Hommage à DADA

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DADAs Geburt vor 100 Jahren in Zürich ist landauf landab schon fest und mit hoher Qualität gefeiert worden. Jetzt reiht sich der Kunstverein Aalen in die Feiergemeinde ein – mit einer mehr als respektablen Würdigung dieser epochalen Kunstrevolution. Sie ist am Sonntag im Theater der Stadt Aalen im Alten Rathaus eröffnet worden.

WOLFGANG NUSSBAUMER Alles neu macht der Mai. Statt einer Einführung durch den "großen" Vorsitzenden (ist Dada-Zitat und keine Häme!) verblüffte und verzückte Aalens subversives Alleinstellungsmerkmal, der "Bundesbürgermeister Frau Prof. Dr. Dr. S. K. Hentze" zusammen mit dem Gitarristen Stefan Frank und dem Multimediakünstler Laurenz Theinert an seinem Visual Piano den größten Teil der riesigen Gästeschar. "Dada war da bevor Dada da war", hatte Artur Elmer Hans Arp, einen der Urväter des Dadaismus zitiert, die sich im Kriegsjahr 1916 in Zürich in der neutralen Schweiz zusammengefunden hatten, um dem verkrusteten Establishment in allen Künsten den Kampf anzusagen. Von mir ohne Kommas geschrieben, erinnert Arps Erkenntnis an die Laut-, Wort- und Sprachspiele eines Ernst Jandl oder an konkrete Poesie, wie sie in der Verbindung von Bild und Textgestalt auch in der Ausstellung zu sehen ist. Und sie erinnert an den Spagat zwischen dem hohen Ernst und dem homerischen Gelächter, mit dem die Dadaisten die bornierte Bourgeoisie und den Militarismus aufs Korn nahmen. Hugo Ball tat dies zum Beispiel damals mit seinen Lautgedichten, für deren Vortrag er sich in ein Fantasiekostüm hüllte, das Oskar Schlemmer entworfen haben könnte. Nebenher beleidigte man herzhaft das in Zürich zwangsläufig überwiegend bürgerliche Publikum. Womit wir in der Gegenwart angekommen wären. Denn der blasende Lyriker Hentze bedichtete und beschimpfte das Publikum – natürlich in Aalen überwiegend bürgerlich – mit Texten von Arp, Max Ernst und, ja, Hentze. Gehüllt in einen rosafarbenen Secondhand-Ornat und eine Art Fez von gleicher Farbe. Laurenz Theinert fing seine Suada mit äußerst durchlässigen Lichtnetzen ein; ließ am Muttertag pfingstlich-feurige Zungen auf (Zitat Hentze) "Achtuhr" Elmers Lippen regnen – kurz: flüchtige Kunst mit nachhaltigem Eindruck. Es dürfte wahrscheinlich zum ersten – und Frau Professors Vermutung zum Trotz – nicht zum letzten Mal gewesen sein, dass beim Kunstverein Aalen zum eigenen Dadagagagesang rhythmisch geklatscht worden ist. Weil DADA als den Künsten notwendig immanenter Stachel gegen alle Bequemlichkeit und Angepasstheit ein Muss bleiben muss. Sonst verdienen sie ihren Namen nicht. Sonst noch was? Hingehen, ansehen; mindestens zwei Stunden einkalkulieren, sonst wird man den Preziosen aus 100 Jahren Dadaismus und dessen Folgen nicht gerecht, die Artur Elmer zusammengetragen hat. Und wäre es nicht jammerschade, nicht erfahren zu haben, wie gut sich die einstigen "Scharf-Richter der bürgerlichen Seele" (George Grosz) mit historischer und aktueller afrikanischer Kunst sowie der stilistischen Vielfalt der drei Hellers von hier vertragen? Insofern hat der "große Vorsitzende" Ralph Künzlers digitale Collage "A tribute to maestro AE", für die er ein vor Jahren von Elmer gemaltes Porträt eines Jazztrompeters verwendet hat, redlich verdient.

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