Energiepreise im Horrorsteigflug

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Oberland-Leitungen im Ostalbkreis.
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6000 Euro statt 1500 wie bisher für Gas pro Jahr, und doppelt so hohe Stromkosten - ODR-Vorstand Frank Reitmajer hält dies für möglich.

Aalen

Der Ukraine-Krieg und der Umbau Deutschlands zur Erreichung der Klimaziele treiben die Energiekosten in die Höhe. Daran ließ der kaufmännische Vorstand des Energieversorgers ODR, Frank Reitmajer, keinen Zweifel. Landrat Dr. Joachim Bläse hatte ihn in den Kreis-Finanzausschuss geholt, um den Ernst der Lage zu unterstreichen.

Nicht nur die Industrie, sondern längst auch Private müssen sich Gedanken machen – auch auf der Ostalb. Und auch für Privatleute gilt: Wer noch genug Geld hat, seine Strom- und Gasrechnung zu bezahlen, der kann längst nicht sicher sein, ob ihm die Energie auch geliefert wird, machte Reitmajer klar.

Dreht Russland Deutschland den Gashahn zu, dann dauere es bis zur Krise hier keine Wochen, sondern nur Stunden. „Russland liefert an einem Tag so viel Gas nach Deutschland wie insgesamt in einem Jahr durch das Ostalb-Netz der ODR fließen“, nannte Reitmajer die Dimensionen.

Die ODR könne ihre Kunden sicher noch in im zweiten und dritten Quartal mit Gas versorgen, aber bereits im vierten Quartal 2022 könne es zu Engpässen, gar Abschaltungen kommen. Wer Gas erhalte, entscheide nicht die ODR, sondern die Bundesnetzagentur.

Landkreis richtet Tas-Force ein

Weil der Landrat die Gefahr für den Ostalbkreis als sehr ernstzunehmend einschätzt, hat er bereits eine „Task Force“ gegründet. Mit Kliniken, Schulzentren und vielen Verwaltungsgebäuden ist der Kreis dringend auf Gas und Strom angewiesen. Die „Task Force Energie“ bereite Maßnahmen für den Ernstfall vor. Sie definiere Prioritäten, formuliere Ablaufpläne, so Bläse.

Private zahlen die Zeche

Privathaushalte wird die Preisexplosion an den Energiemärkten mit voller Wucht treffen. „Für ein nicht gedämmtes Einfamilienhaus mit vier Bewohnern lag die Gasrechnung im Schnitt bislang bei 1500 Euro im Jahr. Künftig kann die Rechnung aber bei 6000 Euro und mehr liegen“, schockierte Reitmajer. Bei den Strompreisen müssten Kunden in den kommenden zwei bis drei Jahren mit einer Verdoppelung der Preise rechnen.

Aktuell spürten die wenigsten etwas von den drastisch gestiegenen Preisen. „Die Energie, die Sie jetzt verbrauchen, haben wir bereits vor zwei Jahren eingekauft“, schilderte Reitmajer das übliche Geschäftsgebaren. Die Preise seien jeweils Durchschnittspreise. „Die Kostensteigerung wird für viele erst ab 2023/2024 schmerzhaft sichtbar werden“, kündigte er an.

Preisentwicklung bei Strom

Reitmajer zeigte Grafiken: Seit 2007 verharrten die Strompreise an der Energiebörse für Großkunden auf niedrigem Niveau. Anfang Januar 2021 dann der stete Anstieg von 60 Euro für die Megawattstunde Strom auf 270 Euro im Einkauf im Januar 2022.

Der Strompreis für private Endkunden setzt sich, vereinfacht dargestellt, aus Steuern, Netzentgelten und Beschaffungs-/Vertriebskosten zusammen. Ein Beispiel: Private zahlten im Schnitt bei einem Jahresverbrauch von 3500 kWh im Jahr 2020 31,81 Cent je kWh, im Jahr 2021 dann 32,16 Cent je kWh und seit Januar 2022 nun 36,189 Cent je kWh. Im Schnitt zahlte dieser Musterhaushalt 92,78 Euro im Jahr 2020, im Jahr 2021 dann 93,80 Euro und ab Januar 2022 nun 105,55 Euro im Monat für Strom. Tendenz steigend.

Preisentwicklung beim Gas

Noch drastischer ist die Entwicklung beim Gas. Für ein Ein-Familienhaus mit Erdgas-Zentralheizung und Warmwasserbereitung bei einem Jahresverbrauch von 20.000 kWh waren 2020 als ODR-Sondervertragskunde 5,97 Cent je kWh fällig, im Jahr 2021 dann 7,06 Cent je kWh und seit Januar 2022 nun 12,21 Cent je kWh. Das bedeutet auf Grundlage dieses Musterverbrauchers einen monatlichen Betrag für Gas von 100 Euro im Jahr 2020, von 118 Euro im Jahr 2021 und seit Januar 2022 von 203 Euro.

Teurer Umbau auf grüne Energie

Der Umbau der Energiestruktur sei inzwischen unumkehrbar und ein teurer Kraftakt. Allein in ihr Stromnetz müsse die ODR pro Jahr 50 Millionen Euro bis zum Jahr 2030 investieren. Den nötigen Strombedarf zu erzeugen sei zudem eine Herkulesaufgabe, die Ziele insgesamt „sehr ambitioniert“, sagte Reitmajer.

„Die Kosten für Energie werden weiter steigen. Die notwendigen Ressourcen und Fachleute zu finden, stellen auch eine große Herausforderung dar. Ein gutes Zusammenspiel von Behörden, Ämtern und Kommunen ist notwendig und die Akzeptanz der Bürger muss wachsen“, fasste er zusammen.

Das sagen die Fraktionssprecher

Landrat Dr. Joachim Bläse will, „keine Panik verbreiten, aber die Bürgerschaft für den Ernst des Themas sensibilisieren.“ Energiesparen allein werde nicht aus der Krise helfen, sagte er..

Peter Traub (Freie) sagte, wer gut verdiene, könne sich die Energiekosten leisten. Aufgabe sei es, dafür zu sorgen, „dass alle anderen gut durch diese Situation kommen“, sonst drohten gesellschaftliche Verwerfungen ungeahnten Ausmaßes.

Thilo Rentschler (SPD) warnte, dass bei einem russischen Lieferstopp die „Preise erst richtig durch die Decke gehen werden“. Ohne Energie stünden die Bänder still, der Schaden sei unvorstellbar. Sanktionen, die uns mehr schadeten, als dem Sanktionierten dürften durchaus hinterfragt werden.

Volker Grab (Grüne) forderte: „Wir müssen uns ohne Hysterie vorbereiten“. Grüne Energie sei alternativlos. „Der Ausbau hierzu muss nun zügig laufen, die Genehmigungen müssen beschleunigt werden“, sagte er.

„Bislang spüren wir das nur beim Tanken, aber für viele Mieter wird es im Frühjahr 2023 ein böses Erwachen geben“, sagte Georg Ruf (CDU). Die Task Force einzurichten sei richtig gewesen. Der Kreistag solle kontinuierlich informiert werden.

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