Idee gegen die Pflegepersonalmisere

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„Physician Assistants“ arbeiten auch praktisch in der Pflege und übernehmen zahlreiche übertragbare ärztliche Aufgaben bis hin zu Klein-Chirurgie. Foto: ©pikselstock - stock.adobe.com
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An der Hochschule Aalen startet der neue Studiengang „Physician Assistant“. Der Landkreis finanziert für sechs Jahre hierzu zwei halbe Professorenstellen und gewinnt zwei Mediziner für seine Kliniken.

Aalen

Eine richtig gute Idee - da waren sich Sprecher aller Fraktionen einig - hat der Ostalbkreis entwickelt, um der Personalmisere in der medizinischen Versorgung zu begegnen. Nachwuchsgewinnung heißt hier das Zauberwort. Dazu wurde eine Organisationsstruktur geschaffen mit Arbeitsgruppen, die sich ganzheitlich um das Thema kümmern. Eine Idee hier ist nun der Studiengang „Physician Assistant“, der an der Hochschule Aalen in zwei Wochen an den Start geht.

Der Landkreis sieht hier großen Mehrwert: Akademisches Gesundheitspersonal wird künftig im Kreis selbst ausgebildet und die Verantwortlichen hoffen, so sicherzustellen, dass ein signifikanter Anteil von Absolventen der ambulanten und stationären Versorgung im Kreis längerfristig erhalten bleibt. Diese entlasten perspektivisch die Ärztinnen und Ärzte im Kreis.

Hochschule Aalen wird initiativ

Die Hochschule Aalen hat den Studiengang eingeführt. Weil die Zeiten, in denen das Land Geld für das Schaffen neuer Studiengänge großzügig verteilt hat, vorbei sind, musste die Hochschule kreativ und eigeninitiativ werden. Durch interne Umstrukturierungen wurden drei Professorenstellen umgewandelt, um den Start zu ermöglichen.

Weil diese drei Stellen nicht reichen, hilft der Landkreis. Der finanziert die Einrichtung von zwei Gemeinsamen Professuren („Shared Professorships“) Medizin/Physician Assistant in Kooperation mit der Hochschule Aalen. Beide Professorinnen oder Professoren werden zu 51 Prozent an den Kliniken Ostalb beschäftigt und zu 49 Prozent an der Hochschule Aalen tätig sein.

Anschubfinanzierung steht

Der Ausschuss für Bildung und Finanzen hat am Dienstagabend dem zugestimmt, wie auch einer Zuwendung an die Hochschule Aalen in Höhe von zwei Mal 65 000 Euro pro Jahr für die Schaffung der zwei hälftigen „Stiftungsprofessuren“. Die Stellen sind auf sechs Jahre befristet, beginnend jeweils ab Einstellung der Professorinnen oder Professoren an der Hochschule, frühestens jedoch ab 2023.

Nur gedämpfte Hoffnung hat Landrat Dr. Joachim Bläse, dass das Land danach diese Professuren weitertragen wird. Dennoch sei der Schritt richtig, zumal der Landkreis überdies zwei fähige Mediziner gewinne, meint Bläse und fand damit Zustimmung.

Ziel ist es jedoch, dass der Studiengang nach sechs Jahren einzig mit eigenen Professuren der Hochschule geführt werden kann. Die Kliniken Ostalb wären dann nur noch Praxiskooperationspartner, bzw. einzelne Ärzte hätten eine zweifache Dienstaufgabe. Die Hochschule Aalen entscheidet nach sechs Jahren selbst, in welcher Größe sie den Studiengang anbietet, ausstattet und mit welchen professoralen Modellen dies geschieht.

Berufsbild „Physician Assistant“

Das Berufsbild „Physician Assistant“ erläuterte der Gründungsbeauftragte und Studiendekan der Hochschule Aalen, Prof. Dr. iur. Andreas Ladurner, dem Gremium. „Physician Assistant“ sei ein akademischer Gesundheitsberuf an der Schnittstelle zum ärztlichen Dienst. Deutsche Bezeichnungen sind „Medizinassistenz“ oder „Arztassistenz“. Das Berufsbild sei seit Jahrzehnten im angloamerikanischen Raum etabliert, seit etwa 15 Jahren in Holland und seit einigen Jahren auch in Deutschland. Das Berufsbild ist von Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung anerkannt.

„Physician Assistants“ arbeiten eng mit dem ärztlichen Dienst zusammen und übernehmen übertragbare ärztliche Aufgaben. Sie entlasten so die Ärzteschaft und tragen entscheidend zu einer qualitätsvollen Patientenversorgung bei. Sie verfügen über vertiefte Kenntnisse in Medizin und Medizinmanagement und können an der medizinischen Behandlung mitwirken. „Physician Assistants“ können die Erstanamnese vorbereiten, kleinere Eingriffe vornehmen („Kleinchirurgie“), Blut entnehmen oder Diagnosen erläutern. Sie steuern Prozesse in der Notaufnahme, assistieren bei Operationen, leisten die OP-Planung oder die elektronische Datendokumentation von Eingriffen.

Die Berufsausübung setzt ein (Bachelor-)Studium voraus. Nach dem Abschluss sind „Physician Assistants“ in der stationären Versorgung tätig. Dort spezialisieren sie sich oft in Bereichen wie OP-Assistenz, OP-Leitung, Assistenz in der Notaufnahme und Emergency-Room-Management, Assistenz bei ausgewählten invasiven Untersuchungen (z.B. Herzkatheter) oder Assistenz im Bereich Krankenhausmanagement.

Neben Kliniken sind Gemeinschaftspraxen, Medizinische Versorgungszentren, Reha-Einrichtungen und der öffentliche Gesundheitsdienst Arbeitgeber.

Studienangebot kommt an

Über 200 Bewerbungen seien für die 24 Studienplätze eingegangen. Die relative Nachfrage sei damit so groß, wie bei keinem anderen Studiengang an der Hochschule, freut sich Ladurner. Das Aalener Angebot sei das erste Studienangebot für „Physician Assistants“ an einer Hochschule für angewandte Wissenschaften in Baden-Württemberg.

Zugelassen werden können Absolventinnen und Absolventen mit Hochschul- oder Fachhochschulreife. Voraussetzung ist zudem ein Vorpraktikum in einer Gesundheitseinrichtung. Eine abgeschlossene Berufsausbildung in einem Gesundheitsberuf ist aber nicht zwingend.

Lesen Sie dazu den Kommentar von Martin Simon: Eine glänzende Initiative

Die Inhalte im Studium zum „Physician Assistent“

Aalen. Das Studium umfasst acht Semester, ist modular aufgebaut und bietet unterschiedliche Lehr- und Prüfungsformen. Kennzeichnend ist eine verzahnte Kombination aus innovativer Wissensvermittlung an der Hochschule Aalen und aus studienintegrierten Praxisphasen.

Basiswissen in medizinischen Kernfächern (Anatomie, innere Medizin, Chirurgie etc.) und angrenzende Fachkompetenzen (Gesundheitsrecht, E-Health) werden an der Hochschule gelehrt. Praktische Fähigkeiten (körperliche Untersuchung, chirurgische Maßnahmen, Maßnahmen der Notfallmedizin etc.) werden in Praxisphasen in einer medizinischen Einrichtung vermittelt.

Zu den Praxisphasen zählen Praxismodule in jedem Semester sowie ein eigenständiges Praxissemester (5. Semester). Die Praxisphasen sind so strukturiert, dass Studierende einen definierten Katalog von praktischen Tätigkeiten – angefangen von der körperlichen Untersuchung bis hin zur Abrechnung medizinischer Leistungen – erlernen. Praxisphasen laufen bei Kooperationspartnern, insbesondere in allen drei Ostalb-Kliniken.

Die Praxiseinsätze laufen in fünf Semestern zu jeweils drei Wochen pro Semester. Hinzu kommt das Praxissemester.

Praxisinhalte sind vorgesehen in den Bereichen ärztlicher Dienst, Pflegedienst/medizinisch technischer Dienst/Funktionsdienst sowie Verwaltung. Praxisinhalte werden in den Fachbereichen Innere Medizin, Neurologie, Chirurgie, Gynäkologie, Labor, Radiologie, Erlösmanagement, Pflege, OP, Qualitätsmanagement, Herzkatheter, Endoskopie, Zentrale Notaufnahme, Anästhesie und Intensivmedizin absolviert. Daneben finden praktische Phasen in größeren Arztpraxen der Region statt. ⋌mas

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