Hinabgestiegen in die Heimat

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Der "Albabstieg": Hier trifft "Micky Maus" (Raschke) auf "Atomkraftwerk (Welzenbach), "Srommast" und "Propagandamaschine" (Gemeinschaftsarbeiten.)
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In Heidenheim sind in der Ausstellung "Albabstieg" Arbeiten des Aaleners Andreas Welzenbach und des Gmünders Thomas Raschke zu sehen. Warum es hier nicht um Romantik geht.

Irgendwas stimmt nicht mit diesem Albschäfer. Eigentlich mit dieser ganzen Alb nicht. Statt ein Schaf zu hüten, hütet der Mann mit Hund und Hut auf dem Holzrelief ein an einem Bau zerschelltes Auto. Und was haben die Skulpturen aus Drahtinstrumenten mit der Alb zu tun? Was die umgedrehten Fertigteichschalen?

Viel. So die künstlerische Antwort der Künstler Andreas Welzenbach und Thomas Raschke in ihrer Ausstellung "Albabstieg – eine Heimatinstallation." Zu sehen ist diese nun mit Anmeldung vorab im Kunstmuseum Heidenheim. Aufgebaut ist sie dort seit November. Dann kam der Lockdown.

Welzenbach und Raschke sind beide Bildhauer. Welzenbach stammt aus Aalen, Raschke aus Gmünd. Sie kennen sich seit ihrer Jugend. Beide gingen als Künstler hinaus in die Welt. Beide machten sich einen Namen, etablierten sich in der Kunstszene. Raschke lebte zuletzt in Stockholm, stellte seine Arbeiten dort, aber beispielsweise auch in London, Kopenhagen und München aus. Welzenbach ist deutschlandweit vertreten, unter anderem auch mit zahlreichen Arbeiten im öffentlichen Raum. Jetzt leben beide aus persönlichen Gründen wieder hier. Sind "hinabgestiegen" auf die Alb. "Wir neigen beide stark zur Ironie", sagt Raschke dazu.

Aber es gibt ja immer verschiedene Blickwinkel auf die Dinge. Solche gewährt auch der "Albabstieg". Auf Augenhöhe etwa auf eine himmelblaue "Micky Maus" – die von einem der Teichhügel, einem Alb-Berg, wie Welzenbach erklärt, in die Ferne, aber nicht auf die Alblandschaft schaut. Eine Arbeit von Raschke aus Styrofoam – einem Baustoff. Vielleicht eine Erinnerung an die Kindheit und Jugend mit ihrer Sehnsucht, eben diese samt Alb hinter sich zu lassen. Gleich daneben ein "Atomkraftwerk" von Welzenbach – Gundremmingen hat man hier auf der Alb stets im Blick. Abgetragen ist es aus einem Holzstamm, verbunden ist es über eine gelbe "Stromleitung" mit einem Strommasten, der einst eine Nachtwächter-Skulptur war – Kopf und Füße kann man noch sehen. Es bleibt eben nicht mehr viel vom Alten übrig.

Wir neigen beide stark zur Ironie.

Thomas Rascke Bildhauer, Schwäbisch Gmünd

Die Alb der beiden Künstler ist kein romantischer Ort. Sie zeigen zwar auch Burgen aus Pappe und Holz, aber vor allem auch die Zersiedlung durch die Industrie. Ein schwarzer Strommasten – eine Gemeinschaftsarbeit der beiden Künstler – zeigt, wie sehr diese Masten das Bild einer Landschaft prägen können. Sechseinhalb Meter hoch, mit einer Kaffeekanne aus Draht obendrauf, die sich dreht. Beleuchtet hinterlässt sie an der Decke die Illusion ziehender Wolken. Wer einen anderen Blickwinkel darauf sucht, kann auf- und absteigen in einer Holzbox. Vorbei an einer kleinen Hülbe, einem Dorfteich – die Teichform diesmal richtig rum – den Berg erklimmen und sich von dort aus auf Augenhöhe mit den Masten oder auch mit Raschkes vier Meter hoher Propagandamaschine aus Pappe und Holz bringen.

Realistische Formen aus eigentlich dafür ungeeignet scheinendem Material zu schaffen ist ein Merkmal von Raschkes Kunst. Wie etwa auch bei der Kamera, bei der er dem Künstler Kentridge nachspürt und Zweidimensionales in Dreidimensionales verwandelt – mit Papier und Styrodur. Aber auch in dem Gehäuse, in dem Verstärker, Gitarren und Bassbox, akribisch aus Eisendraht gelötet, die Illusion einer Zeichnung vermitteln. Man kann sogar in diese eintauchen und so für eine Zeit lang selbst zum Teil eines Kunstwerkes werden. Der Albbezug? Welzenbach und Raschke spielten einst auf ebendieser zusammen sogar in einer Band.

Körperlich aktiv teilhaben am "Albabstieg" kann man in dem Gehäuse von Welzenbach. Wiederum aus einem Werkstück herausgearbeitet hat dieser ein lebensgroßes Skelett mit Gliedern und Gelenken – auch das erinnert an ein Spielzeug. Wer sich traut, kann den Knochenmann auch tanzen lassen, in dem er an dicken Seilen zieht. Ein Tanz mit dem Tod, auch dem eigenen.

Es gibt keine Tabus.

Andreas Welzenbach, Bildhauer, Aalen

"Es gibt keine Tabus" sagt Andreas Welzenbach. Und so hat er auch 250 Holzskulpturen, meist billige Massenware aus Souvenirläden, umgearbeitet und damit umgedeutet. Wie etwa den Nachtwächter, der nun an seiner Hellebarde ein Windrad trägt. Tradition und Moderne, auch das ist Alb.

Gleichsam tabulos haben sich die beiden Künstler auch durch ihre "Kollaborationen" gearbeitet. Skulpturen, die in einem extra Raum des Museums zu sehen sind. Hier hat jeder dem anderen ein Kunstwerk zur Verfügung gestellt, das dieser beliebig bearbeiten durfte. Abtragen, bemalen, umgestalten, so oft man will. Entstanden ist hierbei etwa auch die "Trump Pump". Die hätte man gerne schon früher gehabt. Wenn auch nicht für die Alb.

Thomas Raschke und Andreas Welzenbach (r.) auf der "Wanderung" von Welzenbach. Die lässt sich verschieben und ermöglicht so unterschiedliche Ansichten. Wohin man mit der Bank aber auch wandert – der Abfall ist immer dabei.
Lebensgroße Nachbildungen von Instrumenten aus Eisendraht von Thomas Raschke. Zeichnung trifft auf Raum, in den man eintreten kann.

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