Dreieinhalb Jahre Gefängnis für versuchten Totschlag

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Das Landgericht Ellwangen verurteilt einen 23-Jährigen nach einer Messerstecherei.

Schwäbisch Gmünd. Wegen versuchten Totschlags muss ein 23-Jähriger für drei Jahre und sechs Monate hinter Gitter. Nach Auffassung des Landgerichts Ellwangen hat er in einer Flüchtlingsunterkunft in Schwäbisch Gmünd mit dem Messer auf einen anderen eingestochen.

Ein Zeuge, ein damaliger Mitbewohner aus Sri Lanka berichtete darüber, dass die vier aus Sri Lanka zusammen gekocht hatten, als der Angeklagte Pakistani in der Küche erschien. Es habe zuerst keinen Streit gegeben, erst als die beiden in den Flur gingen. Er selbst ging dann zum Essen auf sein Zimmer und kam erst wieder dazu, als dem Angeklagten das Messer weggenommen wurde und in seine Richtung geschleudert wurde. Er sagte aus, das Opfer P. hätte den Angeklagten H. am T-Shirt gepackt. Er habe nicht den Eindruck gehabt, dass der Tatverdächtige betrunken gewesen sei.

Es stellte sich heraus, dass der Zeuge bei der polizeilichen Vernehmung ausgesagt hatte, dass er den Tatverdächtigen auf Grund seines Ganges für betrunken hielt und dass das Opfer die Hände schützend vor das Gesicht gehalten hätte. Laut den eingetroffenen Beamten war der Gang des Angeklagten normal und er hatte auch keinen Atemgeruch. Er schien für sie nicht unter dem Eindruck von Alkohol gestanden zu haben.

Auf Nachfrage von Richter Fritsch erzählte der Angeklagte H. seine Biografie. Demnach ist er das jüngste von acht Kindern. Sein Vater starb als er noch klein war und seine Mutter musste als Tagelöhnerin arbeiten. Aufgezogen wurde er von seinen älteren Geschwistern. H. ging nie zur Schule und kann weder lesen noch schreiben. Mit elf Jahren ging er von zu Hause weg und arbeitete auf einer Gemüsefarm. Mit 14 Jahren lernte H. eine Christin kennen, doch seine Familie akzeptierte nicht, dass eine Christin und ein Moslem zusammenleben.

H. ging in eine Art Kloster, wo er für den Kampf gegen Inder ausgebildet werden sollte, was er jedoch ablehnte. Eine Zeit lang habe er sich daraufhin in Karatschi versteckt und ging von dort aus erst in den Iran und dann in die Türkei. In der Türkei arbeitete er als Gemüsefahrer und lebte neun Monate auf der Straße. Dann hatte er die Möglichkeit mit mehreren Flüchtlingen auf ein Boot zu kommen, das im Meer ausgesetzt wurde. Er uns zwei weitere wurden von der griechischen Marine gerettet. Er kam nach Mannheim in ein Flüchtlingslager und dann nach Schwäbisch Gmünd. Dort arbeitete H. bei einem Pizzakurier und dann bei McDonalds. Richter Fritsch wies auf vergangene Verfahren wegen Körperverletzung und wegen Belästigung einer 14-jährigen hin.

Der Gutachter Dr. Frank Reuther erklärte, dass die Verwendbarkeit von Atemalkoholtests rechtlich fraglich sei. Eine Rückrechnung des Blutalkohols auf die Tatzeit weise auf einen Promillegehalt von 1,8 hin. So sah er keine Verminderung der Schuldfähigkeit.

Durch seinen Verteidiger ließ H. eine Erklärung abgeben. Er schlug vor, 7500 Euro Schmerzensgeld zu zahlen, dafür sollte die Klage abgewiesen werden und die Kosten der Kläger übernehmen. Oberstaatsanwalt Peter Humburger sah in seinem Plädoyer die Behauptung des Angeklagten als Schutzbehauptung, es sei Notwehr gewesen, da P. ihn angegriffen hätte. Er forderte vier Jahre und sechs Monate Freiheitsstrafe für versuchten Totschlag mit gefährlicher Körperverletzung. Der Anwalt des Opfers warf H. Heimtücke vor und legte Mordabsichten nahe.

Der Verteidiger des Angeklagten sprach in seinem Plädoyer an, dass die Spurensicherung der Kriminalpolizei sich den Tathergang von den Zeugen pantomimische habe darstellen lassen. Dadurch wirke auch die Aussage des Tathergangs, wie es P. schildert, als sehr unglaubwürdig, da bei einer Darstellung kein Dolmetscher gebraucht werde und folglich nicht falsch übersetzt werden kann. Als sein Verteidiger darauf verwies, dass H. bereits seit sechs Monaten in Untersuchungshaft sitze und da er weder lesen, schreiben, noch deutsch spräche, er ganz isoliert sei, begann H. zu weinen. Er entschuldigte sich noch einmal und bat um Gnade.

Wegen versuchten Totschlags wurde er mit drei Jahren und sechs Monaten Freiheitsentzug bestraft. Er muss 10 000 Euro Schmerzensgeld an P. zahlen sowie für alle Schäden aufkommen. Michael Scheidle

Justitia

Rubriklistenbild: © pixabay

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