Ein unheimlicher Auftritt mit Witz

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An der AOK-Kreuzung steigen die Unbekannten aus den Bussen und zünden ihre Fackeln an.
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Am Sonntag kehrt "der Pennäler Schnitzelbank" zurück und beschert den Ellwangern einen in der ganzen Region einmaligen Fasnachtsauftritt zum Gruseln.

Ellwangen

Man hat sie schon mit dem Ku-Klux-Klan verglichen, jene schwarzen Kapuzenmänner, die immer am Abend des Fasnachtssonntags als Hundertschaft mit Fackeln, Trommeln und im Gleichschritt in die Ellwanger Innenstadt marschieren. Wer nicht weiß, was es mit der "Schwarzen Schar" auf sich hat, kann von ihrem martialischen Auftreten leicht befremdet sein. Die Verse, die sie auf mehr oder weniger stadtbekannte Personen reimen, darunter viele Lehrerinnen und Lehrer, brachten der Fasnachtsgruppe sogar die Bezeichnung "Femegericht" ein. Es kamen mitunter auch schon echte Skandale auf den Tisch, zumeist sind es jedoch eher die "kleinen Sünden", die öffentlich angeprangert werden und dem Wortwitz wird mitunter der Sachverhalt auch angepasst.

Denn bei aller schwarzen Uniformität handelt es sich doch um eine Fasnachtseinrichtung, nebenbei bemerkt die älteste weit und breit. "Der Pennäler Schnitzelbank" ist eine Narretei, eine Belustigung, mit dem Ziel, die Leute zu unterhalten und gemeinsam Spaß zu haben. Wenn ihr Einmarsch trotzdem auch für alteingesessene Ellwanger zum Gruseln ist, dann liegt das vielleicht daran, dass diese Gruppe noch der Geist einer anderen Zeit umweht.

Nach eigenen Angaben entstand der Pennäler Schnitzelbank im Jahr 1851. Es seien Schüler des Gymnasiums gewesen, die sich mit einer Aktion an Fasnacht gegen ihre Lehrer und die ganze Behäbigkeit des  Biedermeier aufgelehnt hätten, liest man in dem Buch "Geheimsache Schnitzelbank", das 2001 zum 150-jährigen Bestehen erschien. Sie seien angestachelt gewesen von Rechtsreferendaren, die den Geist der Revolution von 1848 aus den Universitätsstädten nach Ellwangen gebracht hatten. Wie auch immer, die Anfänge liegen bis heute im Dunkeln, was den Gruselfaktor natürlich befeuert. Die erste erhaltene Versliste ist von 1859.

Man muss vielleicht nicht gleich so hochpolitisch denken. Womöglich waren die Schüler der Oberprima einfach sauer, dass sie von den fastnächtlichen Festivitäten ausgeschlossen waren, insbesondere dem großen Ball der Museumsgesellschaft, in dem auch die ganzen Lehrer saßen. "Dann machen wir eben unser eigenes Ding" mögen sich die Schüler gesagt haben, schnappten sich jeder einen Domino, damals ein verbreitetes Kostüm, maskierten sich und zogen los. Man setzte sich einfach über das Zutrittsverbot hinweg, weil man unter der Maske ja auch nicht sofort als Schüler zu erkennen war. Und vielleicht waren die Alten ja auch gar nicht so unglücklich über den Auftritt der Unbekannten und freuten sich, als sie auch noch freche Verse zu hören bekamen.

Man hat in dieser Vorstellung alles beieinander, was bis heute die Faszination der Pennäler Schnitzelbank ausmacht: anonyme Akteure, die sich zur Fasnacht etwas Unerhörtes herausnehmen,  und eine saturierte Gesellschaft, die gerne eine unterhaltsame Störung hinnimmt, ja sogar eine persönliche Kritik, wenn sie als Spaß daher kommt.

Natürlich haben sich die Zeiten längst verändert. Damals drohten den Pennälern noch Schläge, Karzer oder gar Schulverweis, wenn sie im Verdacht standen, Teil des maskierten Auftritts gewesen zu sein, der selbstverständlich in den Folgejahren wiederholt wurde, was gottseidank bei den meisten guten Ideen so ist. Heute hört man äußerst selten davon, dass jemand über den Auftritt verärgert ist oder ernsthaft versucht, die Identität der "Schwarzen Schar" zu lüften. 

Diese traditionelle Fasnachtseinrichtung, denn das ist sie längst geworden, steht gewissermaßen unter dem Schutz der Ellwanger Bürgerschaft. Selbst hämisch kritisierte Geschäftsleute oder hohe Richter und Beamte, die eigentlich allen Grund hätten, wegen eines Verses beleidigt zu sein, lachen mit oder bedanken sich sogar für die Schmähung, wie man in Zeitungsannoncen immer wieder lesen durfte. Einerseits, weil es ohnehin keinen anderen Weg gibt, damit umzugehen, ohne sein Gesicht zu verlieren. Andererseits, weil man sich als Teil eines närrischen Treibens sieht, das alles darf, nur nicht aufhören.

Aus der Handvoll Akteure der Gründungszeit ist eine Macht geworden: als Hundertschaft ist der Pennäler Schnitzelbank schon aufmarschiert und es können unmöglich nur aktive Pennäler sein, die unter den Kapuzen stecken. So viele hat Ellwangen nämlich nicht. Die spontane Idee von einst ist durchorganisiert bis ins Detail. Man sieht nummerierte Armbinden, man hört, wie die Mitglieder mit Decknamen aufgerufen werden: "Kaktus, Amor, Saphus, Attila, Kardan, Venus, Mars" und die Antwort mit verstellter Stimme: "Hiiieeer!", dann das Kommando "als Herolde in die Kanne ab!" Die innere Organisation der Gruppe lässt sich von außen nur erahnen.

Da ist die Anführerfigur mit den weißen Handschuhen, als "Präsidium" bezeichnet, der eine herausragende Rolle zu haben scheint. Am deutlichsten wird das bei der Tanzstundenverleihung im "Roten Ochsen", wenn er jenes Mädchen küsst, das als "Tanzstundendame" ein neues Band an den Schellenbaum heftet. Alle anderen gehen dazu in die Knie, was man als Huldigung an die Frau oder an das Präsidium verstehen kann. Dann sind da die Trommler, der Sänger, Figuren, die sich in ihren farbigen Schärpen unterscheiden. Man sieht, wie sie miteinander tuscheln, sich gegenseitig mit Bier versorgen, wie sie mit ihren Peitschen den einen oder anderen Zuschauer necken, als würden sie ihn kennen. Was man nie sieht, ist ihr Gesicht. Obwohl die Schwarzen auch ordentlich Alkohol trinken, läuft der Abend, was die Anonymität angeht, extrem diszipliniert ab. Und auch sonst ist die Choreographie klar: die da um 19 Uhr von der AOK-Kreuzung her kommen, verschwinden nach Mitternacht wieder aus der Stadt. Keiner weiß, wer sie waren, woher sie kamen und wohin sie gehen. Aber die Verse, die sie vorgetragen haben und die man als Versliste schwarz auf weiß bekommen hat, die bleiben noch wochenlang Gesprächsstoff.

Auftritt dieses Jahr nur am Marktplatz

  • In diesem Jahr erfolgt der Auftritt der Pennäler Schnitzelbank coronabedingt in ungewohnter Art und Weise. Der Einzug und ein Auftritt in den Wirtschaften sind tabu, nur am Marktplatz dürfen die Mitglieder der Schwarzen Schar ihre Verse vortragen. Beginn ist um 18 Uhr. Vorher und nachher trägt die "Laienspielschar aus der hinteren Ledergasse" ihre Fasnachtsschlager vor. Auch die Guggenmusik Jagsttalgullys ist mit von Partie. Ein abgegrenzter Bereich mit 500 Plätzen ist bestuhlt, die Karten sind längst vergriffen. Von außerhalb kann man das Treiben auch ohne Impfnachweis verfolgen.

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