Einblicke ins brutalistische Rathaus

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Statischer Betoncharme im Aalener Rathaus Nun gibt es einen Bildband über Bau, Geschichte und Funktion des Gebäudes mit Fotografien von Ingrid Hertfelder.
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Die Stadt Aalen hat einen Bildband zur Geschichte des Gebäudes veröffentlicht. Darin geht es auch um dessen architektonische Bauform.

Kann so etwas wie "Brutalismus" schön sein? Es kann. Der Auffassung jedenfalls ist man bei der Aalener Stadtverwaltung und damit in guter Gesellschaft vieler Architekten. Der Brutalismus ist ein Baustil, der vor rund 50 Jahren seinen Höhepunkt hatte. Auch das Aalener Rathaus ist in dieser Zeit entstanden – im Mai 1972 begann man mit dem Bau. "Brutal.Schön", so der Titel eines Bildbandes zur Architektur und Baugeschichte des Rathauses, der nun erschienen ist. Eingegangen wird darin auf die Entstehungsgeschichte, die Architektur und die Funktion des Hauses. Das Buch beantwortet unter Mitautorschaft von Stadtarchivar Dr. Georg Wendt und Carola Moser M.A. Fragen wie "Warum Aalen ein neues Rathaus brauchte?" oder "Wie nahmen die Aalener das neue Rathaus wahr?", kurz, knapp, prägnant. Es zeigt auf, dass der charakteristische Sichtbetonbau typisch für die Ära des Brutalismus, dem Baustil der 60er und 70er Jahre ist.

Im Mittelpunkt neben historischen Aufnahmen stehen aktuelle, meist schwarz-weiße Innen- und Außenperspektiven der Fotografin Ingrid Hertfelder. "Die im Buch abgebildeten Motive und deren Sequenz sind letztendlich das Ergebnis eines Auswahlprozesses, den ich mehrere Male durchlief, mit einer immer strengeren Reduktion aufs Wesentliche", erklärt sie, wie sie ihre Motive auswählte. Als "roh, ungeschliffen, pragmatisch, ehrlich, monumental" beschreibt sie den Bau.

Lebendige Architektur

Für Außenstehende mag er als statische Hülle empfunden werden, anders für die Fotokünstlerin. "Für mich ist Architektur nicht statisch, sondern höchstlebendig, und dadurch überaus spannend". Die "Linien, die Weite, die vielfältigen Strukturen, die Farben, das Licht, die Betonoptik", all das bezeichnet Ingrid Hertfelder aus "fotografischer Sicht als wahre lebendige Augenweide." Die Auseinandersetzung mit dem Bau habe zudem ihre Sichtweise auf den Brutalismus wieder geschärft. "Ich muss gestehen, dass mir zum Zeitpunkt der Beauftragung der Brutalismus nur im Hinterkopf ein Begriff war. Man lernt so einiges auf der Kunsthochschule, aber das Wissen kommt eben nur dann wieder zum Vorschein, wenn man es weckt", erzählt die Fotografin.

Für mich ist Architektur nicht statisch, sondern höchstlebendig.

Ignrid Hertfelder Fotografin

Eine Lieblingsecke hat Ingrid Hertfelder während ihrer Arbeit im Rathaus gefunden. "Ich glaube, wenn ich mich für eine entscheiden müsste, dann wäre das aber der erste Stock, von der Westseite her mit Blick in die Eingangshalle und auf den breiten Flur, in Richtung Osten", sagt sie. Von dort sehe man die Gesamtstruktur sehr gut, spüre das Leben im Haus, und könne sich so ein gutes Bild machen.

Ein gutes Bild machen kann sich der Leser oder die Leserin auf von der vielfältigen Nutzung und der Funktion des Rathauses als ein Zentrum des politischen, kulturellen und sozialen Lebens der Stadt. Zudem finden sich Rückblicke auf die Vortragsabende mit den Architekten Arno Lederer, Wolfgang Riehle und Werner Sobek, die auf Einladung der Stadt 2019 zur Zukunft des Aalener Rathauses dort Vorträge im Rathaus gehalten haben.

Zum Preis von 25 Euro ist der Bildband bei der Tourist-Info Aalen erhältlich. Bestellung an tourist-info@aalen.de oder unter Tel: (07361) 52-2358. (Montag bis Donnerstag von 10 bis 14 Uhr).

Was hinter dem Begriff "Brutalismus" steckt

Brutalismus ist ein Baustil, der zwischen den 1950er- und 1970er-Jahren seinen Höhepunkt hatte. Eine Champagnerflasche, die zu den Exponaten gehört, soll zeigen, dass es bei dem Begriff nicht um brutal im Sinne von Gewalt geht, sondern um den französischen Begriff "brut" für "herb", wie Architekt Oliver Elser bei einer Ausstellung zum Thema im Aalener Rathaus erklärte. Es geht um den "béton bru" also um den ganz rohen Beton. Geprägt wurde der Begriff von Le Corbusier, der nach dem Zweiten Weltkrieg der erste gewesen sei, der bewusst mit groben Sichtbeton arbeitete.

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