Glocken gegen den Konzert-Verzicht

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Mehr als 500 Jahre alt sind diese Glocken des Münsters in Schwäbisch Gmünd. Sie haben den Glockenraub der Nazis überstanden. Im Bild der frühere Münsterarchitekt Hermann Hänle.

Wie das Münster in Schwäbisch Gmünd zum frei stehenden Glockenturm kam. Schauplatz für ein ganz besonderes Konzerterlebnis.

Schwäbisch Gmünd

Durch den fatalen Fehler eines Baumeisters ist der heutige Münster-Glockenturm zur seiner Bedeutung gekommen. In der Karfreitagnacht 1497 stürzten die beiden Münster-Kirchtürme ein, weil zuvor im Innern aus optischen Gründen eine Chorbogenwand entfernt worden war. Jahre später wurde das Nachbargebäude, ein romanisches Steinhaus aus dem Jahr 1228, zum Glockenturm umfunktioniert. Ein Campanile, im schwäbischen Raum einzigartig. Demnächst wird man mehr von den Glocken hören: Beim Stadtglockenkonzert im Rahmen eines reduzierten Kirchenmusikfestivals.

Wie dieses Kleinod gut 500 Jahre nach seiner Neubestimmung heute erlebbar ist, das weiß ganz besonders Hermann Hänle, als früherer Münsterarchitekt vier Jahrzehnte mit Renovierung und Pflege des Denkmals vertraut.

Er kennt den prachtvollen Klang der vier Glocken aus den Jahren 1300 bis 1456. Dabei liegen Genuss und Schmerz dicht beieinander. Eines Freitags steht er im Turm über den Glocken, die zum Elf-Uhr-Läuten ansetzen. "Da kann man sich die Ohren zuhalten und geht anschließend trotzdem halb taub nach unten", erinnert er sich. Während des Glockenspiels die mächtigen Instrumente zu passieren, wäre zu gefährlich, weil man ihre Bahn kreuzen müsste.

Dass der Glockenstuhl erst nachträglich in den romanischen Bau eingezogen ist und dort "auf eigenen Beinen" steht, hat durchaus Vorteile: So überträgt sich die Kraft der schwingenden Glocken nicht auf das Gebäude. Ursprünglich, sagt Hermann Hänle, war das ein Wohnhaus. Noch heute erkennt man im Erdgeschoss den früheren Kamin der Küche. In den Steinwänden sind Einkerbungen für die Dielenböden weiterer Etagen.

Überraschung aus dem Turm

Das wäre viel zu gefährlich.

Hermann Hänle, früherer Münsterarchitekt

2006 begannen umfangreiche Sanierungsarbeiten, die immer auch Forschungsarbeiten sind. Aus der für Gmünd bedeutenden Deblerschen Chronik konnte man erfahren, wie das Dach original gedeckt war. Ziegel waren durchaus farbenfroh, grün, gelb, ein wenig blau, rot und braun. Die spezielle eckige Form konnte nur eine Ziegelei in Brandenburg im sogenannten "Ringofen" herstellen. Jahre später zeigt sich der Turm fast makellos, mit neuen Schallbrettern, sanierter Steinfassade.

Dass der Turm auch in saniertem Zustand nicht für die Öffentlichkeit zugänglich ist, hat vor allem einen Grund: "Das wäre viel zu gefährlich", so Hänle. Menschen nach oben zu führen, vorbei an Glocken, die plötzlich zu schwingen beginnen, sei undenkbar. Damit niemand in Versuchung kommt, hat die Münsterbauhütte nach erfolgreicher Sanierung die Holztreppe vom Erdgeschoss zum ersten Stockwerk durch eine Leiter ersetzt.

Beim letzten Stadtglockenkonzert im Rahmen des Festivals Europäische Kirchenmusik 2005 konnte der spanische Komponist Llorenc Barber noch bequem bis zu den Glocken vordringen, auf Treppenstufen, die schon mehrere hundert Jahre auf dem Buckel hatten. Die Münsterglocken schätzte er besonders.

Geschichten sind es, die den einstigen Münstermesner Paul Weinmann mit dem Glockenturm in Verbindung bringen. Er weiß, wie es sich anfühlt, wenn das Gebälk unter den schwingenden Glocken ächzt. Und er weiß noch, wie ein wildfremder Mann einst in den Küche seiner Wohnung im Obergeschoss stand. Der "Besucher" wollte den Glockenturm ganz genau inspizieren, fand eine Tür, ging rein und war in Weinmanns Küche. "Da haben wir in der nächsten Stunde die Tür verriegelt und gleich noch einen Schrank vor den Durchgang gestellt", erinnert sich der ehemalige Mesner.

Paul Weinmann mit gesammelten Münsterschätzen.
Der Glockenturm des Münsters als Campanile.

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