Leben auf der Ostalb

In einem Hochhaus, das seit 20 Jahren leersteht

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Im Ritz-Hochhaus.
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40 Jahre Arbeitsleben, 20 Jahre stillstehende Zeit: ein Besuch im früheren Gebäude der Ritz-Pumpenfabrik, in das bald wieder Leben einziehen soll.

Schwäbisch Gmünd. Hinter diesen Türen liegen 40 Jahre Arbeitsleben – und 20 Jahre stillstehende Zeit: ein Besuch im früheren Gebäude der Ritz-Pumpenfabrik.

Als erstes merkt man: Es riecht nach nichts. Weil es hier nichts gibt, das modrig, feucht, muffig werden kann wie in alten Häusern. Die erste Etage ist einfach: leer. Das Gebäude, gebaut in den 60er-Jahren, sechs Stockwerke mit jeweils 700 Quadratmetern Fläche, steht da in seiner Grundstruktur: ein grundsolider Stahlbetonbau mit Pfeilern, die im Keller so dick sind, dass kein Mensch mit den Armen um sie greifen kann.

Forscht man weiter in den sechs Etagen, dann findet man die kleinen Restbestände des Arbeitslebens, das hier hunderte Mitarbeiter gelebt haben. Kein einziger Bürostuhl steht mehr hier, nicht ein Werkzeug liegt herum, aber die Schilder überleben offenbar am längsten. Wenn man das Gmünder Industrie-Denkmal Ott-Pausersche-Fabrik komplett ausräumen würde, die vielen Warn- und Hinweisschilder würden immer noch einen Teil seiner Geschichte erzählen.

Hier, im Ritz-Hochhaus, kommt man an eine verschrammte Stahltür: „Modellschreinerei. Rauchen verboten“, steht darauf. Wo was gearbeitet wurde, ist sauber aufgelistet an einer Rohrpoststation: zwölf Abteilungen sind verzeichnet, darunter Export, Gießerei, Geschäftsleitung. Und da sind noch kleine Relikte davon, was Menschen halt so dekorativ fanden vor 30 oder 40 Jahren: zwei Ein-Herz-für-Kinder-Aufkleber hängen neben einer gut erhaltenen Bürotür. Im Licht einer Taschenlampe gelangt man dahin, wo die Ritz-Mitarbeiter zu Mittag essen konnten. Dort, im fensterlosen Keller des Gebäudes, ist noch der geschlossene Alurolladen, an dem die Essenausgabe war, an einer Wand klebt unversehrt eine Fototapete an der Wand: eine Fantasielandschaft mit Wasser und Pflanzen und Sonne.

Die Gegenwart hat in den letzten Jahren hier Spuren hinterlassen, durch mutmaßlich nächtliche Eindringlinge. Die Fensterfronten sind fast unversehrt, aber eben nur fast, eine Scheibe im zweiten Stock ist eingeschlagen. Drin gibt es eingetretene Trockenbauwände, viel Graffiti, auf dem Boden getrocknete Reste undefinierbarer Flüssigkeiten, leere Plastikflaschen, daneben eine Einkaufstasche von tegut.

„2015 hätte man hier noch sofort einziehen können“, erzählt Michael Preiß, der der GT das Gebäude aufgeschlossen hat. Preiß ist Aufsichtsratsvorsitzender der Gmünder Unicorn Energy Group, einer jungen Technologiefirma, die hier einziehen und den schlafenden Hochhauskoloss wieder zum Leben erwecken will. „Noch im Dezember werden wir den Bauantrag einreichen“, sagt Preiß. Bald soll das Gebäude statt in die Vergangenheit in die Zukunft weisen. „Das Gebäude wird entkernt, die Gebäudehülle wird komplett erneuert.“ Nach der energetischen Sanierung soll es ein CO2-neutrales Gebäude sein. Bisher sind Batteriespeicher das Hauptprodukt der Firma, im neuen Firmengebäude sollen auch Brennstoffzellen hergestellt werden. Unicorn will die eigenen Technologien im neuen Firmengebäude zum Einsatz bringen. Im Erdgeschoss ist eine Präsentationsfläche vorgesehen, „Technik zum Begreifen“ wolle man Besuchern dort zeigen.

Noch zeigt sich dem Besucher, was im vergangenen Jahrhundert modern war. Ein Raum, der laut Türschild ein Besprechungszimmer war, sieht aus wie ein kleines Innenarchitektur-Museum aus den 60er-Jahren: brauner Teppichboden, Textiltapete an einer Seite, an der nächsten Wand fast wie neu aussehende Einbauschränke mit Nussbaumholztüren.

Wieder draußen, wenn man noch mal zurückschaut, fällt einem die Bochum-Hymne von Grönemeyer ein: „Du bist keine Schönheit, vor Arbeit ganz grau.“ Sieben Fensterreihen, dazwischen graue Fassadenbänder, starren einen ausdruckslos an. Das alte Ritz-Hochhaus ist das stocknüchterne Nachkriegsgegenstück zum Nachbargebäude, der deutlich älteren Industriehalle des heutigen B26 mit seinem rötlich-warmen Backsteinton.

In Zukunft soll hier eine neue Farbe dazukommen. Michael Preiß: „Ein Teil der Fassade am bisherigen Aufzugschacht wird begrünt werden.“ Als erstes ist allerdings eine ganz nüchterne Baumaßnahme fällig: „Das Gebäude wird videoüberwacht, damit wir keine ungebetenen Gäste mehr haben.“

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Ritz Hochhaus
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Ritz Hochhaus
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Ritz Hochhaus
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Ritz Hochhaus
Ritz Hochhaus
Ritz Hochhaus
Ritz Hochhaus
Ritz Hochhaus
Einziger Ausstattungsgegenstand im ganzen Stockwerk: ein alter Staubsauger im Ritz-Hochhaus.
Im Ritz-Hochhaus.
Blick von oben auf die Stadt.
Zerstörungen im Ritz-Hochhaus.
Rohre, die im Nirgendwo enden.

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