Flüchtlingskindern eine Chance geben

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© picture alliance / Uli Deck/dpa | Uli Deck
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178 unbegleitete minderjährige Ausländer (UmA) hat der Ostalbkreis bislang aufgenommen. Es werdentäglich mehr - Helfer und Behörden bleiben gefordert

Aalen. Unbegleitete minderjährige Ausländer (UmA), so lautet die Bezeichnung für junge Menschen unter 18, die alleine einreisen oder ohne Begleitung zurückgelassen werden. Sie landen nicht in der Flüchtlingshilfe, sondern stehen unter dem besonderen Schutz der Jugendhilfe. Das Jugendamt nimmt sie in Obhut und bringt sie bei Gastfamilien, in Heimen oder in sozialpädagogisch betreuten Wohnformen unter. Über die Lage im Kreis hat der stellvertretende Geschäftsbereichsleiter Roland Schlipf am Mittwochabend im Kreis-Jugendhilfeausschuss berichtet.

Viele Syrer, kaum Ukrainer

Ukrainer, die ohne Eltern Zuflucht in Deutschland suchen, seien fast immer in Begleitung von Verwandten oder Bekannten, die von den Eltern mit der Erziehung beauftragt wurden, sagte Schlipf. Hier sei es Aufgabe des Jugendamts, die Erziehungsberechtigungen zu prüfen und Pflegeerlaubnisse auszustellen. Weiter werden Jugendhilfeleistungen initiiert.

Die meisten der 178 minderjährigen Flüchtlinge, die es 2022 in den Ostalbkreis geschafft haben, kämen aus Syrien (116) und aus Afghanistan (34). Aus der Türkei und Indien stammten jeweils sechs, aus der Ukraine drei, aus Palästinensischen Autonomiegebieten zwei, der Rest aus anderen Nationen.

Bundesweit sei ein deutlicher Anstieg von unbegleiteten Minderjährigen zu verzeichnen. Im Januar 2022 waren es 17.785, am 4. November 2022 bereits 25.302 – Tendenz weiter steigend.

„Der Zustrom im Ostalbkreis läuft fast nur über die LEA Ellwangen“, sagte Schlipf. Damit gehöre das Jugendamt Ostalbkreis zu denen, die auf diesem Feld am stärksten gefordert sind. 178 unbegleitete Flüchtlinge hat der Kreis (Stand 12. November 2022) aufgenommen. In den drei Vorjahren gab es im Schnitt 24 Neuzugänge pro Jahr.

Helfer im Dauerstress

Der starke Anstieg ab September habe sowohl beim Sozialen Dienst im Landratsamt als auch bei den freien Trägern zu extremen Belastungen geführt. Die Rufbereitschaft des Geschäftsbereichs Jugend und Familie müsse seither neben zwei bis drei regelmäßig anfallenden Einsätzen pro Woche fast täglich in die LEA, da die Kinder und Jugendlichen oft abends oder wochenends dort ankommen. „Der soziale Dienst (ASD) übernimmt die Bearbeitung der vorläufigen Inobhutnahme, nimmt eine qualifizierte Alterseinschätzung vor, prüft Verteilhindernisse, meldet zur Verteilung an oder ruft das Familiengericht wegen der Bestellung eines Vormunds an“, erklärte Schlipf. Dabei müsse derzeit tagesaktuell die Belegung verfügbarer Kapazitäten geprüft und Verlegungen vorgenommen werden. Mit der LEA wurde abgestimmt, dass ASD-Kräfte ein Büro vor Ort nutzen können, und diese seien meist täglich dort.

Wegen der der Notlage habe die Betriebserlaubnisbehörde die Standards für die Betreuung von UmA zwar abgesenkt, jedoch seien bei der personellen Ausstattung kaum Abstriche gemacht worden. Eine typische Heimgruppe mit acht Plätzen erfordere fünf sozialpädagogische Fachkraftstellen. Aber auch die stationäre Jugendhilfe kämpfe mit Fachkräftemangel, was den Aufbau weiterer Betreuungskapazitäten erschwert. Hinzu kommt: Das Verfahren bis zur Inbetriebnahme dauere in der Regel ein halbes Jahr.

Zwölf neue Plätze geschaffen

Im Bereich der betreuten Wohnformen für Jugendliche ab 16 Jahren seien Platzerweiterungen im bestehenden Angebot erreicht worden. Zudem habe der Landkreis zwölf neue Plätze geschaffen. Die Betreuung leisten Trägern der Jugendhilfe.

Da der Ostalbkreis durch die Zugänge über die LEA die Aufnahmequote übererfüllt (114,6 Prozent), können UmA zur Verteilung angemeldet werden. Dies bringe eine gewisse Entlastung, die werde aber nicht lange wirken, weil die Gesamtquote in Baden-Württemberg steige.

Ziel: ein Schulabschluss

Steht der Verbleib der jungen Leute im Kreis fest, endet die Inobhutnahme und es beginnt die vollstationäre Unterbringung. Die Kinder und Jugendlichen werden an Schulen angemeldet, um dort einen Abschluss zu erlangen. Es wird auch angestrebt, sie in Vereinen und ehrenamtlichen Tätigkeiten zu integrieren.

Bislang hätten auf der Ostalb, im Gegensatz zu anderen Kreisen, Notunterbringungen in Büroräumen vermieden werden können, so Schlipf. Der Geschäftsbereich Jugend und Familie werde weiterhin alles daransetzen, dass dies so bleibt. Es dürfe nie aus dem Blick geraten, dass unbegleitete Minderjährige ihre Heimat und oftmals auch ihre Familie in Krisengebieten zurückgelassen haben, in der Hoffnung auf ein besseres, ein sicheres Leben in Deutschland. Aufgabe der Kinder- und Jugendhilfe sei es, sie bei der Ankunft und auf ihrem weiteren Weg gut zu unterstützen, machte Schlipf klar.

Land und Kreis tragen die Kosten

Die Jugendhilfeträger erhalten Kostenerstattung vom Land. Im Haushaltsjahr 2022 sind bislang Ausgaben in Höhe von 1,08 Millionen Euro entstanden. Es wird mit Einnahmen von etwa 1.05 Millionen Euro gerechnet. Die Kosten für die personellen und sächlichen Ressourcen des örtlichen Jugendhilfeträgers muss aber der Kreis tragen.

Sprecher aller Fraktionen lobten und bedankten sich für die Arbeit aller Helfer.

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