Expertenrat für nur noch zwei Kliniken

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Im Sommer soll die Zukunft der Kliniken beschlossen werden.

In einer nichtöffentlichen Sitzung haben Experten, Kreistag und Verwaltung über die Zukunft der Kliniken diskutiert. Im Juli soll eine Entscheidung getroffen werden.

Aalen

Rund viereinhalb Stunden tagten am vergangenen Montag der Verwaltungsrat der Kliniken Ostalb und große Teile des Kreistags in nichtöffentlicher Sitzung. Landrat Dr. Joachim Bläse und der Vorstand der Kliniken informierten die Mitglieder des Gremiums umfassend über das vorliegende Gutachten des von Kreis und Kliniken Ostalb beauftragten Institute for Health Care Business (HCB), das mögliche Alternativen zur Neustrukturierung der Kliniken aufzeigt. „Nachdem nun Fakten auf dem Tisch liegen, werden die Kreistagsfraktionen sich beraten, um schließlich in einer Klausursitzung im Juli dieses Jahres zu einer fundierten Entscheidung zu kommen, die in einen Kreistagsbeschluss noch vor der Sommerpause münden soll“, skizziert das Landratsamt, wie es weiter geht.

Großer Handlungsdruck

Der Landrat habe in der Sitzung deutlich gemacht, dass hoher Handlungsdruck bestehe. Er selbst sei auf Grundlage des Gutachtens für alle Lösungsansätze offen und noch nicht auf eine Variante festgelegt. Wichtig sei ihm aber, „dass jegliche Neustrukturierung der Kliniklandschaft unter dem Gesichtspunkt einer qualitativ hochwertigen Gesundheitsversorgung der Kreisbevölkerung insgesamt“ zu sehen sei. „Wir haben eine Gesamtverantwortung für die Bürgerinnen und Bürger“, wird der Landrat zitiert. Ziel müsse daher ein nachhaltiges Konzept sein, welches das Beste für die Patientinnen und Patienten und den Kreis in sich vereint. Deshalb müssten sich alle Lösungsansätze an dem Dreiklang Personalverfügbarkeit, Qualitätsanforderungen/OP-Mindestmengen und Finanzierbarkeit orientieren.

HCB-Geschäftsführer Professor Dr. Boris Augurzky konnte gewonnen werden. Augurzky gilt als einer der renommiertesten Klinikexperten Deutschlands und wurde erst jüngst von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach in eine Regierungskommission berufen.

Der Lenkungsausschuss

Aus den Reihen der Klinikbeschäftigten wurde im Rahmen des Strukturprozesses ein Lenkungsausschuss gegründet, der die inzwischen vorliegenden Handlungsvarianten diskutiert und bewertet habe. Das Gremium setzt sich aus 18 Vertretern zusammen, die aus der Ärzteschaft, den Pflegeleitungen, den Standortleitungen und Vertretern aus den Bereichen Qualität, Finanzen, Kommunikation und Bau stammen. Neben Augurzky und den Klinikvorständen kamen in der Sitzung deshalb auch Chefärzte und Personalräte aller drei Klinikstandorte zu Wort.

Warum die Neuausrichtung?

Das Hauptproblem sei der Personalmangel. Bereits jetzt könnten dauerhaft im Durchschnitt rund 140 Betten der Kliniken Ostalb nicht betrieben werden, berichtet die Landkreisverwaltung. Dies habe Personalvorständin Sylvia Pansow deutlich gemacht und klargestellt, dass diese Situation sich mit Blick auf die kommenden Jahre absehbar zuspitzen werde. Rund ein Drittel der Pflege-Mitarbeiter gehe in den kommenden zehn Jahren in den Ruhestand. Beim ärztlichen Personal seien es rund 20 Prozent. Die Bemühungen, neues Personal zu gewinnen, laufen bei den Kliniken auf vielen Ebenen auf Hochtouren. Dennoch werde die Schere zwischen Personalbedarf und -nachwuchs in den kommenden Jahren weiter auseinandergehen.

Gesetzliche Anforderungen

Hinzu kommen neue gesetzliche Anforderungen an die Mindestbesetzung des Personals, die das Problem des Fachkräftemangels an den Kliniken verschärfen. Was aus Sicht von Patienten und Mitarbeitern äußerst wünschenswert ist, stellt die Kliniken vor immer größere Probleme. Was ebenso für Mitarbeitende wünschenswert, für Kliniken jedoch problematisch ist, seien tarifliche Vorgaben.

Klinik-Vorstand Professor Dr. Ulrich Solzbach skizzierte ein weiteres Problem: Strukturvorgaben, die vom Bund beschlossen werden. Thema sind Mindestmengen an Operationen, die in einer Klinik durchgeführt werden müssen, um diese überhaupt noch durchführen zu dürfen und bezahlt zu bekommen. „Wenn wir aber an unseren Strukturen nichts ändern und die Mindestmengen weiter steigen, führt dies dazu, dass wir an manchen Standorten gewisse Leistungen nicht mehr erbringen können“, so Landrat Bläse. „Nicht weil wir es nicht wollen, sondern weil wir nicht mehr dürfen.“ 

Chefärzte aus allen drei Klinikstandorten konkretisierten die Auswirkungen der genannten Vorgaben anhand von Beispielen aus dem Klinikalltag und schilderten die Schwierigkeiten, die sich bei der Aufrechterhaltung des Dienstbetriebs und der Versorgungsqualität ergeben. 

Das Zukunftskonzept

Landrat und Klinikvorstand sind sich einig, dass die zukünftige Klinikstruktur in ein Gesamtkonzept zur medizinischen Versorgung im Ostalbkreis eingebettet sein muss. Auch aus den Reihen des Kreistags habe es dazu in der Sitzung keine grundsätzlichen Gegenstimmen gegeben, so heißt es zumindest in einer entsprechenden Mitteilung aus dem Landratsamt.

Die Gesundheitsstruktur müsse in Teilraumkonferenzen entwickelt werden. Begonnen habe dies bereits mit einer Arbeitsgruppenstruktur zur ärztlichen Versorgung gemeinsam mit den Kreisärzteschaften. Auch die Abdeckung durch die Rettungsdienste müsse in das Gesamtkonzept einfließen. „Die Zeit drängt“, betont der Landrat.

Ganz entscheidend sei eine gute Kommunikation. „Wir wollen die Entscheidung nicht an unserer Bevölkerung vorbei treffen. Auch nicht ohne die Mitarbeiter in den Kliniken und nicht ohne unsere niedergelassenen Ärzte“, so der Landrat und weiter: „Wir müssen diskutieren, wir müssen vielleicht auch streiten, aber wir müssen das Ziel einer langfristig zukunftsfähigen Gesundheitsversorgung immer im Auge behalten“, wird Bläse zitiert.

Oberstes Ziel: Notfallversorgung

Bläse betonte, dass in der Konzeption für den Ostalbkreis zwei Kriterien eine wichtige Rolle spielen: Erstens die 15-minütige Erreichbarkeit durch den Rettungsdienst. Zweitens die Erreichbarkeit eines Krankenhauses der Basis- und Grundversorgung innerhalb von 30 Minuten. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) sieht demnach eine flächendeckende Versorgung in Gefahr, wenn durch Schließung eines Krankenhauses zusätzlich über 5000 Einwohner mehr als 30 Minuten mit dem Auto fahren müssen, um zum nächstgelegenen geeigneten Krankenhaus zu fahren. „Der Ostalbkreis ist der drittgrößte Flächenlandkreis in Baden-Württemberg. Dieser bundesweite Anspruch gilt für uns deshalb umso mehr“, macht der Landrat deutlich.

Mehrere Handlungsvarianten

Momentan liegen mehrere Handlungsvarianten auf dem Tisch. „Dabei zeichnet sich immer mehr ab, dass eine Beibehaltung der drei Klinikstandorte immer unwahrscheinlicher wird“, so das Landratsamt. Favorisiert werde momentan vom Lenkungsausschuss der Kliniken Ostalb eine Reduzierung von drei auf zwei Klinikstandorte.

Zur Debatte steht zum einen, die Kliniken in Aalen und Ellwangen in einem Neubau zusammenzuführen. Gleichzeitig würde das Stauferklinikum Schwäbisch Gmünd als Standort weiter betrieben, jedoch mit weniger Betten als bisher und „strukturell auf seine neue ergänzende Funktion hin entwickelt“.

Eine zweite Alternative sieht vor, dass die Häuser in Schwäbisch Gmünd und Aalen zu einem großen, neu gebauten Regionalversorgungskrankenhaus zusammengelegt werden. Dabei bliebe die Ellwanger St. Anna-Virngrund-Klinik als Haus der Basis- und Grundversorgung bestehen.

Anregungen aus den Reihen des Kreistags folgend, wird Prof. Augurzky zudem eine dritte, bereits im Gutachten genannte Alternative, nämlich ein Zentralklinikum an einem Standort, noch detaillierter untersuchen. Zudem müssten für die Zeit bis zur Umsetzung der neuen Klinikstruktur Interimsmaßnahmen für die Übergangszeit erarbeitet und Nachnutzungskonzepte entwickelt werden, erklärte Bläse, woran mit Hochdruck gearbeitet werde.

Virngrund-Klinik
Stethoskop

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