Illegale Schule von Coronakritikern in Hermannsfeld?

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Auf einem ehemaligen Bauernhof im kleinen Weiler Hermannsfeld haben Coronakritiker ein Bildungsprojekt gestartet.

In einem ehemaligen Bauernhof in Hermannsfeld sollen Kinder zu „freien Menschen“ erzogen werden. Schulamt Göppingen und Regierungspräsidium prüfen die Vorgänge in abgeschiedenem Weiler im Ostalbkreis.

Essingen. Es war nur ein kurzer Dialog im Messenger-Dienst Telegram. Vor einigen Monaten wollte ein Mitglied einer coronakritischen Eltern-Gruppe wissen, ob es „im Aalener Raum eine Freilerner-Schule gibt“. Acht Minuten später dann die erste Antwort: Es sei „eine Freilerner-Schule in Hermannsfeld aufgebaut“ worden. Nachdem weitere Mitglieder Interesse bekundet hatten, kam noch der Hinweis:  Einen direkten Link für diese Schule gibt es nicht.“ Doch wie die Südwestpresse berichtet, gibt es die Schule selbst – auf dem Gelände eines ehemaligen Bauernhofs im oberen Remstal.

Vor wenigen Tagen in Hermannsfeld, einem kleinen Teilort von Essingen im Ostalbkreis, unweit von Aalen: Wenige Häuser und Höfe liegen hier im strahlenden Sonnenlicht, Menschen sind nicht unterwegs, es ist Zeit fürs Mittagessen. Nur hinter einem großen Holztor sind Kinderstimmen zu hören, von einem Weg aus ist zu sehen, wie sich etwa acht bis zehn Kinder, meist im schulpflichtigen Alter, auf dem Gelände tummeln. Unter einem Scheunendach steht eine große Schultafel, auch eine alte Schulbank ist zu sehen, an der Holzwand hängen zwei Landkarten.

Nach halb eins kommen die ersten Autos, Mütter steigen aus und verschwinden hinter dem Tor. Wenig später steigt eine Frau mit zwei Mädchen in ihren SUV. „Nein“, antwortet sie auf die Frage, ob ihre Töchter hier zur Schule gehen. Aber mindestens eine ist doch schulpflichtig? „Ja“, räumt die Mutter ein. „Aber wir sind beurlaubt.“ Wie das möglich ist, will sie nicht erläutern: „Da möchte ich nicht drüber reden.“

Wie ist die Stimmung im Ort? Und welche Regeln gibt‘s für die Gründung einer Schule?

Hinter einem großen Holztor sind Stimmen von acht bis zehn Kindern zu hören.

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Es kommen weitere Frauen, eine stellt sich als Vorsitzende des „nicht eingetragenen Vereins Junge Freilandmenschen“ vor. Auch sie will sich nicht detailliert äußern, verweist aber darauf, dass es „viele Länder ohne Schulpflicht“ gebe. Der Verein wolle derzeit keine große Öffentlichkeit: „Das ist ein zartes Pflänzchen, ich möchte nicht, dass es zertrampelt wird.“ Die Vorsitzende ist Lehrerin und war laut einer Zeitungsnotiz auch schon als Rednerin auf einer Querdenker-Demo in Aalen angekündigt.

Eine der Mütter hält ein Plädoyer gegen die Maskenpflicht an Staatsschulen, die Mundbedeckungen seien schädlich für Kinder „und helfen nur gegen Bakterien, nicht gegen Viren“. Sie beklagt die Spaltung der Gesellschaft durch die Medien und schlägt ein Gespräch im größeren Kreis vor, mit Vertretern der „freien Medien“; auf Nachfrage konkretisiert sie dies so: „alternative Medien“.

Tage später meldet sich die stellvertretende Vorsitzende des Vereins, Eva Bader, per E-Mail mit einer Pressemitteilung: Der Verein „Junge Freilandmenschen“ habe sich Mitte vergangenen Jahres zusammengeschlossen und wolle „Kindern und Jugendlichen einen Raum der Entfaltung und Entwicklung zur Verfügung stellen“. Sie schreibt: „In freien Angeboten dürfen die jungen Menschen sich frei entwickeln und wachsen, im Einklang mit der Natur den Ablauf der vier Jahreszeiten erleben.“ Das Ziel des Vereins sei, „junge Menschen auf ein freies und selbstbestimmtes Leben vorzubereiten.“ Per Mail teilt sie ergänzend mit, drei Fragen dieser Zeitung zu den Themen Hygienekonzept, Schulunterricht und Behörden-Kooperation könnten „in dieser kurzen Zeit“ nicht beantwortet werden.

In ihrer Pressemitteilung verweist Bader aber auf eine Zusammenarbeit: „Dieses Projekt ist Teil eines Bildungsprojektes, welches das ,selbstbestimmte Lernen’ genauer untersucht.“ Dahinter verbirgt sich offenbar ein Verein aus Österreich, „Gaudium in Vita“. Das legt ein Schild am Hoftor nahe, das den Hof in Hermannsfeld als Kooperationspartner des „Forschungsinstituts“ ausweist. Auf dessen Homepage ist zu lesen, worum es diesem österreichischen Verein – explizit auch in Deutschland – geht: „Gaudium in Vita unterstützt Juristen, die Gesetzentwürfe zur Ebnung des Spannungsfeldes zwischen der Selbstbestimmung junger Menschen und der Schulpflicht formulieren und in die Landesparlamente einbringen.“

Eva Bader wiederum sammelt auf einer großen Crowdfunding- Plattform 25 000 Euro, um sich mit sechs Mitstreitern als „Lernbegleiterin“ weiterzubilden. Sie teilt dort mit, sie arbeite „seit Juli 2021 in einem Projekt für Kinder mit, das sich nun zur Aufgabe gemacht hat, eine freie, aktive Schule zu gründen. Mein Herz brennt für diese Arbeit“.

Der Essinger Bürgermeister Wolfgang Hofer weiß zwar, dass der Hof für ein Bildungsprojekt gekauft wurde, dass es sich aber möglicherweise um eine illegale Schule handelt, ist ihm neu. Eines ist ihm aber aufgefallen: „Das Tor des Hofs stand immer offen, seit einiger Zeit ist es immer zu.“ Er kennt auch die Vorsitzende des Vereins, sie sei als Lehrerin auch schon an der Grundschule in Essingen beschäftigt gewesen: „Eine sehr geschätzte, angenehme Lehrerin, die sich weit übers übliche Maß hinaus engagiert hat“, berichtet Hofer.

Bereits vor Monaten gab es Hinweise auf die Aktivitäten auf dem Bauernhof. Das auch für den Ostalbkreis zuständige Staatliche Schulamt Göppingen hat den Verein in Hermannsfeld seit einiger Zeit im Blick und sei „tätig geworden“, sagt Amtsleiter Jörg Hofrichter. Die Tatsache, dass die Vereinsvorsitzende Lehrerin im Staatsdienst ist, spielt bei der Prüfung auch eine Rolle. Hofrichter teilt auf Anfrage mit: „Weitere Angaben können aufgrund der laufenden Prüfung sowie aufgrund der Tatsache, dass es teilweise um Personalvorgänge geht, die vertraulich behandelt werden müssen, aktuell vom Schulamt nicht mitgeteilt werden.“

Dem zuständigen Regierungspräsidium Stuttgart (RP) ist der Fall ebenfalls bekannt, wie die Pressestelle der Behörde bestätigt: „Die Schulaufsicht ist derzeit damit befasst und holt hierzu weitere Informationen ein.“ Das RP bekräftigt: „Generell ist zu sagen: Wenn schulpflichtige Kinder an ihrer Schule unentschuldigt fehlen, verletzen sie die Schulpflicht, unabhängig davon ob sie sich zuhause oder an einem anderen Ort aufhalten.“ Von Dirk Hülser

Schulen geschlossen

Vor allem in Bayern sind in den vergangenen Monaten einige illegal betriebene Schulen von den Behörden geschlossen worden. Erst Ende Januar wurde eine Schule bei Erlangen mit Hilfe von Spezialkräften der Polizei ausgehoben. Hier hatten die Behörden Hinweise auf Verbindungen zur Reichsbürgerszene.

Rund 50 Kinder und Jugendliche waren in einer nicht genehmigten Schule auf einem Bauernhof im Landkreis Rosenheim unterrichtet worden. Im September wurde der Weiterbetrieb der Einrichtung untersagt. Auch hier sah der Verfassungsschutz Bezüge zu Reichsbürgern. Eine weitere illegale Schule in einem stillgelegten Gasthof war im Dezember im Kreis Miltenberg geschlossen worden.

Unter dem Vordach der Scheune stehen eine Schultafel und eine Schulbank, an der Wand hängen Landkarten.
Schilder am geschlossenen Tor weisen auf die Vereine „Junge Freilandmenschen“ und „Gaudium in Vita“ hin.

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