Diese Äpfel haben starken Charakter

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Im Ostalbkreis wachsen noch rund 500 bis 600 verschiedene Apfel- und Birnensorten, doch jedes Jahr gehen weitere Bäume verloren.

Ellenberg

Vor dem Hintergrund der letzten großen Hungersnöte in seinem Land hatte der württembergische König Karl 1890 verordnet, dass den Untertanen Obstbaumpflanzen kostenlos überlassen werden – vorausgesetzt, sie gründen einen Obst- und Gartenbauverein, um die Schenkung zu pflegen.

Franz Meyer sieht in dieser königlichen Schenkung einen Schatz, von dem die Menschen noch heute profitieren können, doch längst nicht alle erkennen dies. Meyer ist Vorsitzender des Kreisverbands der Obst- und Gartenbauvereine und führt durch einen Streuobstgarten in Ellenberg.

"Ellenberg gründete damals einen Obst- und Gartenbauverein und bekam 3000 Bäume, die entlang von Wegen und auf Wiesen nahe der Ortschaft gepflanzt wurden", berichtet er. Vielleicht war sogar einer der Obstbäume in diesem Garten dabei. Ein riesiger Birnbaum mit einem Stammdurchmesser von über 70 Zentimetern – Meyer kann ihn mit beiden Händen nicht umfassen – könnte 150 Jahre alt sein.

Warum waren denn dem König die Obstbäume so wichtig? "Weil das Obst so gesund und so vielfältig verwendbar ist", erklärt Meyer. Äpfel, Birnen, Kirschen, Zwetschgen, Mirabellen und Walnüsse, das waren Früchte, die vor 100 Jahren noch einen wesentlichen Teil des täglichen Nahrungsmittelbedarfs deckten. Das Obst landete frisch auf dem Tisch, wurde verbacken und bereicherte zahlreiche Kochrezepte. Es wurde zu Saft gepresst, zu Most vergoren, eingekocht, getrocknet und so haltbar gemacht.

Heute läuft das Erbe des königlichen Obstfreundes Gefahr, endgültig verloren zu gehen. "Jedes Jahr verschwinden allein in Baden-Württemberg 100 000 Streuobstbäume" stellt Meyer fest. Die wenigsten, weil sie Straßen oder Baugebieten weichen müssen. Es ist das Desinteresse der Besitzer, das die meisten Bäume verschwinden lässt, weil sie nicht mehr gepflegt werden und nach ihrem Ableben kein Ersatz gepflanzt wird.

Dabei sind die Streuobstwiesen auch aus Gründen des Artenschutzes wichtig. Meyer zeigt ein Astloch: "Ein idealer Nistplatz für Singvögel. "Ich lasse die alten Bäume so lang wie möglich stehen, weil sie Habitat für Vögel, Insekten und andere Arten sind."

Mit dem Verschwinden der Streuobstgürtel um die Dörfer geht ein Aussterben alter Obstsorten einher. Meyer schätzt, dass im Ostalbkreis noch rund 500 bis 600 verschiedene Apfel- und Birnensorten wachsen. Darunter richtig alte, wie in Zöbingen die "Zöbinger Birne", die als eigene Sorte geführt wird.

In den Lebensmittelmärkten werden nur eine Handvoll Sorten gehandelt, die samt und sonders von Obstplantagen kommen. In der Regel werden die Bäume mit Pestiziden behandelt. Das wirklich gute, gesunde Obst verrottet dagegen oft ungenutzt am Boden, weil sich keiner darum kümmert.

Ein Baum voller runder roter Äpfel fällt in den Blick: "Jonathan", eine spätreifende Sorte, erklärt Meyer. Wollte man den Ertrag dieses Baumes vermarkten, blieben vielleicht 20 Prozent der Früchte übrig, die den Ansprüchen des Lebenseinzelhandels genügen. Alle anderen sind zu groß, zu klein, zu krumm, zu fleckig, schmecken aber genauso gut wie die anderen.

Sorgfältig gebrockt und kühl gelagert halten sich diese Äpfel monatelang. Man kann sie bis nach Fasnacht noch frisch essen oder verkochen. Noch besser eignen sich dafür "Brettacher", "Winterrambur" oder der "Bohnapfel". Die erreichen ihren vollen Geschmack erst, wenn sie einige Wochen im Lager waren.

Meyer führt weiter durch den Streuobstgarten und gibt eine Führung in Sortenkunde:

  • Herzogin Elsa, eine feine Birne, die sich gut zum Einkochen eignet
  • Schopflocher Streifling, ein selten gewordener süßer Apfel, der sich gut zum Saften eignet

Wer eine Apfelallergie hat, sollte mal alte Sorten versuchen.

Franz Meyer Vorsitzender Kreisverband
  • Freiherr von Berlepsch, der Apfel mit dem höchsten Vitamin C-Gehalt
  • Boskop, ein Apfel mit brauner Schale, der sich hervorragend als Brat- und Backapfel eignet. Der Baum trägt allerdings nur jedes zweite Jahr.
  • Jakob Lebel, ein grüner Saftapfel mit den typischen roten Streifen.
  • Goldrenette von Plenheim, eine alte Apfelsorte, die schon 1740 bekannt war
  • Riesenboike, ein großer gelber Apfel zum frisch Essen oder Saften
  • Öhringer Streifling, eine selten gewordene, regionale Sorte, die dem Mikroklima angepasst ist
  • Grahams Jubiläumsapfel, ist für rauhes Klima geeignet und gedeiht bis auf eine Höhe von bis zu 800 Meter über dem Meeresspiegel.

Warum sind die alten und regionalen Sorten eigentlich so wichtig? "Weil nachgewiesen ist, dass sie verträglicher sind und weniger allergene Stoffe enthalten als moderne Züchtungen", erklärt Meyer. Und weil sie in ihren Genen viele wertvolle Eigenschaften tragen, natürliche Widerstandskraft gegen Schädlinge, Bakterien, Viren, Wetter und Klimaschwankungen. Letzteres wird in Zeiten des Klimawandels immer wichtiger.

"Golden Delicious", "Pink Lady", "Jonagold", "Elstar", das sind Modesorten, die man in jedem Supermarkt bekommt. "Sie sehen schön und gleichmäßig aus, weil sie für Plantagenanbau gezüchtet sind. Geschmacklich schmecken die alle gleich und von den Inhaltsstoffen sind sie guten alten Sorten unterlegen", sagt Meyer, der den ganz eigenen und vielseitigen Charakter von alten Streuobstsorten bevorzugt. Die alten Sorten, erklärt er, haben noch Säure und geben dadurch mehr Geschmack in den Saft. Der sortentypische Charakter sei vielfältiger als bei Neuzüchtungen, die einheitlicher schmecken und zur vielseitigen Verwertung oft nicht so gut geeignet sind.

"Wer eine Apfelallergie hat, sollte es unbedingt mit den besser verträglichen alten Sorten wie Alkmene, Berlepsch, Gewürzluiken, Goldparmäne, Gravensteiner, Kaiser Wilhelm oder Boskoop probieren", empfiehlt er. Diese Sorten enthielten deutlich mehr Polyphenole (Farbstoffe) und seien deshalb verträglicher.

Und wie verwendet Meyer den Ertrag von diesem großen rund ein Hektar großen Obstgarten. Hier stehen immerhin fast 100 Bäume. "Der gehört gar nicht mir", sagt er schmunzelnd. "Den hat mein Sohn vor vier Jahren gekauft. Ihn hat das Streuobstfieber gepackt." Alexander Meyer hat in Wört eine Mosterei aufgebaut, wo er sortenreinen Apfelsaft herstellen kann. Hier verarbeitet er auch das eigene Streuobst.

Wessen Interesse für alte Obstsorten geweckt ist, dem sind die Aktivitäten des Kreisverbands zu empfehlen. Der pflegt zahlreiche Streuobstbestände, bietet Fortbildungen, Fachwartkurse und andere Aktivitäten an.

Der Kreisverband im Internet: www.kogv-aalen.de

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