Die Strompreise treiben PV-Boom an

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Die PV-Stromerzeugung in der Region nimmt zu. Deshalb müssen die Stromnetze ausgebaut werden.
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Fotovoltaik wird ausgebaut, dank neuer Gesetze und weil es sich rechnet. Doch dem Handwerk fehlen Module und der Netzausbau stockt.

Ellwangen.

Vor 20 Jahren wurden erstmals in größerem Stil Solarmodule auf Dächer montiert. Das 100 000-Dächer-Programm mit garantierter Einspeisevergütung auf 20 Jahre Laufzeit war der Beginn eines  Paradigmenwechsels in der Stromerzeugung: dezentral auf jedem Dach statt wenige große Kraftwerke war die Idee.

Kaum eine der PV-Anlagen dieser ersten Generation ist nach Ablauf der Förderzeit tatsächlich vom Netz gegangen, sagt Matthias Steiner, Geschäftsführer der Netze ODR GmbH: „Die meisten stellen nach dem Förderzeitraum auf Eigenverbrauch um, was bei den aktuell hohen Strompreisen lukrativ ist.“

Auch für Betreiber von jüngeren Anlagen könne es interessant sein, vorzeitig die 100-Prozent-Einspeisung in eine Kombination aus Eigenverbrauch und teilweiser Einspeisung abzuändern.“ 

Ein paar Zahlen können veranschaulichen, wie sehr sich die Stromerzeugung in der Region verändert hat: Der Strom, den die ODR 2021 in ihrem Versorgungsgebiet an die Kunden verteilt hat, war zu 71 Prozent aus Anlagen regenerativer Energieen und wurde in der Region erzeugt. Er kam ganz konkret aus 33 322 Anlagen, zu 19 Prozent aus Windkraft, 32 Prozent Biomasse und 42 Prozent Fotovoltaikanlagen. Alle summieren sich auf 1020 Megawatt Leistung.

Strom wird teurer, PV-Module werden billiger

Seit Sommer 2021 steigen die Energiepreise und machen die Stromerzeugung aus Solarmodulen immer attraktiver. Denn die Kosten für Solarmodule sind seit dem 100 000-Dächer-Programm stetig zurückgegangen, während die Leistung der Anlagen und ihre Zuverlässigkeit immer besser wurde.

Heute kann man auf einer Fläche von knapp zehn Quadratmetern Solarzellen mit einer Leistung von etwa einem kWp (Kilowattpeak) installieren. „Damit lassen sich jährlich 800 bis 1000 Kilowattstunden Strom in unserer Region erzeugen“, erfährt man beim Energiekompetenzzentrum Ostalb (EKO).

Im vergangenen Jahr wurden bei der ODR so viele PV-Anlagen neu beantragt, dass in Summe über 800 Megawatt Leistung hinzukommen würde, wenn alle gebaut würden.

Das ist ein Zuwachs von 500 Prozent gegenüber 2017. Ein Großteil der Anträge betrifft größere Anlagen über 500 kWp. Nicht alle beantragten PV-Anlagen werden schnell gebaut werden können. Zum einen hört man aktuell immer wieder von Versorgungsengpässen mit PV-Modulen und auch das Elektrohandwerk hat kaum noch Kapazitäten frei.

Der Hauptgrund, weshalb der Bau neuer PV-Anlagen möglicherweise nicht in dem Tempo erfolgen wird, wie es die Anlagenbetreiber gerne hätten, liegt jedoch am erforderlichen Netzausbau. Die Netze ODR weist den Antragstellern Einspeisepunkte im Stromnetz zu, das deshalb ständig erweitert werden muss.

Stromüberschüsse aus den Erneuerbaren Energieen- (EE-) Anlagen in der Region müssen über Mittelspannung in Regionen abgeleitet werden, wo der Verbrauch höher ist. Der Netzausbau hält mit dem geplanten Ausbau der EE-Anlagen aber nicht Schritt.

ODR-Vorstand Sebastian Maier: „Wir warten seit sieben Jahren auf die Genehmigung der 110-KV-Leitung bei Ellwangen. Dabei muss hier gar nicht neu gebaut werden, wir wollen ja nur auf bestehende Masten einen zweiten Kreislauf auflegen.“ Und nicht besser sieht es bei den großen „Südlink“ genannten Trassen aus, die den Windstrom aus dem Norden herbeiführen soll, wenn im Süden Sonne fehlt und Windstille herrscht. Aktuell wird befürchtet, dass sich die geplante Fertigstellung von 2026 auf 2028 verschieben könnte.

Netzstabilität oberste Prämisse

Netzstabilität ist für die Netze ODR GmbH die oberste Prämisse, aus der sich alle Maßnahmen ableiten: Um bei stetig wachsendem PV-Anteil das Netz stabil zu halten, müssen Stromüberschüsse entweder abgeregelt oder immer weiträumiger abgeleitet werden.

Bei Windrädern und PV-Anlagen über 100 kWp kann der Netzbetreiber den Abschaltknopf betätigen, wenn es notwendig ist. Die abgeregelte Strommenge muss dem Erzeuger jedoch bezahlt werden, die Kosten werden auf alle Netzteilnehmer umgelegt. Lastspitzen bei Wind- und Sonnenflaute müssen über Kraftwerke abgedeckt werden, die schnell hoch- und herunterzufahren sind, in der Regel mit Erdgas betrieben. Auch ihr Betrieb ist kostspielig und wird von allen Netzteilnehmern über die EEG-Umlage bezahlt. Dass die Stromkosten bald wieder sinken könnten, ist daher eher unwahrscheinlich. Maier: „Mittelfristig erwarten wir keine sinkenden Strompreise.“

Einen Ausweg für die Stromkunden bietet die Eigennutzung von Fotovoltaik-Strom, denn bis zu einer Anlagengröße von 30 kWp ist die Eigennutzung von der EEG-Umlage befreit.

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