Mein Moment 2021

Eine Reise in die Kaiserzeit

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Französische Kriegsgefangene im Wald bei Rotenbach, aufgenommen von einem Wanderfotografen.
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Vor 150 Jahren siegten die deutschen Länder über Frankreich und schlossen sich zum Kaiserreich zusammen. Was damals in Ellwangen los war.

Ellwangen

Diese Reportage ist ein gutes Beispiel dafür, wie schnell Geschichten ein Eigenleben entwickeln und wie sie so ganz anders werden, als man ursprünglich gedacht hat. "Ich mach was zur Reichsgründung vor 150 Jahren" war mein Angebot in der Themenkonferenz und dachte an einen geschichtlichen Abriss mit Literaturverweis. Darüber schreibe ich gern, Heimatgeschichte hat mich schon immer interessiert.

Mein erster Schritt: Brainstorming. Was weiß ich bereits? Meine Oma hat noch im Kaiserreich gelebt. Es gibt das Foto von ihr und Opa, der einen hochgezwirbelten Schnurrbart trägt, wie Kaiser Wilhelm. Aus der "Fröschweiler Chronik" über den Krieg von 1870/71, die ich vor Jahren gelesen habe, und aus dem letzten Frankreichurlaub in Metz, wo ich das Museum in Gravelotte besuchte, sind ein paar geschichtliche Vorkenntnisse erhalten geblieben.

Doch was war damals in Ellwangen los? Bald komme ich auf die Franzosenhütte, die im Wald bei Rotenbach steht. Sie erinnert an französische Kriegsgefangene von 1870/71. Ich entdecke Postkarten vom Gefangenenlager auf dem Mühlberg und am Friedhof von St. Wolfgang ist noch immer das Kriegerdenkmal mit dem sterbenden Fähnrich zu sehen. Langsam entsteht ein Bild, wie die Menschen damals lebten: Das Auto war noch nicht erfunden, Strom gab es nicht. Die Soldaten kämpften mit Lanze und Säbel, das Gewehr musste noch von vorn geladen werden. Frankreich war der Erzfeind und Napoleon der große Gegner.

Ein Besuch im Schlossmuseum, wo allerlei Uniformen, Orden und Waffen aus jener Zeit ausgestellt sind, bringt mich weiter. Eberhard Veit meint, er habe dazu noch was in seinem Privatarchiv, ich soll mal vorbeikommen. Er zeigt mir eine Festzeitung des württembergischen Kriegerbundes, in dem ausführlich berichtet wird, wie ehrenhaft die Kriegsgefangenen in Ellwangen behandelt wurden. Er zeigt mir auch eine alte Fotografie, eine größere Gruppe Männer in französischen Uniformen, aufgestellt im Wald mit Äxten und Sägen. Sie mussten nach einem schlimmen Sturm das Holz aufarbeiten.

Veit hat noch ein Foto: der letzte Ellwanger Zinngießer, Josef Bullinger, der als Aufseher fungierte, und den die Franzosen ins Herz geschlossen haben. Jetzt bekommt die Geschichte ein Gesicht.

Eine Suche bei Google Books führt mich zu den Protokollen des württembergischen Landtags, wo der Ellwanger Abgeordnete Friedrich Retter am 4. Januar 1871 einem Darlehen des Kriegsministeriums zustimmt: "Hierfür von mir den letzten Mann und den letzten Gulden."

Je länger ich in Büchern und im Internet recherchiere, desto deutlicher wird: Die große Politik jener Zeit spielte zwar im fernen Berlin, doch man findet noch genügend Quellen, die aus Ellwangen berichten. Die ältesten Vereine der Stadt, der TSV Ellwangen, der Sängerbund berichten in ihren Chroniken. Die Schützengilde hat eine prächtige Schützenscheibe, die an die Reichsgründung erinnert. Man findet die Ergebnisse der ersten Reichstagswahlen und Berichte von Gesandten, die das Ellwanger Kriegsgefangenenlager kontrollieren sollten. Natürlich gibt es Zeitungsberichte. Zum Beispiel jenen von dem Franzosen Nikolaus Schmitt aus Paris, der 1910 nach Ellwangen zurückkehrt, um den Ort, wo er gefangen war, noch einmal zu sehen.

Wie so oft muss ich die Recherche irgendwann abbrechen mit der Ahnung, dass da noch viel mehr zu finden wäre. Man wartet schon auf meinen Text. Er ist viel länger geworden als geplant, ich teile ihn in zwei Texte und mache eine Fortsetzungsgeschichte daraus, der Titel: "Als Ellwanger zu Reichsbürgern wurden". https://www.schwaebische-post.de/ostalb/ellwangen/stadt-ellwangen/als-ellwanger-zu-reichsbuergern-wurden-90249619.html

Josef Bullinger, der letzte Ellwanger Zinngießer, war 1870/71 Aufseher bei den gefangenen Franzosen.

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