Gelungenes Theater trotz Abstand

  • Weitere
    schließen
+
Lena (Julia Sylvester) bei dem Versuch, den vielfach angeödeten Leonce (Manuel Flach) mit dem Blick in den Mond ein wenig Licht ins Leben zu bringen.
  • schließen

Das Theater der Stadt Aalen zeigt auf der Sommerbühne im Schloss Wasseralfingen die Komödie "Leonce und Lena". Warum es bei der Inszenierung nicht nur lustig zu geht.

Nichts abgekriegt von der Klopapierrolle? Die wandert vor einer Art goldenen Showvorhang von Hand zu Hand. Es ist wie so oft: Der Letzte kriegt nichts ab. Da nützen auch die golden Krönchen der vier Könige ohne Hemd und Hose nichts, die im Chor übers Denken sinnieren und so das Publikum gleichsam zum Denken animieren.

Prolog zu Georg Büchners "Leonce und Lena", mit dem das Theater der Stadt Aalen am Freitagabend im Schoss Wasseralfingen Premiere feierte. Bissiger Witz, Romantik, Poesie und Philosophie. All das steckt in Büchners einzigem Lustspiel. Und all das hat die Inszenierung unter der Regie von Jonathan Giele prägnant herausgearbeitet und mit modernen Versatzstücken ganz ohne Klamauk köstlich aufpoliert.

Hohlwangig und bleich steht er da, der vom Leben und sinnlosen Tätigkeiten gelangweilte Prinz Leonce. Angeödet von Körnchen werfen und Co., sich selbst und der Welt. Sogar von seiner Geliebten Rosetta, als die Diana Wolf gekonnt lasziv zwar üppig betüllt (Kostüme: Stefanie Krey) kurz Farbe und Verführung in die royale Tristesse tupft, dann aber von Leonce abserviert wird.

Als dessen trotteliger Vater diesen ihn standesgemäß verheiraten will, sucht der Blaublütige mit Freund Valerio das Weite. Gen Italien geht es, wo Leonce auf Lena trifft. Die beiden sollen eigentlich heiraten, wissen aber nichts davon und entbrennen in Leidenschaft, verlieren sich und finden am Ende doch wieder zueinander.

Frust und Zynismus, gepaart mit ein wenig Grausamkeit, der Wasseralfinger Leonce wird von Manuel Flach bestens als einer verkörpert, den man nicht gern haben muss. Selbst das Feiern, mit dem ihn Philipp Dürschmied als lebenslustiger Opportunist Valerio aufheitern will, bringt ihn nicht mehr in Wallung. Dafür aber Lena, eine krachige Gothikprinzessin. Als die hat das Publikum da schon bereits Julia Sylvester ins Herz geschlossen. Denn bereits zuvor hat sich die Schauspielerin ein paar herrliche Augenblicke lang an ihrem eigenen Röcheln in einem vermeidlichen Todeskampf erfreut. Lena fühlt sich angezogen von Leonces pessimistischer Grübelei. Morbide lebt's sich eben leichter zu Zweit. Und Gegensätze ziehen sich an. Und wenn auch auf der Bühne weiter der Abstand der Schauspieler zueinander von 1,5 Metern gewahrt wird – man muss sich spüren auch in diesen Zeiten. Da geht es dann eben gegen sich selbst mal intensiver zur Sache.

An originellen Ideen, die Corona-Regeln einzuhalten, mangelt es Regisseur Giele und Ausstatterin Ariana Scherpf nicht. Büchsenbier und Technogroove, Joggen am Seil und an beweglichen Blumenkästen vorbei – dieses "Lustspiel", bei dem der Adel auch ein wenig an seiner eigenen Sattheit seelisch zugrunde geht, macht auch wegen vieler Denkanstöße Spaß. Auch wenn bei Büchner am Ende fast alles bleibt, wie es zuvor war und die "innere Sicherheit", so das aktuelle Spielzeitmotto, unterm Strich gewahrt. Das klingt schon sehr nach heute.

Es sind trotz ausverkaufter Premiere wegen der Corona-Vorschriften nur knapp 30 Theaterfreunde im Publikum, die am Ende lange applaudieren. Die wissen aber: in der Realität hat sich doch was geändert. Es wird wieder Theater gespielt, das sich zu sehen lohnt. Und es gibt wieder genug Klopapier. Auch für den Letzten.

Zurück zur Übersicht: Ostalbkreis

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL