Experten von Ernst & Young zur Zukunft der Kliniken Ostalb

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Im Sommer soll die Zukunft der Kliniken Ostalb beschlossen werden.
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Großes Interview mit Rebekka Reckel und Florian Benthin von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY. Was jetzt in der Diskussion wichtig ist.

Aalen.

Die Diskussion über die Zukunft der drei Kliniken im Ostalbkreis (Aalen, Mutlangen, Ellwangen) ist in vollem Gange. Bis zum 12. Juli soll es ein Eckpunktepapier geben mit dem Ziel, einer zukunftsfähigen Struktur für die Kliniken Ostalb entwickeln zu können. Zwei, die sich im Gesundheitswesen und in der bundesdeutschen Kliniklandschaft auskennen und Fusionen begleiten sind Rebekka Reckel und Florian Benthin von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young (EY). Reckel ist seit 15 Jahren im Gesundheitswesen tätig. Sie berät Kunden aus dem Bereich der kommunalen, universitären und freigemeinnützigen Träger. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Erstellung und Umsetzung von Medizinstrategien, Zukunfts- und Fusionskonzepten, Prozessoptimierung und Organisationsentwicklung. Florian Benthin ist seit über 20 Jahren im Gesundheitswesen tätig. Als Partner bei EY Parthenon ist er für Digitalisierungs- und Strategie-Projekte im Gesundheitswesen verantwortlich. Beide haben die Fragen unserer Zeitung im Team beantwortet.

Frage: Als goldene Regel gilt: Kliniken der Grund- und Regelversorgung sollten innerhalb von 30 Minuten mit dem Auto zu erreichen sein. Ist eine solche Struktur im ländlichen Raum ohne größere finanzielle Einbußen und mit Zentralkliniken in den Kreisen überhaupt erreichbar?

Reckel und Benthin: Die Frage, die man sich hier stellen muss, ist doch, was man tatsächlich im Radius von 30 Minuten an stationärer Versorgung braucht und ob diese Versorgung in den bestehenden kleinen, ländlichen Krankenhäusern überhaupt gewährleistet werden kann. Ich fürchte, das ist nicht immer der Fall: Oftmals müssen Patienten aus den kleinen Einheiten in größere Einheiten verlegt werden – das ist zeitaufwendig, und führt häufig dazu, dass sich das Behandlungsergebnis für die Patienten verschlechtert. Viel besser wäre es ja, wenn der betroffene Patient direkt in die Versorgungsstruktur kommen würde, die ihn vom Eintreffen an umfassend behandeln kann. Wichtiger wäre es also, eine gute Erstversorgung mit einer hochwertigen Triage sicherzustellen, von der aus der Patient sofort dahin gelangt, wo er auch richtig behandelt werden kann. Gute ambulante Einrichtungen können hier eine Anlaufstelle sein, gegebenenfalls im Verbund mit dem nächsten Schwerpunktversorger und telemedizinischen Optionen. Seit Jahren erleben wir einen Rückgang der stationären Fallzahlen, und die Ambulantisierung prägt sich weiter aus. Das heißt: Alte Strukturen bilden einfach nicht mehr die aktuellen und zukünftigen Bedarfe ab. Daher gilt es, solche Strukturen zu hinterfragen.

Viele Kliniken in Insolvenzgefahr

 

Wie ist es um die Finanzen deutscher Kliniken insgesamt bestellt? Laut einer Studie des HBC ist mehr als jede zehnte Klinik in Insolvenzgefahr…

Die Lage ist sicherlich ernst, für viele Kliniken, und davon ist keine Gruppe ausgeschlossen. Selbst Universitätskliniken haben mit wirtschaftlichen Schieflagen zu kämpfen. Die Corona- Ausgleichszahlungen haben in vielen Fällen geholfen, aber diese Hilfe ist nur eine Überbrückung, keine dauerhafte Heilung. Für diese Kliniken gilt es jetzt, die richtigen Weichenstellungen zu treffen. Vor dem Hintergrund zahlreicher Projekte in dem Bereich können wir sagen: Je früher man in die Analyse einsteigt und die richtigen Entscheidungen trifft, desto einfacher ist der Prozess der Korrektur. 

Rebekka Reckels Schwerpunkt bei EY liegt auf der Erstellung und Umsetzung von Medizinstrategien, Zukunfts- und Fusionskonzepten.

In die öffentliche Diskussion um Klinikschließungen werden oft getätigte oder kurzfristig anstehende Investitionen in die betreffenden Kliniken als Gegenargument angeführt. Wie relevant sind Investitionen in die Bausubstanz in der gesamtwirtschaftlichen Betrachtung?

Investitionen in die Bausubstanz sind wichtig und werden häufig viel zu spät getätigt, so dass es zu einem regelrechten Investitionsstau gekommen ist und der Umfang der Maßnahmen kaum zu finanzierende Ausmaße annimmt. Aber Behandlungsstrukturen ändern sich, die Häuser müssen darauf angepasst und Vielerorts modernisiert werden. Andererseits: Um zu investieren, muss man ausreichend Geld verdienen. Und wenn es am Ende des Tages nicht reicht, wird natürlich zuallererst in die medizinische Infrastruktur investiert und Bauvorhaben und Instandhaltung hintenangestellt. Auf der anderen Seite werden Neubauten oder Anbauten oft überdimensioniert geplant – sie sind häufig für eine Anzahl von Betten konzipiert, die man gar nicht braucht. Investitionen, gerade in die Bausubstanz, sind ein relevanter Aspekt, da muss man wirklich Kosten und Nutzen abwägen und immer hinterfragen, ob diese Investitionen am Ende dazu führen, dass die Klinik zukunftsfähig wird oder aber die wirtschaftliche Krise nur verstärken.

Fachkräftemangel in den Kliniken

 

Der Fachkräftemangel wird oft als Argument für die Schließung kleinerer Kliniken angeführt. Warum sollten größere Kliniken nicht dasselbe Problem haben?

Es ist richtig, dass der Fachkräftemangel alle Kliniken trifft, unabhängig von der Größe. Nur sind häufig die kleineren Kliniken weniger attraktiv, auf Grund eines beschränkten Leistungsspektrums, der geographischen Lage und der angespannten wirtschaftlichen Situation, so dass es in diesen Strukturen sehr herausfordernd ist, die benötigten Fachkräfte zu finden. Große Häuser haben meistens mehr Entwicklungspotential, mehr Fachabteilungen und sie liegen meist auch in attraktiveren Regionen. Der Fachkräftemangel ist aber nicht der alleinige Grund für Schließungen, vielmehr erlauben die – vor allem in kleineren Häusern – sinkenden Fallzahlen im stationären Bereich häufig nicht, den Betrieb mit den nötigen strukturellen Voraussetzungen aufrecht zu erhalten.  Sinkende Fallzahlen führen zu sinkenden Erlösen, und irgendwann ist eine kritische Größe unterschritten, was dann eine Schließung unumgänglich macht.

Welche Kostenpositionen sind beim Betrieb einer Klinik die größten?

Das sind eindeutig die Personalkosten. Die teuerste Ressource im Krankenhaus ist übrigens der OP, mit dem allerdings bei richtiger Führung auch der größte Umsatz erzielt wird.

Ist es wirklich nicht möglich, eine Klinik mit weniger als den rund 900 Betten, die viele Experten als untere Grenze definieren, wenigstens kostenneutral zu betreiben?

Das ist schon möglich, gerade private Klinikträger zeigen immer wieder, dass es geht. Dabei gilt auch für private Träger das DRG-System (Fallpauschalensystem, Anm.d.Red.), so wie für alle anderen auch. Es ist ja eher eine Frage der Steuerung, der Umsetzung von Entscheidungen und vor allem das Antizipieren von Veränderungen, wie etwa das Thema Ambulantisierung und Digitalisierung.

Wie steht es um Deutschlands Kliniklandschaft im europäischen Vergleich, etwa was Verluste oder die Versorgung anbelangt?

Natürlich ist ein Vergleich schwierig, da es kein einheitliches Krankenhausfinanzierungssystem gibt und auch die klare Sektortrennung zwischen ambulanten und stationären Leistungen nur in Deutschland in dieser Form vorhanden sind. Fakt ist, dass Deutschland bei der Anzahl der stationären Betten weit vorne ist, und in der Etablierung von modernen, ambulanten Strukturen weit hintenansteht. Das ist übrigens mit ein Grund warum die Gesundheitsausgaben in Deutschland im Vergleich mit der EU am höchsten sind. Wir sind hier sehr großzügig ausgestattet mit Krankenhäusern für die stationäre Versorgung, und das hat eben seinen Preis. Zudem hinken wir bei der Digitalisierung auch noch hinterher, also würde es sich durchaus lohnen, mal über die Grenze zu schauen. Digitalisierung kostet zwar Geld, aber etwa durch die digitale Einbindung von Patienten in den Behandlungsprozess können auch Kosten reduziert werden, etwa indem eine Wiedereinweisung vermieden wird. Auch können mit telemedizinischen Lösungen Prozesse verschlankt werden.

Florian Benthin ist bei Ernst & Young als Partner für Digitalisierungs- und Strategie-Projekte im Gesundheitswesen verantwortlich.

Wie groß wäre in etwa der Flächenverbrauch für einen Klinik-Neubau, wie ihn der Ostalbkreis brauchen würde?

Das kann man so pauschal nicht beziffern, das kommt darauf an, was genau geplant wird, welches Leistungsspektrum abgedeckt wird, welche Medizinstrategie dahintersteht, welche medizinische Infrastruktur geplant wird. Ohne einen Einblick in diese Themen wäre eine Aussage dazu nicht seriös.

Wie groß ist der CO2-Fußabdruck rein durch den Bau der Gebäude (ein herkömmliches EFH in Steinbauweise bringt in der Summe rund 50 Tonnen CO2 zusammen).

Das kann auch so einfach nicht beantwortet werden, es kommt ganz darauf an, was und wie gebaut werden soll.

 

Was sind Vorteile von Kliniken in privater Trägerschaft und welche Vorteile gibt es für kommunale Kliniken?

Es hat sicherlich beides Vor- und Nachteile. Sicherlich tun sich private Klinikträger mit Entscheidungen leichter, weil sie eben die kommunalen und politischen Gremien nicht mit ins Boot holen müssen, sie können freier entscheiden. Dazu agieren sie in einer großen Verbundstruktur und können untereinander Synergien nutzen, das schafft in der Tat wirtschaftliche Vorteile, bietet aber auch den Patienten ein hervorragendes Netzwerk an medizinischer Expertise. Kommunale Träger agieren häufig nicht im Verbund, müssen also als stand-alone Haus klarkommen, was sie häufig vor große Herausforderungen stellt, da die Entscheidungswege durch die entsprechenden Gremien oft lang sind. Gerade im operativen Klinikalltag braucht es aber verlässliche und schnelle Entscheidungen. Auf der anderen Seite genießen kommunale Häuser häufig ein hohes Vertrauen bei den Bürgern – was sicherlich auch daran liegt, dass sich kommunale Häuser häufig finanziell lediglich selbst tragen und kein oder nur geringer finanzieller Überschuss erarbeitet werden muss. Das ist in Kliniken in privater Hand in der Regel anders. Für beide Träger gelten die gleichen Voraussetzungen des Finanzierungssystems, es ist nur eine Frage der Herangehensweise und der Entscheidungsstrukturen, die am Ende den Unterschied machen.

Was sagen Sie als Experte: Kommunale oder private Trägerschaft?

Das kann man so nicht sagen, wichtig ist doch die Qualität der Versorgung, die Patienten-Zentrierung und das richtige Angebot, das können grundsätzlich beide Träger leisten.

Benötigen wir nicht ein völlig neues System der Klinikfinanzierung?

Wir sollten uns erst einmal Gedanken darüber machen, wie denn die Gesundheitsversorgung in Zukunft, gerade im Hinblick auf die rasanten Entwicklungen im Rahmen der Ambulantisierung, der Digitalisierung, den Erkenntnissen aus der Pandemie, demographischen Entwicklungen und den zukünftig zu erwartenden stationären Fällen am sinnvollsten gestaltet werden kann. Dabei wird es entscheidend sein, Sektorengrenzen zu überwinden, um zu einer intersektoralen und interdisziplinären Versorgung zu kommen. Wenn hier Klarheit besteht, kann man im zweiten Schritt das System der Klinikfinanzierung hinterfragen.

Wie wichtig ist eine offene Kommunikation? Oft wird ja Hinterzimmerpolitik vorgeworfen. Macht es Sinn, einige Entscheidungen erst im kleinen Kreis zu fällen?

Eine offene Kommunikation ist ganz entscheidend. Egal ob es das alltägliche Klinikgeschäft oder Veränderungsprozesse betrifft: Ehrlichkeit, Transparenz und Verbindlichkeit sind der Schlüssel zum Erfolg – sicherlich nicht immer der einfachste Weg, aber am Ende der erfolgreichste. Gerade bei kommunalen Entscheidungen wie beispielsweise Fusionen oder Klinikschließungen ist es aber wichtig, die Diskussionen fundiert und mit dem notwendigen Verständnis für das Thema zu führen. Leider erleben wir es immer wieder, dass solche notwendigen Themen in der Kommunalpolitik dann eher „zerredet“ werden ohne, dass es eine fachliche Diskussion und eine vertiefte Auseinandersetzung damit gibt, daran drohen dringend notwendige Veränderungen häufig zu scheitern. Die Einigkeit über eine Fusion, Schließung etc. sollte gut abgestimmt in einem kompetenten Kreis auf Basis einer fachlichen Bewertung der Situation erzielt, entsprechend klar und transparent kommuniziert und dann verbindlich umgesetzt werden. 

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