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Frühwarnstufe im Notfallplan für die Gasversorgung ausgerufen: Ab wann muss die Ostalb frieren?

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Über ein Drittel des in Deutschland verbrauchten Erdgases stammt aktuell aus Russland.
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Wie es angesichts des Ukraine-Konflikts um die Versorgungssicherheit mit Erdgas steht. Das sagen Gasversorger und Transportnetzbetreiber. Und die aktuellen Füllstände der Gasspeicher in Deutschland. Von Tobias Dambacher

Aalen. Hinweis: Dieser Text ist eine leicht aktualisierte Version des Artikels vom 14. Februar. Was passiert, wenn Russland die Gas-Lieferungen nach Europa stoppen würde? Mit diesen Fragen hat sich ein Leser an unsere Redaktion gewandt. Er selbst heizt mit Erdgas von den Aalener Stadtwerken. Konkret fragt er: „Ab wann würden wir frieren?“ Jetzt hat am heutigen Mittwoch, 30. März, Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) die Vorwarnstufe im Notfallplan für die Gasversorgung Deutschlands ausgerufen. Aktuell gebe es keine Versorgungsengpässe. Dennoch laufen nun Vorbereitungen an, für den Fall, dass Russland die Gaslieferungen stoppt. Der Blick auf die aktuellen Füllstände der Gasspeicher in Deutschland zeigt auch im Fünf-Jahres-Vergleich weiterhin ein historisches Tief der Füllstände:

Der Notfallplan Gas für die Bundesrepublik Deutschland (hier der Link zum kompletten Dokument) sieht drei Krisenstufen vor:

1.  Frühwarnstufe: In der ersten Stufe tritt ein Krisenstab beim Bundeswirtschaftsministerium zusammen, der aus Behörden und den Energieversorgern besteht. Die Gasversorger und die Betreiber der Gasleitungen werden etwa verpflichtet, regelmäßig die Lage für die Bundesregierung einzuschätzen. Noch greift der Staat aber nicht ein. Vielmehr ergreifen Gashändler und -lieferanten, Fernleitungs- und Verteilnetzbetreiber marktbasierte Maßnahmen, um die Gasversorgung aufrechtzuerhalten. Dazu gehören beispielsweise die Nutzung von Flexibilitäten auf der Beschaffungsseite, der Rückgriff auf Gasspeicher, die Optimierung von Lastflüssen oder die Anforderung externer Regelenergie.  

2. Alarmstufe: Auch in der sogenannten Alarmstufe kümmern sich die Marktakteure noch in Eigenregie um eine Entspannung der Lage. Auch hier können die in Stufe 2 genannten Maßnahmen von den Marktakteuren ergriffen werden. Dazu gehören wiederum beispielsweise die Nutzung von Flexibilitäten auf der Beschaffungsseite, der Rückgriff auf Gasspeicher, die Optimierung von Lastflüssen oder die Anforderung externer Regelenergie.   

3. Notfallstufe: Wenn die Maßnahmen der Frühwarn- oder der Alarmstufe nicht ausreichen oder eine dauerhafte Verschlechterung der Versorgungssituation eintritt, kann die Bundesregierung per Verordnung die Notfallstufe ausrufen. In diesem Fall liegt eine "außergewöhnlich hohe Nachfrage nach Gas, eine erhebliche Störung der Gasversorgung oder eine andere erhebliche Verschlechterung der Versorgungslage", vor. Jetzt greift der Staat in den Markt ein. Konkret heißt das: Die Bundesnetzagentur wird zum "Bundeslastverteiler". Ihr obliegt dann in enger Abstimmung mit den Netzbetreibern die Verteilung von Gas. Dabei sind bestimmte Verbrauchergruppen gesetzlich besonders geschützt, d.h. diese sind möglichst bis zuletzt mit Gas zu versorgen. Zu diesen geschützten Verbrauchern gehören Haushalte, soziale Einrichtungen wie etwa Krankenhäuser, und Gaskraftwerke, die zugleich auch der Wärmeversorgung von Haushalten dienen. 

Warum ruft das Ministerium die Frühwarnstufe aus und was bedeutet Frühwarnstufe?

Dazu informiert das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz: "Russland hatte in der vergangenen Woche angekündigt hat, die Bezahlung der Gasimporte nur noch in Rubel zu akzeptieren. Dies stellt einen Bruch der privaten Lieferverträge dar. Die G7-Staaten haben in einer gemeinsamen Erklärung am 28.03.2022 die Bezahlung in Rubel abgelehnt. Russland hat dennoch gestern in mehreren Äußerungen deutlich gemacht, Zahlungen nur in Rubel zu akzeptieren und gedroht, ohne Rubel-Zahlungen die Gaslieferungen auch zu stoppen. Um auf mögliche Liefereinschränkungen oder -ausfälle vorbereitet zu sein, hat das BMWK deshalb heute die Frühwarnstufe nach Art. 11 der EU-Verordnung über Maßnahmen zur Gewährleistung der sicheren Gasversorgung ausgerufen und das Krisenteam Gas einberufen. Damit wird die aktuelle Situation im Gasnetz engmaschig beobachtet und bewertet.
Durch das Ausrufen der Frühwarnstufe wird das BMWK durch das Krisenteam sehr viel engmaschiger über die aktuelle Versorgungslage in den einzelnen Regionen Deutschlands informiert; der enge Austausch zwischen allen Beteiligten aller Ebenen ist institutionalisiert."

Doch was sagen die lokalen Versorger im Ostalbkreis?

Schnell wird bei der Recherche Mitte Februar  klar: So einfach lässt sich diese Frage nicht beantworten. Je kälter es ist, desto mehr Gas wird verbraucht und umgekehrt.

Die Aalener Stadtwerke verfügten zwar über kleinere Gasspeicher für Lastspitzen. „Diese können aber keine tagelange Versorgung für Aalen sicherstellen“, sagt Igor Dimitrijoski von den Aalener Stadtwerken. Für den Fall, dass Russland trotz gültiger Verträge kein Gas mehr liefern würde, käme es in Westeuropa und damit auch in Deutschland zu einer starken Verknappung. „Aalen wäre nicht mehr oder weniger betroffen als andere Städte“, sagt Dimitrijoski. Etwa ein Drittel des in Deutschland verbrauchten Gases stammt aus Russland. Die Stadtwerke erhalten das Gas von Terranets BW im Langert und in Aalen-Waiblingen in ihr Netz.

Terranets BW ist als unabhängiger Transportnetzbetreiber für Gas verantwortlich für die zuverlässige Versorgung mit Gas in Hessen, Baden-Württemberg und dem angrenzenden Ausland. 

Eigene Speicher haben beispielsweise die Ellwanger Stadtwerke gar keine, erklärt deren Geschäftsführer Stefan Powolny. „Wir sind komplett abhängig davon, was Terranets BW uns liefert“, sagt er. Powolny rechnet nicht damit, dass Russland Europa den Gashahn zudreht. „Die deutsch-russischen Gasbeziehungen haben bislang alle Krisen überlebt“, sagt er. Aktuell sei eher das Problem, dass Russland nur das liefert, was vertraglich vereinbart wurde - und nicht mehr. „Wir könnten aktuell aber mehr brauchen“, sagt Powolny. Deshalb sei der Gaspreis so hoch. Er glaube, dass das auch so bleibe. Somit hätten wir eher ein Preis- und weniger ein Versorgungsproblem. 

In einer ähnlichen Situation ist auch die EnBW ODR in Ellwangen, die ihre Gasmengen über ihren Mutterkonzern Netze BW bezieht und somit ebenfalls über das vorgelagerte Netz der Terranets BW. „Wir selbst verfügen über einen Tagesspeicher, zudem können wir kurzfristige Engpässe über unsere Netzpuffer sehr gut ausgleichen“, sagt Nicole Fritz, Pressesprecherin bei der EnBW ODR.

Auch bei den Stadtwerken Schwäbisch Gmünd geht man von keinen Versorgungsengpässen aus und hält einen Stopp der Gaslieferungen aus Russland für sehr unwahrscheinlich, informiert Pressesprecherin Hanna Ostertag. „Wir beziehen unser Erdgas von renommierten deutschen Vorlieferanten, GVS und Uniper“, sagt sie. Uniper ist an der Pipeline Nord Stream 2 beteiligt, die nach ihrer Fertigstellung Erdgas aus Russland direkt nach Deutschland liefern soll.

Auch die Stadtwerke Gmünd verfügten zwar über einen kleineren Gasspeicher. Doch dieser könne lediglich Lastspitzen ausgleichen, „aber keine tagelange Versorgung von Schwäbisch Gmünd sicherstellen“, sagt Hanna Ostertag.

Die Gasvorräte in Deutschland

Doch wie steht es nun um die Gasversorgung in Deutschland im Ernstfall? „Aktuell gehen die Fernleitungsnetzbetreiber davon aus, die Gasversorgung sicher und zuverlässig gewährleisten zu können“, sagt Rebecca Penno, Stabsstellenleiterin Unternehmenskommunikation von Terranets BW. Ein wichtiger Indikator für die sichere Versorgung mit Gas in Deutschland seien die Speicherfüllstände. „Diese liegen aktuell niedrig“, sagt Penno.

Knappe Gasspeicher

Konkret: Laut einer Analyse der Portfolio Werk Stadt GmbH, laut eigenen Angaben Spe­zia­lis­ten auf dem Ge­biet der Ana­ly­se und der Op­ti­mie­rung von Gas- und Strom­port­fo­li­os, sind die Gasspeicher in Deutschland aktuell nur zu knapp über 30 Prozent gefüllt. Zum Vergleich: 2020 waren die Speicher zur gleichen Zeit zu über 70 Prozent voll. 

Dennoch gehe man bei Terranets BW davon aus, weiterhin zuverlässig Gas transportieren zu können, so Unternehmenssprecherin Penno.

Alternative Gasbezugsquellen?

Ob und wann es ohne russisches Gas kalt wird, lässt sich schlichtweg nicht sicher sagen. Im „Notfallplan Gas für die Bundesrepublik Deutschland“ sind jedenfalls Haushalte per Gesetz besonders geschützt. Im Ernstfall sind Gasversorger verpflichtet, Haushalte so lange wie möglich mit Gas zu versorgen. Ein Faktor ist auch die seit Jahresbeginn gestiegene Anlieferung von Flüssiggas LNG in Deutschland als Teil eines EU-weiten Notfallplans, der im März vorgestellt werden soll. Doch auch hierzu sind sich die Experten europaweit uneins, ob das reichen würde.

Zumindest ein Faktor spricht für eine glimpfliche Situation: Der Deutsche Wetterdienst rechnet im Februar nicht mehr mit einer langen Frostperiode. 

Der Fernleitungsnetzbetreiber Terranets BW

Terranets BW übernimmt Gas aus vorgelagerten Netzen in ihr rund 2.700 Kilometer langes Gasleitungsnetz, das sich überwiegend in Hessen und Baden-Württemberg befindet. Das Gas transportiert Terranets BW zu Industriekunden, Stadtwerken und Verteilernetzbetreibern, die es dann weiter transportieren an Haushalte, Industrie und Gewerbe. Der Auftrag ist im Energiewirtschaftsgesetzt (EnWG) gesetzlich verankert. Die Terranets BW ist kein Gaslieferant oder Gashändler und hat auch keinen Einfluss auf die Herkunft des Gases.. Das Unternehmen stellt als sogenannter Fernleitungsnetzbetreiber (FNB) die Infrastruktur und die Transportlogistik zur Verfügung.

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