Ein Einhorn, das ins 21. Jahrhundert passt

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Yasmin Münter als "Netti" in "Alle außer das Einhorn", einer Online-Inszenierung des Theaters der Stadt Aalen.
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Das Theater der Stadt Aalen feiert Premiere einer Online-Inszenierung. Wie das funktioniert.

"Du Hässlichkeit", "Hodenkobold", "Bring dich um". So klingt Mobbing im Jahr 2021. Oder besser, so liest es sich. Denn Netti bekommt solche Nachrichten im Sekundentakt. Auf ihr Handy. Kling, kling, kling ... Da passt es, dass man beim Zuschauen vor dem heimischen Bildschirm sitzt, "Alle außer das Einhorn" im Youtube-Online-Steam anschaut und sich bei diesem Ton dabei ertappt, dass man mal nebenher noch das eigene Handy checkt. Könnt ja was Wichtiges sein. Ein, vielleicht auch ungewollter, Kniff des Theaters bei dieser Online-Premiere. Inszeniert haben das Stück von Kirsten Fuchs Winfried Tobias und Anne Klöcker vom Theater der Stadt Aalen. Und dabei ein unkonventionelles, erfrischend anderes Format entwickelt. Das Ergebnis funktioniert gleich auf mehreren Ebenen, unterhält bestens und zeigt zudem Möglichkeiten des Digitalen auf, die die Bühne nicht hat.

Mobbing ist das Thema und im Mittelpunkt steht Netti, "das Einhorn", das nicht in den Klassenchat darf. Netti spricht mittels Handydisplay mit ihren Zuschauerinnen und Zuschauern, erzählt ihre Geschichte, während ihre Eltern verständnisvoll an der Türe kratzen.

Fast eins zu eins könnte man schon dieses Bild lösen: geteilter Bildschirm, drei Einstellungen, fertig. Auch das wird zu sehen sein. Doch das Regieteam Tobias und Klöcker gehen von Anfang an auch andere Weg: Rechts und links von Netti Schlüssellöcher, Mund und Auge treten daraus hervor, freundliche Ratschläge gibts aus dem Off von Mutter und Vater. Fiese Nachrichten von den Unbekannten aus dem Chat ganz direkt aufs Display. Im Dauerbeschuss. Schnitt. Nun zeigt eine Handykamera zwei Turnschuhe auf dem Asphalt, ein Junge spricht über sein Gewicht: Julius, Nettis einziger Freund. Noch. Denn er schlägt sich auf Fevers Seite. Sie ist neu in der Klasse und hat den Shitstorm gegen Netti angezettelt. Später erfährt der Zuschauer: auch sie, von Julia Sylvester genüsslich verschlagen verkörpert, war mal Mobbing-Opfer und sagt: "Das, was ich jetzt mache, ist dagegen Kindergarten." In dessen "Alle außer das Einhorn"-Gruppe gerne auch die Premierengäste eintreten dürfen: Ein QR-Code, zu Beginn auf dem Bildschirm gezeigt, ist der Schlüssel in den Klassenchat, der auch während der "Vorführung" eifrig weiter befeuert wird.

Die Rollen wechseln

Täter, Opfer, Mitläufer, Zuschauer. Kirsten Fuchs lässt diese Rollen im Stück immer wieder wechseln. Beständig bleibt nur, dass Erwachsene, ob nun Eltern, Busfahrer oder die Lehrerin, nicht Teil der digitalen Welt sind. Auch der verdruckste Mitläufer und Zuschauer Julius (Philipp Dürschmied) wird nachts vor dem Bildschirm zu "Hunter 30": "Im Internet, das gibt es keine Prügel", sagt er und macht sich straff. Irgendwie scheint das alles schon normal zu sein. Vielleicht schweigt Netti, die Yasmin Münter glaubhaft als Zufallsopfer, auch deshalb, als sich ihr die Gelegenheit bietet, zu sprechen. Lieber schlägt sie bei der Kostümparty an der Schule zurück.

Umgesetzt wird die Geschichte mit allem, was die digitale Zauberkiste hergibt. Sprechblasen, Apps, die einem Tierohren verpassen oder verfremdete Bilder, Realaufnahmen aus dem Klassenzimmer oder der Theaterbühne – 50 Minuten lang überrascht dieses gelungene Onlinestück – ohne jegliche moralische Bewertung. Ein Live-Erlebnis ist es nicht, aber interaktiver als die meisten Live-Inszenierungen. 331 Aufrufe zählt das Theater, bevor es von der Youtube-Plattform genommen ist. Das zeigt auch, dass der Hunger nach Kultur ungebrochen ist.

Der digitalen Premierenparty auf "wonder.me" folgen danach aber nur wenige. Dort kann man unter anderem auch die Autorin Kirsten Fuchs treffen. Die ist mit der Umsetzung mehr als zufrieden und sagt, sie habe gedacht. "Wow, das ist aber schnell und spannend." Kann man nur zustimmen.

Das Stück wird voraussichtlich nur für Schulen als digitale Schulvorstellung über theater-stream.de zu buchen und sehen sein.

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