Jetzt startet die Klinik-Info-Offensive

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Pressegespräch zur Zukunft der Kliniken im Ostalbkreis.
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Der Landkreis will nun auf breiter Ebene über die Herausforderungen und Handlungsoptionen für die Gesundheitsversorgung im Ostalbkreis informieren.

Aalen

Mit einer breiten Informationskampagne möchten Landrat Dr. Joachim Bläse und das Team von Professor Dr. Ulrich Solzbach von den Kliniken Ostalb erreichen, dass den Menschen im Ostalbkreis klar wird: Ein „Weiter so“ kann es nicht geben, wenn es um die Zukunft der Kliniken im Ostalbkreis geht.

Teil dieser Kampagne sollen Veranstaltungen sein, in denen Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeit haben sollen, sich zu informieren - und auch Fragen zu stellen. Teil dieser neuen Info-Offensive ist auch, dass Informationen online auf den Internetseiten der Kliniken Ostalb zur Verfügung gestellt werden. Und letztlich war Teil dieser Kampagne auch eine rund zweieinhalbstündige Pressekonferenz an diesem Freitag, in der Bläse und Solzbachs Team allen relevanten Medien in der Region erläuterten, welche Herausforderungen für die Gesundheitsversorgung im Ostalbkreis sie sehen - und welche Handlungsoptionen sie vorschlagen.

Drei Dinge wurden dabei deutlich: Weder Bläse, noch Solzbach noch externe Berater sehen eine Zukunft für drei Kliniken im Ostalbkreis. Auch dass es rasch gehen muss, versuchten Landrat wie Kliniken-Chef zu verdeutlichen. Und noch ein drittes: Ja, der Kreistag solle im Juli bereits eine Grundsatzentscheidung treffen. Dies bestätigte Bläse auf Nachfrage. Aber bei dieser Grundsatzentscheidung gehe es nicht darum, sich für oder gegen einen Standort zu entscheiden. Es gehe vielmehr darum, sich zu entscheiden, „dass wir von der bisherigen Struktur wegkommen“, wie Solzbach sagte. Aufgabe des Kreistages sei es auch, Eckpunkte zu formulieren, die für weitere Entscheidungen die Basis bilden.

Die Ausgangslage

Bläse schilderte zunächst die Ausgangslage: Personal werde immer knapper, teurer - und auch älter. Es gebe weniger Ärzte auf dem Land und eine hohe Fluktuation in der Pflege. Patienten werden älter und und litten an mehreren Krankheiten zugleich - es gebe mehr Bedarf an Gesundheitsversorgung. Auch werde die Patientenversorgung herausfordernder. Kleine Einheiten stünden vor großen Herausforderungen, weil der Gesetzgeber auf Konzentration setze. Und dabei gehe es nicht nur um Kosten, sondern auch um Qualität.

Dramatisch schilderte Sylvia Pansow, Personalvorständin der Kliniken Ostalb, die Situation. Aktuell könnten 140 von rund 900 Betten im Ostalbkreis nicht genutzt werden, weil das Personal dafür fehle. In acht Fachabteilungen könnten Ruf- und Bereitschaftsdienste zur ärztlichen Patientenversorgung nicht mehr abgedeckt werden - dabei handle es sich um Neurologie, Innere Medizin, Gynäkologie, Unfall/Orthopädie, Radiologie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Neonatologie, Urologie und Viszeralchirurgie.

Es drohen Schließungen

In sechs Fachabteilungen mit weniger als fünf Fachärzten drohe mittelfristig gar die Schließung: Pansow nannte Neurologie, Kardiologie, Radiologie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Pädiatrie/Neonatologie und Urologie. Mittelfristig, das könne schon in zwei Jahren sein, sagte Bläse. „Ohne Honorarkräfte geht es nicht“, ergänzte Solzbach.

Dass es nicht besser werde, das erläuterte Mike Angelkorte von Beratungsunternehmen hcb, das der Ostalbkreis beauftragt hat. Da sei zunächst die Finanzierung der Gesundheitsversorgung insgesamt, die immer mehr ins Straucheln komme. Zudem werde der Nachwuchs immer knapper. Auch sei erweisen, dass eine optimale Betriebsgröße für ein Krankenhaus zwischen 600 und 900 Betten liege, was einen Trend zur Zentralisierung genauso befeuere, wie die Ausweitung der gesetzlichen Vorgaben zu Mindestmengen in der Medizin. Dies und bestehende Regulierungsvorgaben forderten die Kliniken „spürbar heraus“. Parallel dazu verändere sich die Medizin. Robotik werde eingesetzt und künstliche Intelligenz. Im internationalen Vergleich werde in Deutschland relativ vieles in Krankenhäusern behandelt. So gebe es in Deutschland (vor Corona) 23,5 Krankenhausfälle pro Einwohner, in Dänemark seien es nur noch 13,1 Fälle. Dort werde mehr ambulant behandelt. Zwar lasse sich das nicht „eins zu eins übertragen“, aber ein Trend sei dies schon.

21er-Defizit: 23,65 Millionen Euro

Thomas Schneider, Finanzvorstand, gab noch einen wenig erfreulichen Ausblick auf die Finanzen. Schon seit Langem sei das Krankenhauswesen geprägt von Defiziten, die der Landkreis zu schultern habe. Allein im vergangenen waren es 23,65 Millionen, die am Ende gefehlt haben - freilich ein Coronajahr mit weniger Operationen. Erlösrückgänge gebe es aber auch durch den Fachkräftemangel - weil Betten nicht belegt werden. Und die Energiepreise träfen auch die Krankenhäuser mit voller Wucht. Zudem gebe es „umfassende Investitionsbedarfe, vor allem an den Klinikstandorten Aalen und Mutlangen“. Das Korsett werde „immer enger“, sagte Schneider.

Bläse und Solzbach wehrten sich gegen den Vorwurf, man habe nichts unternommen. Vielmehr habe der Verwaltungsrat im Oktober 2021 den Klinikvorstand mit Unterstützung von externen Beratern beauftragt, das Ziel einer zukunftsfähigen Struktur für die Kliniken Ostalb zu entwickeln - und zwar in öffentlicher Trägerschaft. Die Ergebnisse würden jetzt in einer Klausurtagung vorgestellt. Übrigens war Teil des Auftrages auch, zu prüfen, „ob eine Bürgerbeteiligung bereits bei der Entwicklung der Zielplanung sinnvoll ist“. So steht es zumindest in dem Handlungsauftrag an das Projektteam. Offenbar hat man sich anders entschieden.

Die nächsten Schritte

Wie es jetzt weitergeht? Für den 23. Juni ist eine Sitzung des Lenkungsausschusses des Projektteams geplant. Am 9. Juli gehen Kreistag und Verwaltungsrat in Klausur. Und für den 12. Juli ist eine Sitzung des Verwaltungsrates anberaumt, eine Sitzung, in der Landrat einen Beschlussvorschlag einbringen wird. „Sie können davon ausgehen, dass ich einen Vorschlag einbringe, der von einer Mehrheit getragen werden kann“, sagte Bläse. Auch werde es keine Vorlage sein, „von der wir den Eindruck haben, dass das die Sicherheitsbedürfnisse der Menschen nicht abbildet“. Es werde um Eckpunkte gehen. Die Erreichbarkeit einer zentralen Notaufnahme in 30 Minuten etwa sei so ein Eckpunkt. Aber es müsse auch um Personal, Wirtschaftlichkeit und Strukturen gehen. „Der Kreistag muss entscheiden, was wie gewichtet wird“, sagte Bläse. Erst dann gehe es „an die knallharte Standortprüfung“ und darum, „was habe ich für Häuser, brauche ich neue Häuser“. Auch werde der Kreistag sagen müssen: „Was passiert in der Zwischenzeit?“ Als sehr zwingende Konsequenz aber sehe er, „dass es nicht bei drei Häusern bleibt“. Diesen Beschluss erwartet er von den Kreisräten.

Kommentar von SchwäPo-Redaktionsleiter Jürgen Steck zur Klinikdebatte

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