Heftige Kritik - jetzt ein Orden

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Die Frauen, die sich auf dem Straßenstrich oder in Bordellen prostituieren, tun dies in der Regel n nicht freiwillig, sagt Ex-Kriminalhauptkommissar Manfred Paulus.

Aalen

Mit einem Vortrag in Aalen über „Deutschland - der Puff Europas“ hat Manfred Paulus vor etwa zehn Jahren auf der Ostalb für Aufsehen gesorgt. Der ehemalige Ulmer Polizeihauptkommissar gilt europaweit als Experte für Kriminalität im Rotlichtmilieu. Zusammen mit Initiativen vor Ort gab er den Anstoß für die Gründung des Bündnisses gegen Menschenhandel und (Zwangs-)Prostitution auf der Ostalb. Für sein jahrelanges Engagement wurde er jetzt mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Im Gespräch mit Redakteurin Bea Wiese erzählt er vom Kampf gegen Menschenhandel, vom Tabuthema Prostitution und warum er Licht im Tunnel sieht.

Sie kritisieren Deutschland seit Jahren wegen seiner liberalen Prostitutionsgesetzgebung. Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz?

Manfred Paulus: Ich habe am Anfang tatsächlich nachdenken müssen: Will ich eine solche Auszeichnung von einem Staat, der zulässt, dass Hunderttausende Frauen illegal ins Land geschleppt und in Puffs und auf dem Straßenstrich erniedrigt werden? Aber ich habe den Gedanken weitergesponnen und sage mir: In was für einem großartigen Land leben wir! Ich bekomme eine Auszeichnung, obwohl ich den Staat zum Teil übel kritisiere. Ich habe Länder kennengelernt, da käme ich dafür in den Knast. Diese Meinungsfreiheit ist Kern unserer Demokratie. Deshalb bin ich dankbar und auch ein kleines bisschen stolz.

In Diskussionen zum Thema Prostitution ist regelmäßig zu hören: Die Frauen machen das doch freiwillig. Wie reagieren Sie da?

Ich zeige auf, dass das falsche Vorstellungen sind. 90 Prozent der Frauen im Rotlichtmilieu sind Ausländerinnen. Nehmen Sie als Beispiel die 18-Jährige aus Donezk oder aus Rumänien, Bulgarien, Moldawien oder Albanien. Die kann sich gar nicht aus eigener Kraft aufmachen nach Deutschland. Da fehlt es an Sprachkenntnissen, an Geld, an Bezugspersonen und geografischer Orientierung. Also braucht sie Helfer. Allein in Moldawien gibt es über 200 sogenannte Vermittlungsagenturen. Die sind nicht lizensiert, die sind kriminell, da stehen Zuhälter dahinter.

Warum durchschauen die Frauen das nicht?

Sie haben die typischen Opfereigenschaften: Armut, Perspektivlosigkeit und kommen oft aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Das nutzen Menschenhändler psychologisch geschickt aus. Entweder sie gaukeln ihnen die große Liebe vor oder stellen ihnen lukrative Jobs oder sogar eine Karriere als Sängerin oder Tänzerin auf westlichen Bühnen in Aussicht. Die Frauen werden angeworben, gezielt abhängig gemacht, ihnen werden Handys und Pässe abgenommen und sie finden sich in Bordellen wieder. Menschenhandel und Zwangsprostitution sind das interessanteste Geschäftsfeld der organisierten Kriminalität.

Sie waren einer der wichtigen Impulsgeber für die Gründung des Bündnisses gegen (Zwangs-)Prostitution und Menschenhandel auf der Ostalb. Was bewirkt das Bündnis vor Ort?

Ein ganz dickes Lob für das, was da in Gang gesetzt wird. Veränderungen müssen von unten her kommen. Bei uns in Deutschland geht es um Bewusstseinsbildung, um ein Umdenken. Zur Abifeier ins Bordell - das ist für viele junge Männer immer noch selbstverständlich. Die denken gar nicht darüber nach, dass sie die Frau, ihr Gegenüber, kaufen wie eine Ware und einfach benutzen. Die Botschaft, die aus Aalen und Schwäbisch Gmünd kommt, heißt: Macht Euch klar, wer die Opfer sind! Ich gebe zu, bei Vorträgen in Schulklassen hatte ich anfangs auch Bedenken.

Warum?

Wenn da um die 100 Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahre vor einem sitzen, und dann geht es um Prostitution und Bordelle - das sind daheim immer noch Tabuthemen. Aber gerade in dem Alter suchen Jugendliche Orientierung. Ich habe erlebt, dass die mucksmäuschenstill werden, ins Grübeln kommen, wenn man ihnen am Ende sagt: Stell Dir vor, es wäre deine Schwester.

Sie waren auch zusammen mit Bündnismitgliedern von der Ostalb aktiv in der Präventionsarbeit in Rumänien und Moldawien.

Da haben wir, ausgehend von Aalen und Gmünd, Erstaunliches erreicht. Vorkämpferinnen waren Soroptimistinnen aus Aalen wie Marietta Hageney, Margarete Scheuermann und Ingrid Krumm aus Schwäbisch Gmünd. Die Projekte mit Schulklassen in Osteuropa waren wegweisend. Wir haben in Vorträgen aufgezeigt, wie die Menschenhändler fischen, aber auch, welche Möglichkeiten es gibt, ganz legal nach Deutschland einzureisen, aber eben nicht als Opfer. Die Kinder in den Klassen tragen das raus in die Dörfer, so kann man Aufklärung weitergeben. In Rumänien und Moldawien waren wir zur besten Sendezeit im Fernsehen, auch der ZDF-Film „Bordell Deutschland“ wäre nicht ohne weiteres entstanden.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass sich bei den deutschen Prostitutionsgesetzen was ändert, zum Beispiel, dass Sexkauf unter Strafe gestellt wird?

Schwer abzuschätzen, aber ich war noch nie so optimistisch wie heute. Es kommt mehr und mehr Druck von unten auf die Politik. Ein dickes Lob für die Bundestagsabgeordnete Leni Breymaier. Sie hat schon 17 Bundestagsabgeordnete überzeugt, bleiben nur noch knapp 700. Aber Spaß beiseite: Ich sehe Licht im Tunnel, dass sich auch in der Politik die Erkenntnis durchsetzt, dass Prostituierte kein Beruf wie jeder andere ist und sich auch in den Gesetzen widerspiegeln muss, dass die allermeisten Bordelle mit einem normalen Gewerbe nichts zu tun haben. Man ahnt es, aber man will es nicht wahrhaben. Das gilt im übrigen auch für die Polizei.

Prostituierte ist kein Beruf wie jeder andere.“

Manfred Paulus, Ex-Kriminalhauptkommissar

Das organisierte Geschäft mit der Ware Frau

Der organisierte Handel mit Frauen ist „die einzige Kriminalitätsform, bei der die Täter keinen Cent investieren müssen“, sagt Ex-Kriminalhauptkommissar Manfred Paulus. Menschenhändler nutzen ihm zufolge die Migrationsbereitschaft und Freiwilligkeit der Frauen, vor allem in Osteuropa, aus. Wer dagegen mit Waffen oder Drogen handele, müsse erst Ware kaufen, bevor er weiterverkaufen könne.
Was das Geschäft nach den Erfahrungen Paulus' zusätzlich lukrativ macht: „Wenn ich ein Kilo Heroin verkaufe, ist es weg. Frauen dagegen kann man über Jahrzehnte ausbeuten.“
Laut Paulus werden in Deutschland und Italien bis zu 20 000 Euro pro Frau bezahlt.

Manfred Paulus (77), war Erster Kriminalhauptkommissar in Ulm. Seit seiner Pensionierung engagiert er sich ehrenamtlich im Kampf gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution. Er hält Vorträge und hat unter anderem ein Buch geschrieben: „Menschenhandel und Sexsklaverei“, Verlag Promedia Wien, 19,90 Euro.bea

Manfred Paulus

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