Erinnerungen an den Bettringer Hirsch: „Wir hatten das volle Programm“

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Foto: Jan-Philipp Strobel
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Was es bedeutete, in früheren Zeiten ein Gasthaus zu betreiben, und wie wichtig ein solcher Ort für ein Dorf war, lässt sich am Beispiel des Bettringer Hirschs erzählen.

Schwäbisch Gmünd. "Vorzügliche bürgerliche Küche, prima Bier, reelle Weine“, steht auf der Rückseite einer alten Postkarte vom Gasthaus Hirsch - alte Gasthausherrlichkeit eben. Hinzu kamen „schöne Fremdenzimmer und prima Fleisch u. Wurstwaren“, denn wie so oft gehörten auch eine Metzgerei und Übernachtungsgäste dazu.

Die drei Schwestern Edith Bux, Inge Kurzenberger und Margret Ligon sind mit dem elterlichen Betrieb aufgewachsen und schwelgen in Erinnerungen, wenn sie von früher erzählen: von öffentlichen Hochzeiten mit mehr als 300 Gästen, von Kinovorführungen nach dem Krieg, als noch niemand einen Fernseher zuhause hatte, von den Manöverbällen der Amerikaner, die nicht weit entfernt auf dem Hardt in der Kaserne lebten und im Hirsch ihre Großübungen feierten. Eine untergegangene Welt lebt auf, in der die Kirche noch im Dorf und das Gasthaus der soziale Treffpunkt war.

„Die „Bravo“ haben wir nicht gebraucht.“

Inge Kurzenberger, Bader Mädel

Das Leben ging tagein, tagaus seinen gewohnten Gang. Ein eigenes Auto hatten die wenigsten. Wenn es etwas Größeres zu erledigen gab, ging’s mit dem Bus nach Gmünd. Vermisst hat niemand etwas, schon gar nicht die drei „Baders Mädel“ – so der Mädchenname der drei Töchter von Hans und Julie Bader. Für Abwechslung und Unterhaltung sorgten die Gäste und die vielen Veranstaltungen im Hirsch.

Im Hirsch war das Leben

„Die ‚Bravo’ haben wir nicht gebraucht“, erzählt Inge Kurzenberger. „Wir haben alles live gesehen.“ Z.B. im „Süßen Löchle“, einer Bar, die es immer an Fasching gab. Dort wurden Schnaps und Eierlikör im Schokoladenbecher ausgeschenkt, und es war dunkel. Der optimale Ort für Pärchen, die niemand sehen durfte. Für die Jugend war das Separée natürlich von besonderem Interesse, und sie fand Wege, das ein oder andere heimlich zu verfolgen.

Wovon die älteren Bettringer schwärmen, sind die öffentlichen Hochzeiten. Neben den geladenen Gästen konnte jeder kommen, der gerne das Tanzbein schwang. Er oder sie musste lediglich für Speis und Trank selber aufkommen und einen Obolus entrichten – direkt in den Korb, der unter dem Tisch des Brautpaars stand. Im Saal hatten bis zu 360 Personen Platz, getanzt wurde auf der Tribüne mit Live-Kapelle. Auf der fanden auch die beliebten Theateraufführungen des Bettringer Liederkranzes statt, der im kleinen Saal auch seine wöchentlichen Proben abhielt.

Überhaupt waren die traditionellen Gasthäuser wichtig für die Vereine. Vereinsheime oder gar -gaststätten gab es noch nicht, und so diente den Fußballern der Saal im Hirsch als Umkleide; und nach dem Spiel wuschen sich die verschwitzten Spieler in der Wurstküche am Sautrog. Frisch angezogen ließen sie sich das frisch gezapfte Bier in der Wirtsstube schmecken. „Heute unvorstellbar“, sagt Edith Bux.

Sensation: Filmvorführungen

Eine Sensation für die Bettringer waren die Filmvorführungen im großen Saal, für die der Vater extra zwei Löcher in die Wand bohren ließ, durch die der Film auf die Wand projiziert wurde. Die Technik brachte der Filmvorführer mit, und der Saal war voll. Die Schwestern erinnern sich noch gut an den ersten Schwarzweißfilm „So weit die Füße tragen“ und wie die bewegten Bilder für starke Emotionen bei den Bettringern sorgten.

Wenn Geld da war, wurde es in das Gasthaus investiert. Eigene Bedürfnisse, das kannten ihre Eltern nicht. Zwei Schlafstuben genügten, ansonsten war das Wirtshaus die Wohnstube, und das Leben bestand aus Arbeit. „Aufgeopfert für die Wirtschaft“, so die heutige Sicht der Kinder.

Legendär: die Hochzeiten

Fand eine Hochzeit statt, habe die Mutter bis Montag nicht geschlafen. Zeit für die Familie blieb trotzdem irgendwie, vor allem am Montag: Da war für die Eltern ausschlafen angesagt, und nachmittags ging’s mit den Kindern ins Wental. Während sie auf die Felsen kraxelten, machten die Eltern auf der Decke im Gras ein Nickerchen.

Ohne zuverlässiges Personal hätte der große Betrieb nicht funktioniert. Und die Kinder mussten natürlich mit anpacken. Auch wenn die Metzgerei, die dazugehörte, sonntags zu war, kam der ein oder andere Gast mit einem Einkaufszettel; dann mussten die Mädchen ran und Wurst abwiegen. Während andere ins Freibad gingen, „haben wir gespült und bedient“. Es gab auch attraktive Verpflichtungen, z. B. vortanzen, wenn die Tanzschule Theinert Tanzkurse abhielt. Und spannende Dinge, wenn die Amis ihnen bei den Manöverbällen das Rauchen beibrachten. „Da haben sich die Bettringer Mädels immer rausgeputzt“, plaudern sie aus dem Nähkästchen.

Rückblickend sagen die drei: „Es war eine schöne Zeit, aber wahnsinnig viel Arbeit.“ Geblieben sind viele schöne Erinnerungen und Dankbarkeit für das, was die Eltern ihnen mit auf den Weg gegeben haben: „Wir hatten das volle Programm.“ 

Öffnungszeiten und Adresse

Donnerstag bis Montag ab 17 Uhr

Gasthaus Hirsch
In der Vorstadt 1
73529 Schwäbisch Gmünd
Tel. 07171/83409

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