Einst Wintersportparadies: die Ostalb

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Wintersport am Ostalbskilift.
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Vor 100 Jahren bot die Region ideale Bedingungen für Talente verschiedenster Disziplinen. Heute sind die Bedingungen schwierig. Über den Wintersport gestern und heute.

Schwäbisch Gmünd

Diesmal finden die Olympischen Winterspiele ganz ohne Athleten aus der Region statt. Peking 2022 – ohne Ostalb. Trotzdem gab und gibt es immer wieder Sportlerinnen und Sportler aus der Region, die es bei internationalen Wettbewerben aufs Siegertreppchen schaffen. Wie die Gmünderin Carina Vogt, die Olympia-Siegerin von 2014, die diesmal nicht für die Winterspiele nominiert wurde. Und die Gmünder Teamkollegin Anna Rupprecht, die leider auch nicht dabei ist. Dass Carina Vogt es bisher zur erfolgreichsten Skispringerin weltweit gebracht hat, liegt sicher auch ein wenig an der langen Tradition, die der Wintersport auf der Ostalb hat. Die viele Vereine versuchen, diese noch aufrechtzuerhalten. Auch wenn es früher leichter war.

So wie etwa im Jahr 1920. Schnee ist da, Berge gibt es auch und Schanzen und Ski-Lifte schießen wie Pilze aus dem Boden. Es ist die Zeit, in der die Stuttgarter auch gerne nach Degenfeld und aufs Kalte Feld kommen, um dort Ski zu laufen. Sie erbauen die erste Hütte dort, auf ihre Anregung wird 1922 der Ski-Club Degenfeld gegründet, wie Walter Ziller, selbst einst Weltcup-Teilnehmer im Langlauf und Vorstandsmitglied, berichtet. Einen ersten Sprunghügel gibt es dort bereits im Jahr 1908, 20 Meter weit springen die Sportler hier bereits. 1910 wird dort auch der erste „Schi-Wettlauf“ ausgetragen, 1926 wird die erste offizielle Schanze eingeweiht und 1927 die erste Schwäbische Meisterschaft ausgetragen. Schon in den 1920er Jahren bietet der Skiclub Steinbühlhütte Kurse für Jugendliche an. Doch nicht nur dort wird eifrig Wintersport getrieben. „Es hat viele Vereine gegeben, eigentlich überall“, sagt Ziller, der sich auch mit der Wintersport-Geschichte in der Region befasst. Heubach, Abtsgmünd, Adelmannsfelden – um nur einige Beispiele zu nenen. Auch Oberkochen gehört dazu.

„An den hiesigen Berghalden tauchten die ersten Schifahrer kurz nach 1920 auf“, schreibt der Oberkochener Willibald Grupp 1955 in seinen Erinnerungen. Weihnachten 1923 sei von Hans Maier eine Schiabteilung des Schwäbischen Albvereins gegründet worden - der Vorgänger der heutigen Skiabteilung des TSV. „Es wurde mit Pflug und Kuhgespann gearbeitet, um Hänge befahrbar zu machen und Pisten zu schaffen“, so Grupp weiter. Nur wenig später, 1929, wird die Hans-Maier-Schanze am sogenannten „Hirdaroina“ im Spitztal gebaut.

Unterkochen lockt Springspitze

Die vorerst spektakulärste Naturschanze in der Region aber entsteht in den Jahren 1947 bis 1949 auf Initiative des Schneelaufvereins Unterkochen und einiger Skibegeisterter. Mit einer Fallhöhe von 86 Metern wird sie zum Anziehungspunkt für Skispringer aus ganz Deutschland und den Nachbarländern. Die Springen dort werden vor großen Kulissen ausgetragen, teilweise kommen 3000 und mehr Zuschauer. Sepp Vogg stellt den Schanzenrekord mit 73 Metern auf – und Ewald Roscher, der später Trainer der deutschen Nationalmannschaft, gehört ebenfalls zu den Fans der Schanze. Das letzte Springen in Unterkochen findet aber bereits Mitte der 1970er-Jahre statt. Heute gibt es dort am Wanderweg nur noch eine Hinweistafel auf die „Ostalbschanze.“

Es ist die Zeit, in der es Oberkochener Wintersportler ebenfalls weit nach oben schaffen. Biathlet Hartmut Fickert, Mitglied des TV Oberkochen, wird 1976 in Ruhpolding Deutscher Jugendmeister – dreimal nimmt er an der Weltmeisterschaft der Junioren teil. Er erinnert sich dabei an Zeiten seines Sportes in denen man „manchmal zwei Stunden lang überhaupt kein Publikum gesehen hat“.

Mit der Weltspitze misst sich auch der Oberkochener Skispringer Thomas Prosser, der seine internationale Karriere bei der Vierschanzentournee 1978/79 startet. Er gelangt am 30. Dezember 1981 in Oberstdorf mit dem dritten Platz zum ersten Mal aufs Podium.

Immer weniger Schnee

„Die Hochzeit des Wintersportes hier war ab 1973 bis etwa 1990“, sagt Peter Beck, Vorsitzender der Skiabteilung des TSV Oberkochen und selbst einst erfolgreicher Biathlet. Zu dieser Zeit trifft sich sogar alljährlich der DSV auf der Skihütte am Volkmarsberg, um die Nominierungen im Biathlon für die nächste Saison festzuzurren, so Beck. Wettbewerbe in Oberkochen, sogar den Kessel hinunter, aber auch in der gesamten Region habe es damals noch gegeben, berichtet er. „Es gab dann aber es eigentlich immer weniger Schnee, viele Rennen sind aufgefallen und alles wurde ins Allgäu verlagert.“ Aktiven Wintersport gebe es eigentlich nur noch in Heubach, Bartholomä und Degenfeld, Skischulen dagegen fast überall.

Dabei gebe es auf dem Volkmarsberg nach wie vor – wenn es ihn dann gebe – mit am längsten Schnee in der Region, auch wenn der Hang vor allem für Kinder und Anfänger geeignet sei. Einen Lift als Verein zu erhalten, sei eine immense finanzielle Aufgabe – vor allem, weil es keine Schneesicherheit mehr gebe. „Am Sonntag gibt es 50 Zentimeter, am Dienstag ist er weg“, so Beck.

In den 70er-Jahren seien allein in Degenfeld sechs Lifte gelaufen, heute sei es noch einer, sagt auch Walter Ziller. Einer nach dem anderen sei abgebaut worden. Der Klimawandel und mit der A7 die Möglichkeit, schnell ins Allgäu zu fahren, habe dazu beigetragen. Wintersport sei teurer geworden, mitunter eine „Materialschlacht“. Bei denjenigen, die erfolgreich werden wollen, müssten deshalb auch Eltern mitziehen. Auch das Skispringen sei sehr kostenintensiv. In Degenfeld habe man das Skispringen nur wegen des Baus der Mattenschanzen aufrecht erhalten können.

Ziller nutzt jede Möglichkeit, vor Ort in die Loipe zu steigen. „Am Dienstag gab's noch 35 Zentimeter Schnee in Bartholomä“, berichtet er. Snowboarder und Alpin-Skiläufer tummeln sich heute, sollte das Wetter mal passen, vor allem in ihrer Freizeit am Ostalb-Skilift und am Hirtenteich. Für diesen ersten Freitag der Olympischen Winterspiele 2022 sind übrigens auf der Ostalb milde Temperaturen vorausgesagt. Kein Schnee in Sicht.

Eine kurze Geschichte des Wintersports

Im Jahr 1796 berichtet ein Beobachter, wie norwegische Soldaten mit ihren Skiern über eine Schanze springen, um die Überwindung von Hindernissen im Gelände zu trainieren. Ein Sportler aus der norwegischen Provinz Telemark springt dann mit seinen Brettern im Jahr 1860 30,5 Meter weit.

Mit der Max-Egon-Schanze wurde in Deutschland um 1900 am Feldberghof die erste „richtige“ Skisprungschanze errichtet. Nach dem 1. Weltkrieg öffnen die ersten Skischulen. In den 1950er Jahren wird Skifahren in Deutschland zum Massensport.

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