Leben auf der Ostalb

Ihre Zelle im Gefängnis ist ihr Zuhause 

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Adventstürchen: Besuch in einer Zelle der JVA Gotteszell
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Wie lebt es sich in einem Haftraum in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Gotteszell in Schwäbisch Gmünd? Eine der gut 300 Gefangenen dort gibt Einblicke in ihre Zelle.

Schwäbisch Gmünd. Sie ist keine zehn Quadratmeter groß und sehr gemütlich eingerichtet: Die Zelle in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Gotteszell in Schwäbisch Gmünd, die Regina S. (Name von der Redaktion geändert) ihr Zuhause nennt. Seit zehn Jahren lebt sie in der JVA, anfangs in einer Zweierzelle. Sie habe Glück gehabt mit ihrer Zimmergenossin, erzählt die 46-Jährige. Und dennoch war sie froh, als sie nach eineinhalb Jahren auf der Warteliste nach oben gerückt war und einen Einzelhaftraum bekommen hat.

Seit zweieinhalb Jahren ist Regina S. nun in der sozialtherapeutischen Abteilung, wo alle eine Einzelzelle haben. „Den Rückzugsort brauchen wir auch“, sagt sie. Denn in den Gesprächen mit Psychologen arbeiten die Gewaltstraftäterinnen auf, wie es soweit kommen konnte. Und das gehe an die Substanz. Umso wichtiger ist es für sie, Zeit für sich zu haben in ihrem kleinen Haftraum. „Ich will mich wohlfühlen in meinen vier Wänden“, erklärt sie, warum sie ihre Zelle sehr persönlich eingerichtet hat.

Auf ihrem Bett liegt eine blau-weiße Tagesdecke, die sie selbst gehäkelt hat. Genau wie den Löwen mit Zottelmähne und den Affen, der oben auf dem Schrank zu ihr hinab sieht. Gegenüber auf der Kommode stehen ein CD-Player und ein Fernseher. „Ich schaue kein Hartz-IV-TV“, sagt die 46-Jährige. Tiersendungen interessieren sie und vor allem Dokumentationen über technische Errungenschaften. „Ich will wissen, was sich draußen weiterentwickelt, denn ich will hier nicht stehenbleiben, sondern irgendwann raus“, erklärt Regina S. Wie lange das noch dauert, weiß sie nicht: „Ein paar Jahre werden es schon noch sein.“

Doch die Zeit vergeht für sie relativ schnell im Gefängnis: „Langeweile kommt bei mir nicht auf“, sagt die 46-Jährige und erzählt von ihrem Tagesablauf: Sie stehe gegen 4 Uhr auf, bereite sich einen Kaffee zu, schaue Nachrichten oder löse ein Sudoku. Um 6 Uhr schließen die Mitarbeiter der JVA die Tür zu ihrer Zelle auf. Danach nutzt sie die Dusche auf dem Stock. Um 6.30 Uhr holt das Küchenpersonal sie ab zur Arbeit. Sie hat in Gotteszell eine Ausbildung zur Köchin absolviert und bereitet im Küchenteam die Speisen für die Gefangenen und die JVA-Mitarbeiter zu. „Meine große Leidenschaft“, sagt Regina S. übers Kochen. Und das merkt man auch, ergänzt Anstaltsleiterin Claudia Zink.

Wie in einer Wohngemeinschaft

Gegen 15.30 Uhr hat Regina S. Feierabend. Danach stehen oft Gespräche mit Psychologen an. Am Abend kochen sich die Frauen von der sozialtherapeutischen Abteilung etwas im Gemeinschaftsraum, sitzen zusammen, spielen Karten. „Ich sehe das hier wie eine WG“, sagt die 46-Jährige. Bis 21.30 Uhr dürfen sich die Gefangenen in ihrer Abteilung frei bewegen, danach schließen die Bediensteten sie in ihren Zellen ein. Regina S. häkelt dann viel, meist auf Bestellung von Mitarbeitern der JVA oder von Gefangenen. Und sie geht einem zweiten Hobby nach: Sie päppelt Pflanzen auf. „Alles, was kaputt zu gehen droht, bringen wir hierher“, erzählt Claudia Zink. Mittlerweile hat die Gefangene einen Topf Basilikum, zwei Orchideen und weitere Zimmerpflanzen auf dem Regal in ihrer Zelle stehen, das die Toilette und das Waschbecken vom Wohn- und Schlafbereich abgrenzt.

In zwei Kommoden und einem Kleiderschrank hat Regina S. ihre persönlichen Dinge verstaut. Neben Koch-, Back- und Häkelzeitschriften Bücher und ihre eigene Kleidung. Dass die 46-Jährige auf diese großen wert legt, ist der adretten Frau gleich anzusehen, die heute eine schwarze Hose, eine schwarz-weiße Bluse und ein schwarzes Jackett trägt.

Ein Fön und ein Lockenstab, das sind neben dem Fernseher, dem CD-Player und dem Wasserkocher die einzigen technischen Gegenstände, die in den Hafträumen erlaubt sind. Ihre Familie hat ihr den Fernseher und den CD-Player ins Gefängnis geschickt. Wie so manche Postkarte, die nun über ihrem Bett hängt. Neben den Fotos von ihren Kindern.

Vier Stunden Besuch im Monat

Die Gefangenen dürfen ihre Kinder vier Stunden im Monat sehen, per Skype oder im Besuchsraum. Wegen Corona hat eine Plexiglasscheibe sie bisher getrennt. Erst seit diesem 1. Dezember sind wieder Umarmungen erlaubt, sagt Claudia Zink. Ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk für Regina S.

Anmerkung der Redaktion: Im Vorfeld des Besuchs in der JVA haben wir vereinbart, nichts über das Delikt zu schreiben, wegen dem Regina S. im Gefängnis sitzt, und nichts über die genaue Länge der Haftzeit sowie ihre privaten Hintergründe. Sie soll schließlich eine faire Chance auf Resozialisierung erhalten.

So leben die 302 Gefangenen in der Justizvollzugsanstalt Gotteszell

Die Justizvollzugsanstalt Schwäbisch Gmünd im früheren Dominikanerinnenkloster Gotteszell ist die größte Vollzugseinrichtung für den geschlossenen Frauenvollzug im Land. Dort gibt es 149 Einzelzellen, 102 Doppelhafträume und zwei Zellen mit Dreierbelegung, berichtet Anstaltsleiterin Claudia Zink. Aktuell leben 302 Gefangene in fünf Häusern der JVA:

Hafthaus 1 ist das Langstrafenhafthaus. Dort wohnen derzeit 102 Frauen, die eine Freiheitsstrafe verbüßen, die länger ist als ein Jahr und acht Monate. Immer zwölf bis 16 Frauen sind zusammen in Wohnbereichen untergebracht, die einen gemeinsamen Aufenthaltsbereich und angegliederte Zellen haben.

In Hafthaus 2 leben 36 Frauen in zwei Wohngruppen: Gefangene mit Kurzstrafen unter einem Jahr und acht Monaten, zudem Inhaftierte, die schwere Gewaltstraftaten begangen haben und in sozialtherapeutischer Behandlung sind.

In Hafthaus 3 sind 46 Frauen mit Kurzstrafen in Wohngruppen in Einzelzimmern untergebracht.

Im Hafthaus 4 leben 14- bis 21- Jährige, die nach Jugendstrafrecht verurteilt worden sind. Derzeit wohnen 40 Straftäterinnen in diesem Gebäude, davon elf Jugendstraftäterinnen.

In Hafthaus 5 sind 64 Frauen in Untersuchungshaft und in der Quarantäneabteilung untergebracht. Dort bleiben alle Frauen, die neu in die JVA kommen, in den ersten fünf Tagen in Isolation, um auszuschließen, dass sie Corona nach Gotteszell bringen.

Insgesamt sind 182 Mitarbeiter in der JVA beschäftigt. „Und wir suchen dringend Verstärkung“, ruft Claudia Zink Interessierte auf, sich zu bewerben. ⋌jul

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Sechs Türen und Tore schließen die Mitarbeiter der Justizvollzugsanstalt auf, bis sie in der sozialtherapeutischen Abteilung in Haus 2 sind.
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