Eigentlich wäre die Ostalb ein Urwald aus Buchen 

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Wo Landschaftsschutz sichtbar ist: Der Sixenbach bei Ellwangen nach der Renaturierung.
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Wieso Blumenwiesen zu einer gefährdeten Art geworden sind: Landschaftsschützer Ralf Worm über seine Arbeit im „vielgestaltigen Ostalbkreis“.

Aalen. Hätte man die Natur einfach machen lassen, dann sähe der Ostalbkreis ganz anders aus: ein großer Urwald, mit mindestens 90 Prozent Buchen. Dass es anders ist, liegt an Generationen von Ostälblern. „Wir haben eine Kulturlandschaft, die schon 400 Menschengenerationen gesehen hat. Alles, was wir haben, ist von Menschen gestaltete Landschaft“, sagt Ralf Worm, der oberste Landschaftsschützer des Kreises. 

Wieso dann Naturschutz, wenn nichts mehr natürlich ist? Der Gedanke hinter der Frage ist zu simpel. Weil es die umfassenden Eingriffe des Menschen in die Ostalb-Landschaft erst die Lebensräume geschaffen haben für viele Tier- und Pflanzenarten. „Wenn alles Wald wäre, hätten wir 50 Prozent weniger an Pflanzenarten als jetzt“, sagt der Geschäftsführer des Landschaftserhaltungsverbands Ostalbkreis. „Dieser Artenreichtum ist menschengemacht.“

Was Worm erzählt, ist keine Ökologie fürs Lehrbuch, sondern zum Anschauen und Erleben. Zum Beispiel an den Wacholderheiden auf dem Kalten Feld, im Wental oder am Ipf. Beliebte Naherholungsgebiete, die zugleich ökologisch wertvoll sind, weil sie Heimat sind für seltene Tier- und Pflanzenarten. „Das ist, wo sich Tourismus und Ökologie treffen.“

Die Wacholderheiden und ihr Erhalt warten jahrzehntelang das Topthema für die Landschaftsschützer im Kreis, inzwischen sind es die Blumenwiesen, die als Teil der Landschaft vom Aussterben bedroht sind. „Dort gibt es 40 bis 70 Pflanzenarten pro Wiese und noch rund  zehnmal so viel Tierarten“, erzählt Ralf Worm. Aber die intensive Landwirtschaft hat der Vielfalt entgegengewirkt. „Die Blumenwiesen gehen kaputt, wenn man nährstoffreicher düngt“, erklärt Worm.  Das ist seit den 60er-Jahren passiert, als Spaltenböden in Ställe eingebaut wurden. Bis dahin lag Stroh in den Ställen, das danach erst auf dem Misthaufen, dann auf den Feldern landete. Von jetzt ab gab es Gülle als Dünger. „Und die Landwirte haben entdeckt, dass die Gülledüngung für die Milchproduktion hervorragend ist.“ Doch vielen Blumenarten vertragen die nährstoffreiche Gülle nicht, es kommt zur Artenarmut in Form relativ weniger starker Gräser, die dadurch gut gedeihen. „Wir haben nur noch vier Prozent artenreiches Grünland im Ostalbkreis“, sagt Worm. Den Bauern macht der Landschaftsschützer überhaupt keinen Vorwurf. „Die Landwirtschaft macht das gleiche wie wir alle: Sie ist gezwungen, effizient zu wirtschaften. Aber bei ihr wird es in der Landschaft sichtbar.“ Auch die Arbeit der Landschaftsschützer zeigt sich in der Landschaft, zum Beispiel als „Blühstreifen“ am Straßenrand: artenreiche Blumenwiesen von Menschenhand.  
Es wird aber nicht alles schlechter im Lauf der Zeit. „In einigen Bereichen haben wir einen größeren Artenreichtum als früher“, sagt Ralf Worm. Bei den so genannten Beutekreisern etwa, Raubvögeln, die eine Zeitlang fast ausgerottet waren, auch das Comeback des Bibers ist ein Beispiel. 

Und dann ist da noch das große Plus der Ostalb: Sie ist ein Landkreise mit sehr unterschiedlichen landschaftlichen Formationen. „Im Hochschwarzwald ist alles Hochschwarzwald. Aber wir haben hier alles, wenn man von Hochgebirgs- und Küstenvegetation absieht.“ Das liegt an der Dreiteilung in Alb, Albvorland und das Bergland des Schwäbischen Waldes mit seinen steilen Tälern. Dazu kommen als Einsprengsel noch ein paar Besonderheiten, zum Beispiel das nördliche Ries. „Die Ostalb ist sehr vielgestaltig, es gibt nicht so viele Kreise, die so eine Vielfalt haben.“

Ralf Worm vom Landschaftsserhaltungsverband Ostalbkreis.
Menschengemachte neue alte Artenvielfalt: ein Einsaatstreifen an der Aalener Westumgehung.

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