Die Wiedergeburt eines Kunstwerks

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Restaurator Hermann Petersohn bei der Arbeit in seinem Atelier. Das Werk „Maria Magdalena“ soll einen Platz im Museum Schwäbisch Gmünd erhalten.

Restaurator Hermann Petersohn sichert historische Werke und macht sie wieder erlebbar. Zentimeter für Zentimeter kommt er voran.

Die Geschichte nimmt ihren Anfang am 5. November 1966. Die Stadt Florenz geht fast in den Wassermassen einer Überschwemmung unter. Die Uffizien, der Palazzo Vecchio, der Piazza Signoria, die Via Calzaiuoli, der Domplatz und das gesamte Zentrum erleben eine Schlammflut, viele Kunstwerke sind zerstört. Hermann Petersohn sieht die Bilder in der Zeitung, in der Tagesschau und fasst einen Entschluss: Er will Restaurator werden.

Der Berufswunsch kommt der künstlerischen Neigung des damals 13-Jährigen entgegen. Mit 19 beginnt er die Ausbildung zum Gemälderestaurator. Seit über 40 Jahren restauriert er Werke aus früheren Jahrhunderten, vor allem für Museen wie das in Schwäbisch Gmünd. Der gebürtige Mainzer, der heute sein Atelier in Göppingen betreibt, kennt sich aus im Prediger. Wichtige Werke der Sammlung sind für Besucher des Museums wieder erlebbar, weil sie Hermann Petersohn nicht nur gerettet, sondern auch wirklich sichtbar gemacht hat.

Auf den Werken liegt meist eine fürs Auge kaum zu durchdringende Schicht aus Schmutz und häufig auch Firnis, oft Reste früherer Restaurierungen und Restaurierungsversuche. Nach der Behandlung kommen die Originalfarben zum Vorschein, auch Details, die zuvor kaum zu erkennen waren. Viele Stunden Arbeit stecken dahinter. Was gibt ihm den Antrieb: „Es ist die Freude, dass Kunstwerke gerettet werden“, sagt der Restaurator, der für sich den Anspruch erhebt, „immer auf dem Stand der Zeit zu sein“.

Historischer Hintergrund

Der Beruf werde immer mehr zur Wissenschaft. „Wir arbeiten heute mit Chemikern und Physikern zusammen. Manchmal auch mit Biologen, wenn wir etwa einen Schimmelpilz analysieren wollen.“

Darüber hinaus beschäftigt sich Hermann Petersohn immer mit dem historischen und kunsthistorischen Hintergrund eines Werks. Anders als in den 1960er- und 1970er Jahren achte man heute auf die Sicherung des Originals. „Früher musste ein Bild schön aussehen, wenn es in die Ausstellung kam.“ Da haben auch mal Nicht-Restauratoren zur Farbe gegriffen und ergänzt. Heute unvorstellbar. So wird jedes noch so kleine Detail erhalten. „Wir arbeiten uns Quadratzentimeter für Quadratzentimeter voran“, sagt er. Beim aktuell zu restaurierendem Werk aus dem Gmünder Museum – es ist das Gemälde „Heilige Maria Magdalena“ des aus Gmünd stammenden Malers Johann Christoph Katzenstein des Älteren aus dem Jahr 1686 – sind das genau 23 144 Quadratzentimeter. 176 mal 131,5 Zentimeter groß ist die Arbeit (mehr dazu im Kasten).

Immer eine Lösung

Aber der Reihe nach: Die Restaurierung beginnt oft mit einer Notsicherung. Museumsleiter Dr. Max Tillmann zeigte das Bild vor Restaurierungsbeginn. Um es überhaupt transportieren zu können, wurden Bildpassagen mit Seidenpapier gesichert, weil sie sonst reißen könnten, weil sich Malschichten ablösen würden. In diesem Fall leidet das Bild auch unter starken Wölbungen, vor allem im Randbereich. Mit speziellen Verfahren gelingt es ihm, die Leinwand wieder zu glätten. Dazu gehört auch die Reinigung der Rückseite. Oft wurde in der Vergangenheit Schellack aufgetragen, nicht immer zum Vorteil für die Haltbarkeit. Hermann Petersohn hat in den vier Jahrzehnten Erfahrungen gesammelt, welche Werkzeuge und Lösungen fürs Kunstwerk am schonendsten sind. Danach kommt das historische Werk auf eine Arbeitsplatte, wird dort an den Rändern mit unzähligen Klebestreifen fixiert. Der Laie sieht jede Menge rissartige Erhebungen und Stellen, an denen sich die Farbe längst verabschiedet hat. Das macht Hermann Petersohn nicht nervös. Er kennt immer eine Lösung. Und doch weiß er: „Im Lauf der Restaurierung erlebt man immer Überraschungen.“ Seit Anfang 2021 beschäftigt er sich mit „Maria Magdalena“ und ein Ende ist in Sicht. „Im Herbst kann es vielleicht fertig werden“, sagt Hermann Petersohn. Wenn sich die Überraschungen in Grenzen halten.

Es ist die Freude, dass Kunstwerke gerettet werden.“

Hermann Petersohn

Verschollen und wieder aufgetaucht

Das Gemälde „Heilige Maria Magdalena“ des aus Gmünd stammenden Malers Johann Christoph Katzenstein des Älteren (1627 bis 1695) galt viele Jahre als verschollen, ist jetzt wieder aufgetaucht und hat möglicherweise besonderen Bezug zum Prediger. Für Schwäbisch Gmünd ist es vielleicht von kulturgeschichtlicher Bedeutung. Das 1686 entstandene Werk, so wird vermutet, könnte Teil des Altarbilds der Kirche im Dominikanerkloster, dem heutigen Prediger, gewesen sein. An der Stelle befinden sich heute Galerie und Festsaal.

Um 1800 wurde die Maria Magdalena geweihte Kirche aufgegeben, das Bild landete nach Forschungen von Hermann Kissling vermutlich 1912 auf dem Dachboden der Kirche St. Cyriakus in Straßdorf. Später kam es in die Städtische Altertümersammlung, das heutige Museum. Vermutlich wurde es beim Umzug in den Prediger aussortiert und damals nicht entsprechend katalogisiert.

Dr. Max Tillmann spricht von „einem wichtigen Werk für die Stadt“, hat sich für eine Restaurierung engagiert. Dafür konnte er die Ernst-Siemens-Kunststiftung gewinnen, die extra für die Corona-Zeit einen Betrag bereitstellt, um selbstständigen Restauratoren Aufträge zu ermöglichen. Nach Worten von Museumsleiter Dr. Max Tillmann könnte „Maria Magdalena“ die frühbarocke Abteilung substanziell bereichern. Dort gibt es weitere Bilder von Katzenstein. Die Gmünder Dynastie Katzenstein ist im Museum mehrfach vertreten. So findet sich eine Gedenktafel der Familie Katzenstein aus der Zeit um 1600 im Stil des Manierismus in der Dauerausstellung. Im Museum existiert auch ein Werk von Johann Christoph Katzenstein dem Jüngeren, der von 1674 bis 1753 gelebt hat. Ein Bild der Volksfrömmigkeit, wie es vom gleichen Maler in weiteren Kirchen im ostwürttembergischen Raum vorkommt. Es zeigt einen vor dem Schmerzensmann knienden Pfarrer, vermutlich ein Verwandter der Familie. kust

Kleine Hilfsmittel – große Wirkung: der Arbeitsplatz.
Zentimeter für Zentimeter geht's bei der Reinigung voran.

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