Hilfe, Mutter wird immer vergesslicher!

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Demenzkranke werden in einer Tagespflege betreut. "Angehörige sollten sich früh genug um Therapien und Betreuungsmöglichkeiten für den Betroffenen kümmern", sagt Ute Hauser, Geschäftsführerin der Alzheimer Gesellschaft Baden Württemberg.
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Wann beginnt die Demenz, was ist das überhaupt für eine Krankheit und was sollten Angehörige wissen? Ute Hauser, Geschäftsführerin der Alzheimer Gesellschaft, spricht im Interview über "Herausforderung Demenz".

Aalen. Meine Mutter hat Alzheimer. Es hat damit angefangen, dass sie sich immer mehr von allen Aktivitäten und auch von uns und ihren Freunden zurückgezogen hat. Sie hat an nichts mehr Interesse und geht kaum noch aus dem Haus. - Solche oder ähnliche Situationen beschreiben Angehörige am Beratungstelefon der Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg häufig. Oft fällt es schwer, das Verhalten von Menschen mit Demenz zu verstehen. Das Zusammenleben wird schwierig, die Belastung hoch. Über die Krankheit, den Umgang mit Betroffenen und wie man als Angehöriger trotzdem gelassen bleibt, darüber spricht Ute, Geschäftsführerin der Alzheimer Gesellschaft Baden Württemberg, im Interview.

Frau Hauser, wenn meine betagte Mutter vergesslich wird und der Vater immer weniger Lust hat, aus dem Haus zu gehen – wann muss ich mir Sorgen machen?

Ute Hauser: Gut ist es sicherlich, erst mal zu beobachten: Wie weit geht es in Richtung Erschwernis des Alltags, was verändert sich? Wenn plötzlich im Kühlschrank immer öfter Dinge verderben, nicht richtig gegessen oder der Herd angelassen wird, dann sollte man sich fragen, ist das noch normale Altersvergesslichkeit oder möglicherweise eine krankhafte Veränderung?

Wie diagnostiziert man Demenz und Alzheimer?

Wir empfehlen, als erstes mit dem Hausarzt über die Veränderungen zu sprechen. Bei einer Demenz müssen die Krankheitssymptome mindestens über sechs Monate hinweg vorhanden sein. Und es gibt ein ganzes Bündel davon, zum Beispiel Vergesslichkeit, zeitliche und örtliche Orientierungsprobleme, Sprachschwierigkeiten. Demenz, die Veränderung im Gehirn, entwickelt sich in der Regel ganz langsam.Die Ursachen können unterschiedlich sein: Alzheimer oder eine Minderdurchblutung des Gehirns oder auch eine Entzündung im Gehirn. Der Hausarzt kennt die Patienten meist am besten und wird, wenn notwendig, weiterverweisen an Spezialisten, Neurologen oder Psychiater. Es gibt auch spezielle Einrichtungen wie Gedächtnissprechstunden, meistens an Kliniken.

Gibt es neue Forschungsergebnisse?

Nach wie vor gibt es keine Heilung. Zugelassen auf dem Markt sind Medikamente, sogenannte Antidementiva, die den Verlauf positiv beeinflussen können. Wissenschaftlich belegt ist aber inzwischen, dass Therapien wie Ergotherapie oder Logopädie, ganz allgemein die konsequente Aktivierung der noch vorhandenen Fähigkeiten genauso viel bringen wie Medikamente. Also: Bewegung - das können auch Spaziergänge sein. Soziale Teilhabe. Wenn jemand zum Beispiel in einer Wandergruppe ist oder im Chor singt, das ist ideal: Da habe ich beides auf einmal.

Wenn die Diagnose Demenz oder Alzheimer kommt – was sollte ich als Angehöriger wissen?

Die Diagnose ist oft erst einmal ein Schock. Man sollte sich aber klarmachen: Das Leben ist nicht vorbei, man kann noch ganz viel zusammen erleben. Wir raten, sich zu informieren und an eine Beratungsstelle zu wenden: Was kommt da auf mich zu? Wo finde ich Unterstützung? Wo gibt es Therapien für den Betroffenen in der Nähe? Man sollte ein paar Angelegenheiten regeln: Vorsorgevollmacht, vielleicht auch finanzielle Dinge, und schauen, dass der Betroffene Vorsorgeuntersuchungen wahrnimmt, denn später kann er sich möglicherweise über Beschwerden oder Schmerzen nicht mehr äußern.

Warum kommt es beim Zusammenleben mit Demenzkranken so oft zu Konflikten?

Menschen mit Demenz sind nicht mehr in der Lage, ihre Wahrnehmung anzupassen. Wenn jemand fünf, sechs Mal am Tag fragt „Wann müssen wir los zum Arzt?“, dann deshalb, weil er die zeitliche Orientierung nicht mehr hat. Die Antwort kann er sich nicht merken. Ältere werden manchmal unruhig und sprechen davon, dass sie heim müssen, die Kinder kämen gleich. Der Mensch ist nicht im Hier und Jetzt, da bringt Beschwichtigen oder der Hinweis, dass die Kinder längst erwachsen seien, gar nichts. Besser ist es zu versuchen, ihn auf der emotionalen Ebene zu erreichen. Zum Beispiel im Sinne von „Ich verstehe Dich, Du bist in Sorge um Deine Kinder“. Oder: „Der Arzttermin, ich merke, dass er Dich beunruhigt.“

Wie kann ein einigermaßen harmonisches Zusammenleben gelingen?

Nichts persönlich nehmen. Den Betroffenen nicht beschämen, ihn nicht auf Defizite hinweisen. Man kann ihn fördern durch Einbeziehen, ihm im Alltag vereinfachte Tätigkeiten anbieten. Also nicht: Deck bitte den Tisch – sondern stell bitte die Teller auf den Tisch. Dann: Leg bitte Gabeln dazu. Grundvoraussetzung ist eine respektvolle und wertschätzende Haltung. Und die Fähigkeiten anzuerkennen, die der Betroffene noch hat.

Vortrag von Ute Hauser

Ute Hauser hält an diesem Donnerstag, 21. Juli, im Landratsamt in Aalen, Stuttgarter Straße 41, einen Vortrag „Herausforderung Demenz“. Er beginnt um 17 Uhr im Großen Sitzungssaal. In ihrem Vortrag geht es um Grundlagen für mehr Verständnis, eine bessere Kommunikation und einen angemessenen Umgang mit Menschen mit Demenz. Außerdem erklärt sie, welche Entlastungs- und Unterstützungsmöglichkeiten es für Betroffene und Angehörige gibt.

Die Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg / Selbsthilfe Demenz ist zentrale Anlaufstelle im Land für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen sowie für Fachkräfte und Ehrenamtliche. Sie ist ein eingetragener Verein und gemeinnützig. Sie setzt sich für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen ein. Auf der Internetseite gibt es Informationen und Tipps für Erkrankte, Angehörige und Fachkräfte: https://www.alzheimer-bw.de/. Kostenloses anonymes Beratungstelefon: (0711) 24 84 96-63. Anfragen per E-Mail: beratung@alzheimer-bw.de

Ute Hauser

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