Hass, Gewalt und Lügen - ein Insider blickt auf den Neonazi-Alltag

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Philip Schlaffer
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Philip Schlaffer war Neonazi, schwerkrimineller Rocker-Boss und Häftling. Heute warnt er als Autor und Coach Menschen davor, seine Fehler zu begehen.

Aalen

In der Kindheit entwurzelt, einsam, danach radikalisiert, gewalttätig, rechtsextrem, schwerkriminell, inhaftiert und schließlich geläutert – Philip Schlaffers Leben im Zeichen von rechter Gewalt, Hass und Bandenkriminalität gleicht einem Fallschirmsprung ohne Reißleine. „Ich werd‘ nicht rumopfern, ich stehe hier als Täter“, sagt er mehrmals am Abend – und liefert dann doch knapp drei Stunden lang immer wieder auch Erklärungsversuche, weshalb sein Leben „nun einmal so lief“.

Der Kreisjugendring, die Partnerschaft für Demokratie Ostalb und der EUROPoint Ostalb haben den Ex-Neonazi und Ex-Rocker-Präsidenten in die Neue Aula der Hochschule Aalen geholt. Über 100 junge Leute sind da, was Landrat Dr. Joachim Bläse freut, denn dies sei Ausdruck für „Interesse an Demokratie“. Die sei herausfordernd, gar anstrengend, denn einfache Antworten oder Lösungen gebe es nicht und Demokratie verlange auch, dass „die Minderheit aushält, wenn die Mehrheit Dinge beschließt“.

Security bewacht den Dialog

Das Auditorium will Antworten, will aus erster Hand Einblicke in eine Szene erhalten, die sich abschottet und hat viele Fragen. Schlaffer liefert - gerne im spontanen Dialog, den er anbietet. Das bremst zwar seinen Redefluss, lenkt seien Monolog aber immer wieder in eine neue Richtung.

Security am Eingang unterstreicht, dass der einst gefährliche Mann nun selbst gefährdet ist. Aussteiger, Verräter. Via Internet werde er angegangen, auf offener Straße nicht. Er sei vorsichtig, wisse, wie es läuft und auch, sich körperlich seiner „Haut zu erwehren“, sagt er.

Beinahe ganzkörpertätowiert, grünes Hemd, schwarze Hose, grüne Sneakers tigert er vorne von rechts nach links. Die Worte sprudeln aus ihm, eloquent, charmant und humorvoll kommt er rüber. Manchmal schreit er auch, dann, wenn ihm etwas sehr wichtig ist. „Menschen, wie ich einer war, dürfen nie an die Macht kommen“, beispielsweise. Oder: „Die schwarz-weiß-rote Fahne war immer unser Ersatz für die Hakenkreuzfahne. Lasst euch da nichts anderes erzählen und wer bei einer Demo mitzieht, bei der Reichsflaggen wehen, der demonstriert mit Nazis. Word“.

Erste Brüche

Geboren 1978 und gut behütet aufgewachsen in der schleswig-holsteinischen Provinz sei er. Vater Ingenieur, Mutter Technische Zeichnerin. „Beide liberal, nicht rechts, sehr leistungsorientiert“. Fußballverein, Grundschule, Freunde, alles prima. Dann der Schock. Von heute auf morgen zieht die Familie nach England um. Newcastle. Der zehnjährige Philip am zweiten Tag das „Nazi-pig“ in der Klasse. Er schottet sich ab, braucht Monate, um anzukommen, und als er endlich da ist, nach vier Jahren so sehr dazugehört, dass er nie wieder weg will, der nächste Schock: Die Familie zieht zurück nach Deutschland.

Was seine Schwester spielend bewältig, haut ihn aus der Spur. Von da an geht es abwärts mit ihm. Er fliegt vom Gymnasium, radikalisiert sich vollends auf der Realschule. Er bricht mit seinen Eltern –„wir haben nie miteinander kommuniziert“ -, sucht sich Freunde, die wir er „alles und alle hassen“, die enttäuscht sind, „nicht reinpassen und auch nicht reinpassen wollen“, die sich selbst als „das doofe, das ungewollte Kind“ wahrnehmen.  „Die anderen waren immer schuld, mit dieser Haltung hab ich mich sehr wohl gefühlt“, erinnert er sich. Gegenseitig hochgeschaukelt habe man sich in der Gruppe. Immer ein neues Extrem gesetzt. Gewalt, Waffen, Konflikte mit der Polizei gehörten dazu.

Die Samen des Hasses

„Hass einzupflanzen in Menschen, ist gar nicht schwer“, weiß er heute. Ein Samen hierfür war bei ihm Rechts-Rock – „Diese Bands singen gegen alles, können alles hassen und geben dir das Gefühl, du bist etwas Besonderes, einzig, dank deiner Geburt, du bist einer der Guten“. Und dazu die tiefe innere Überzeugung: „Ich wehre mich ja nur, muss mich verteidigen – das eint übrigens alle Extremisten“.

Mitten drin im braunen Sumpf

Schlaffer verliebt sich in eine Nazi-Frau, sie ziehen nach Mecklenburg-Vorpommern. Eine Lehre als Großhandelskaufmann hat er noch absolviert. Nun, Anfang 20, eröffnet er Tattoo-Studios, produziert Rechts-Rock und betreibt Läden „mit Nazi-Zeugs“ in Berlin, Hamburg und Wismar.

Er verdient viel Geld und findet Anschluss. Er gründet die „Kameradschaft Werwölfe Wismar“ und taucht auf dem Radar des Verfassungsschutzes auf. Schlaffer ist nun mittendrin im braunen Sumpf. Gewalttätig, stur, verblendet rechts und gefürchtet. „Ein politischer Soldat für Deutschland sein, die neue SA, die den Umsturz erledigt, das wollte ich damals und vor allem, nie wieder allein sein“, sagt er.

Es kommt anders. Als ein paar seiner Kameraden im Suff einen Bekannten umbringen, ist Schlaffer raus. „Menschen waren mir damals scheißegal, aber ich wollte Bürgerkrieg und nicht so einen bescheuerten Mord“, gibt er zu. Der völlige Bruch dann, als er in seinem Haus überfallen und erpresst wird, von ehemaligen Nazi-Freunden. „Ich hab deren Namen auf dem Oberschenkel tätowiert“. Mit einer Pumpgun schlägt er das Trio in die Flucht. „Wären die nicht so schnell gerannt, ich hätte alle erschossen“, bekennt er.

Vom Nazi zum Rocker

Nahtlos wechselt er aus der Nazi-Szene ins Rockermilieu. Er gründet die „Schwarze Schar Wismar“. Prostitution und Drogenhandel statt 4. Reich. „Die ersten Ausländer, die ich wirklich kennengelernt habe, waren die, die ich zum Dealen schickte“, sagt er. Gefährlich für die Gesellschaft bleibt er. Über 25 Hausdurchsuchungen, viele Festnahmen, wochenlange 24/7-Überwachung - das zermürbt, „vor allem wenn auch noch das Finanzamt hinter dir her ist“.

Der hypermännlich Schlaffer, 35, knickt auf dem Höhepunkt seiner Macht zusammen. Schlafstörungen, Migräne, er leidet und spielt fortan nur noch seine (Präsi)Rolle. Das bleibt nicht lange verborgen. „So ein Testosteron gesteuerter Männerhaufen ist wie ein Wolfsrudel. Zeigt der Leitwolf Schwäche, wird er weggebissen“. Ein unbedachtes Wort von ihm und er ist dort erledigt – für immer. Und landet stattdessen im Knast. Sein Glück, denn dort gibt es Psychotherapie und die hilft ihm.

Das neue Leben

Heute arbeitet er als Autor und Coach und besucht selbst noch einen. „Neonazi, Gewalttäter zu werden, das war eine lange Reise, das knipst du nicht einfach weg und erfindest dich kurz mal neu, das bedeutet Arbeit an dir, die nicht aufhört“, sagt er.

Heute habe er die Lügen seiner jungen Jahre durchschaut, wolle andere davor warnen, seine Fehler zu wiederholen. „Ich habe meine Jugend damit vergeudet, mit alten Männern in Hinterzimmern vom 4. Reich zu schwadronieren. Da gab es keine Gewinner“, sagt er.

 Rechtsextremismus funktioniere eine Weile, aber er erfülle am Ende nicht, was er verspreche, sondern er enttäusche, weiß er. Mit der AfD müsse man reden, die sei demokratisch gewählt, mit harten Neonazis, wie er einst einer war, aber nicht, das sei aussichtslos. „Die Behörden haben uns viel zu lange gewähren lassen“, meint er.

Er bereue vieles, habe vielen Leid angetan, sich bei einigen entschuldigt, habe aber auch irgendwie seinen Frieden mit sich, vor allem seinen Eltern gemacht. Er sei ein anderer geworden, kein Heiliger zwar, immerhin ein „Cherry-Picker Buddhist“, „und heute hasse ich nur noch Menschen, die ich persönlich kennengelernt habe“. Nimmt ihm jemand seine Wandlung nicht ab, sei ihm das inzwischen egal. „Was ich hier tue, mache ich auch für mich persönlich“, endet er.

Philip Schlaffer mit Landrat Bläse
Philip Schlaffer

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