Elf Jahre Bildungsregion Ostwürttemberg: Neues Denken, bye bye Blabla-Land

+
Philosoph Anders Indset.
  • schließen

Philosoph Anders Indset fordert eine radikale geistige Wende. Er ist spontaner Gast beim Geburtstag der Bildungsregion Ostwürttemberg.

Aalen. Die Mensa des Berufsschulzentrums in Aalen war voll, die Coronalücken in den Reihen wenig, die Stimmung wirkte erwartungsvoll. Geburtstag war zu feiern, „zehn Jahre plus eins,“ wie der Landrat formulierte, elf Jahre Bildungsregion Ostwürttemberg, das Zehnjährige hatte ausfallen müssen wegen Corona.

Landrat Dr. Joachim Bläse begrüßte und verkündete die Nachricht, dass Ministerin Therese Schopper an diesem Donnerstagabend nicht in Aalen erscheinen werde, weil sie bei den Koalitionsverhandlungen in Berlin am Tische sitze. Die gute Nachricht: Anders Indset, der Philosoph im Publicity-Hype, sei vor Ort und bereit für einen langen Vortrag. Bläse gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass die sehr vielen Anmeldungen zur Geburtstagsfeier dem Philosophen gegolten hätten und begrüßte Staatssekretär Volker Schebesta in Stellvertretung seiner Ministerin.

Schebesta referierte zu den Themen der Bildung aktuell. Das Format der Bildungsregion samt Bildungskonferenzen sei erfolgreich, Schebesta gratulierte Ostwürttemberg, dass hier diese Idee sehr früh aufgegriffen und eifrig umgesetzt worden sei. Es seien „wertvollste Erfahrungen gemacht worden“, die anderen Regionen im Land durchaus hilfreich seien.

Ruf nach „Handlungshelden“

Nach einem hoch qualifizierten Musikvortrag von drei Schülerinnen und Schülern des Hochbegabten-Gymnasiums in Schwäbisch Gmünd dann der Auftritt von Anders Indset: sehr lange Haare, sehr offenes schwarzes Hemd, Applikationen und Details, die dem Outfit einen Hauch von Punk und Rocker geben. Während seines knapp einstündigen Vortrags spricht er ohne Manuskript, den Blick immer im Publikum, er wandelt auf der Bühne, geht später dann auch weit ins Publikum, immer in der Hand die Fernbedienung, mit der er künstlerische Symbol-Bilder und Satzfetzen auf die große Leinwand dirigiert.

Indset referiert die Inhalte seines jüngsten Bestsellers („Das infizierte Denken“) in einer Tonalität zwischen professoralem Besserwissen und eingängiger Plauderei. Er fordert das Ende des binären Denkens, des Entweder/oder hin zu einem Sowohl/als auch, die Befreiung von den Selbstverständlichkeiten hin zu neuem Lernen jederzeit und überall, zu offener Diskussion, neuem Denken, Verabschiedung alter Erfahrungswerte zugunsten von unabhängigem Tun: „Wir brauchen Handlungshelden“.

Der Professor findet Gelegenheit zum heftigen Seitenhieb auf die Impfgegner: Jeder habe das Recht auf Egoismus, aber auch dieses individuelle Freiheitsrecht ende, wo die Freiheit anderer gefährdet sei. Sich impfen zu lassen sei ein Akt der Mitmenschlichkeit, die Verschwörungslegenden dagegen seien samt und sonders Humbug.

Weltverständlichkeit sei gefordert und damit auch ein langer Blick auf die anstehenden Probleme und drohenden Katastrophen: wirtschaftlicher Kollaps, soziale Schieflagen, Bildungskrise, die Dynamik des Digitalen, die den Menschen zum „homo obsoletus“ zu degradieren drohe. Nur mit einem radikal neuen Denken und neuen Formen des Umgangs der Gesellschaft mit sich selbst werde man damit fertig werden können.

Mit einer Kaskade von gutem Rat und Kalenderweisheiten endet der Vortrag: Wir brauchen Denkstunden, um Geistesblitze wahrnehmen zu können, Menschen sollen sich für die Gefühle anderer Menschen interessieren und in „Koedukationstreffen“ darüber sprechen. Es brauche professionelle Amateure, die in der Lage seien zu bekennen „Ich weiß es nicht“ und sich sogleich aufmachten, die Wissenslücke zu schließen.

Es brauche Vertrauen zu anderen Menschen und Sinngebung statt Sinnsuche, lernendes Wachsen und Offenheit für die Welt der Möglichkeiten. Deshalb: „Bye bye Blablaland“ und „Irre dich glücklich“.

Eine Podiumsdiskussion und ein originell präsentiertes Sandwich-Essen schlossen sich an.

Bildungskonferenz in der Mensa des Berufsschulzentrums Aalen.
Philosoph Anders Indset.
Ostwürttemberg ist seit elf Jahren Bildungsregion. Anlässlich dieses „Geburtstags“ forderte der Philosoph Anders Indset: „Wir brauchen Denkstunden, um Geistesblitze wahrnehmen zu können.“ Symbolfoto: pixabay

Zurück zur Übersicht: Ostalbkreis

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL

Kommentare