Freiheitsforscherin: „Menschenrechte sind keine Kollektivrechte“

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Freiheitsforscherin Dr. Ulrike Ackermann beim ersten Rendezvous der Saison im Bilderhaus.

Gschwend. Tatsächlich hat Ulrike Ackermann ihre Drohung wahr gemacht und dieser Gesellschaft beim Rendezvous im Bilderhaus kein gutes Zeugnis ausgestellt. Die Freiheit im Land, betont die Politikwissenschaftlerin und Soziologin, sei bedroht. Zwar auch von außen - wo autokratische Systeme wachsen und die Menschenrechte mit Füßen treten - aber viel mehr noch von innen. Wie die Professorin das begründet, lässt manchen im Publikum aufhorchen und provoziert durchaus Widerspruch.

Müßig wäre es, das Szenario der Weltordnung detailliert nachzuzeichnen, das die Freiheitsforscherin für die Außensicht skizziert: Missglückte Revolutionen, verheerende Interventionen, wachsende Diktaturen, der Wandel Amerikas, die Uneinigkeit in Europa - jeder kann aus diesen Stichworten die nahe liegenden Schlüsse ziehen.

Auch nicht weiter hergeholt, aber in dieser Deutlichkeit krass sind die Analysen von Ulrike Ackermann, wenn es um die Innensicht geht. Hier spricht sie vom bröckelnden Selbstverständnis der gesellschaftlichen Mitte, sieht freiheitliche Werte, die einst unverhandelbar waren, infrage gestellt. Beobachtet wie die politischen Ränder von allen Seiten mit antieuropäischen und antidemokratischen Ressentiments oder auch einfach nur aus Lust an der Revolte diesen Raum einnehmen. Erlebt „eine Funktionselite und eine politische Klasse, die die Bodenhaftung verloren hat“ und diese dramatische Entwicklung nicht einmal bemerke. Auf ihrem Manuskript vermerkt Ulrike Ackermann als Symptome: Debatten, die nicht aus der Mitte geführt werden und die deshalb schnell polarisieren; Selbstzweifel an der Erfolgsgeschichte der Demokratie bis hin zum Selbsthass; Blasenbildung in Netzwerken statt bürgerlicher Öffentlichkeit und Lagerbildung über Blogs. An den Universitäten, wo „die Eliten der künftigen Gesellschaft“ ausgebildet werden, ist nach Ackermanns Analyse ein offener Diskurs, der widersprechende Meinungen zulässt und respektiert, abgelöst von „Stampfkämpfen um die Deutungshoheit“ und von einem unerträglichen Konformitätsdruck. „Eine umstrittene Person hat schon verloren“ - obwohl doch ein akademischer Streit Positives bewirken könne.

Auch die politische Klasse und die Medien beugten sich solchem Konformitätsdruck und repräsentierten damit längst nicht mehr die Meinung der Mehrheit, kritisiert Ackermann. Und nennt als ein Beispiel die gendergerechte Sprache. 71 Prozent der Bevölkerung halten das „*“ und den „Schluckauf-Sprech“ für übertrieben, auch 65 Prozent der Frauen unter 35 Jahren. Trotzdem werde es mit erzieherischem Duktus verwendet. Es werden Bilder abgehängt, „N“-Wörter angeprangert, Denkmäler gestürzt: „Eingriffe zugunsten eines Regimes, das es allen recht machen will“, kritisiert Ackermann die irrwitzigen Zügen eines Kulturkampfs, der an den Grundfesten eines eigentlichen gesellschaftlichen Erfolgsmodells rüttle. Zunehmend bildeten sich Opfergruppen, die ihre Rechte einforderten - Ackermann spricht sogar von Opferkonkurrenz, deren lautstarke Feldzüge den gesellschaftlichen Zusammenhalt schwächten. An den Universitäten gerate so die Wissenschaftsfreiheit unter Druck, in der Gesellschaft der freie Diskurs. „Menschenrechte sind individuelle Rechte, keine Kollektivrechte“, lenkt die Referentin den Blick weg von „Stammesdenken und Hordenbildung“, die sich zu einer Diktatur von Minderheiten auswüchsen. Moralisierung und Empörung behinderten die Erkenntnis aus Argumenten, eine freie Debatte ohne Vorurteile.

Die knapp 90 Zuhörenden im Saal, weitere 30 sind per Stream dabei, der zum Ende leider aus technischen Gründen versagt, beschäftigt besonders die Ablehnung der Gendersprache und wie Gleichstellung und Minderheitenschutz erreicht werden könnten. Anke Schwörer-Haag

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