fakt ist: Niemand trägt eine Schuld an einer Pandemie“, sagt der 45-Jährige. Was mehr oder minder gesichert sei: dass die britische Variante eine erhöhte Ansteckungsrate hat. Und dass es „weiterhin nur zwei wirkliche Mittel gegen die Pandemie gibt: Abstand und Impfen“. Allerdings: Intensivmediziner blickten immer nach vorne, sagt Rapp. Der Status quo laute: mehr Patienten, weniger Betten. Und dann klingt doch ein wenig Kritik durch: „Eine Pandemie, die sich in einer Woche entwickelt, kann nicht mit Entscheidungen kontrolliert werden, die sechs Wochen dauern.“

Ein gutes Jahr Pandemie, was macht das mit den Mitarbeitern des Klinikums? „Es ist natürlich eine Herausforderung für jeden, der in der Klinik arbeitet“, sagt dazu Rapp. Die Einzelschicksale häuften sich. Es seien oft Ehepaare auf der Intensivstation, von denen ein Partner versterbe, während der andere mit nachhaltigen Gesundheitsschäden die Station alleine verlasse. „Das stimmt einen nachdenklich“, sagt der Mediziner. Doch der Patientenandrang und die permanente Versorgungspflicht und Strukturierung ließen einem wenig Zeit. Deshalb will sich Rapp auch weniger mit Stimmen wie denen der 52 Schauspieler zu den Corona-Maßnahmen und den Gegenreaktionen beschäftigen, sondern mehr mit dem „Wesentlichen in der Pandemie: Impfen, Abstand halten und die beste Versorgung für die Patienten.“

Die meisten sind sicher direkt an Lungenversagen verstorben.“

Dr. Ulrich Rapp über, die Corona-Opfer im Ostalbkreis

Intensivbetten an den drei Ostalbkliniken

Im Ostalbkreis stehen derzeit 32 Intensivbetten zur Verfügung. 13 davon im Stauferklinikum, elf am Ostalb-Klinikum in Aalen und acht in der St. Anna-Virn-grundklink in Ellwangen. Die Zahl der verfügbaren Intensivbetten ist nicht immer gleich hoch. Sie ist abhängig vom Personal, das aktuell zur Verfügung steht. In den vergangenen Tagen ist die Zahl der Covid-Intensivpatienten deutlich gestiegen. Die drei Kliniken im Ostalbkreis sind deshalb am Limit.

Impfen, Abstand halten und die beste Versorgung für Patienten.“

Dr. Ulrich Rapp über, das Wesentliche in der Pandemie
Intensivmediziner am Stauferklinikum: Dr. Ulrich Rapp.

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