Hausärztemangel: Was kann man vom Nachbarland Österreich lernen? 

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Dr. Alexander Braun, Professor für Gesundheitsmanagement, zu Gast beim Bezirksrat der AOK Ostwürttemberg. V.l.: AOK-Geschäftsführer Hans-Joachim Seuferlein, alternierender Bezirksratsvorsitzender Roland Hamm, Dr. Alexander Braun, Karl Groß, Vorsitzender des Bezirksrat der AOK Ostwürttemberg, Martin Kerler, stellvertretender Geschäftsführer der AOK Ostwürttemberg.

Die Mitglieder des Bezirksrats der AOK Ostwürttemberg bekamen einen Einblick in das österreichische Gesundheitssystem.

Aalen. Der Hausärztemangel bereitet dem Ostalbkreis Probleme. Alexander Braun, Professor für Gesundheitsmanagement der Fachhochschule Krems in Österreich, erläuterte nun anschaulich den Versicherten- und Arbeitgebervertretern des Bezirksrats der AOK Ostwürttemberg, wie das Gesundheitssystem in Österreich funktioniert. Und stellte die Frage, ob Österreich eine bessere Lösung für den Hausarztmangel hat.

Gebürtiger Heidenheimer absolviert akademische Laufbahn in Österreich

Dr. Braun war auf Einladung der AOK Ostwürttemberg nach Aalen gekommen. Der 34-jährige gebürtige Heidenheimer hatte von 2004 bis 2007 bei der AOK seine Ausbildung zum Sozialversicherungsfachangestellten absolviert, bevor er den akademischen Weg einschlug. Dieser Weg führte ihn Anfang 2020 an die Fachhochschule Krems in Niederösterreich. Am dortigen Institut für Gesundheitsmanagement hat er seitdem seine erste Professur inne.

„Immer mehr Hausärzte gehen zurzeit in Ostwürttemberg in den wohlverdienten Ruhestand und wie jeder weiß, sind Nachfolger rar gesät“, sagt Karl Groß, Vorsitzender des Bezirksrats. „Wir wollen uns als Gremium ein differenziertes Bild zu diesem Thema aneignen und da kann ein Blick über die Grenzen helfen", ergänzt Groß. Durch den guten Kontakt zu Professor Braun biete es sich an, das Gesundheitssystem Österreichs näher kennenzulernen.

Empfehlungen nicht umgesetzt

Braun schilderte den Bezirksräten, dass es in Österreich ebenfalls einen akuten Hausarztmangel wie in Deutschland gebe. So seien schon mehr als 50 Prozent der Allgemeinmediziner über 55 Jahre alt. „Die kritische Erstversorgung wurde in einer ausführlichen Studie 2017, die den österreichischen Staat 600.000 Euro gekostet hat, bestätigt und Handlungsempfehlungen vorgestellt“, sagt Dr. Braun. Doch aufgrund eines Regierungswechsels wurden die Empfehlungen nicht umgesetzt.

Die Ärztekammer, die Einheitskrankenkasse „Österreichische Gesundheitskasse“ und die Bundesländer entwickelten eigene Ideen. „Heraus kam das Modell der Primärversorgungszentren, an denen ein Allgemeinmediziner, ein Kinderarzt sowie Heilmittelerbringer, wie Physiotherapeuten und Logopäden angesiedelt werden sollen." Diese sollen flächendeckend in ganz Österreich etabliert und die Mediziner dort angestellt werden. 

Bis zum Jahr 2021 sollten landesweit 75 Primärversorgungszentren eingerichtet sein, doch bis Ende 2020 waren es lediglich 23. „Es fällt auf, dass in Regionen – etwa an der Grenze zu Tschechien – , sprich wo die Versorgung schon lange prekär ist, noch kein einziges Versorgungszentrum etabliert werden konnte“, sagt Braun. Den Fachkräftemangel bei den Allgemeinmedizinern zu beheben werde eine langfristige Aufgabe sein. 

Österreich kämpft mit ähnlichen Problemen

„Wir stellen fest“, so Roland Hamm, der alternierende Vorsitzende des Bezirksrat der AOK Ostwürttemberg, „dass das Nachbarland Österreich mit den gleichen Problemen bei der ärztlichen Versorgung konfrontiert ist wie Deutschland." Insbesondere sei es schwierig, Hausärzte für den ländlichen Raum und strukturschwache Gebiete zu gewinnen.

AOK-Geschäftsführer Hans-Joachim Seuferlein betont, dass die AOK Baden-Württemberg gemeinsam mit den Hausärzteverband und dem Medi-Verbund vor 14 Jahren das AOK-Hausarzt-Programm auf den Weg gebracht hat. „Damit haben wir die damalige finanzielle Schieflage der ländlichen Arztpraxen beenden und viele erhalten können." Mit der Verah, der Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis, haben Mediziner demnach erstmals rechtssicher medizinische Aufgaben delegieren können. Das Programm sei bis heute sehr erfolgreich, so Seuferlein.

Politik in der Pflicht

„Doch die Politik hat diese Zeit nicht intensiv genutzt, um den sich damals schon abzeichnenden Ärztemangel aktiv anzugehen“, bedauert der Geschäftsführer der AOK Ostwürttemberg. Nun sei die Politik aufgewacht. Mit Blick auf die eigene Region lobt AOK- Bezirksratsvorsitzender Karl Groß den Ostalbkreis, der mit seinem vergleichbaren Zielmodell der Lokalen Gesundheits- und Mehrversorgungszentren, dem Einrichten einer Servicestelle für die ärztliche Versorgung, das Anbieten von Medizin-Stipendien sowie der Gründung einer Arzt-Genossenschaft für den Schwäbischen Wald  wichtige Schritte für den Erhalt der hausärztlichen Versorgung aktiv angegangen sei. „Wir werden als Bezirksrat die Entwicklung kritisch verfolgen und bedanken uns herzlich bei Professor Dr. Braun für seinen Vortrag. Dieser Blick über Landesgrenze hilft sehr, um die eigene Situation vor Ort besser bewerten zu können.“

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