Kardinal Koch sagt Veranstaltungen in Ellwangen und Schwäbisch Gmünd ab

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Auch, wenn Kardinal Kurt Koch die Messe im Münster abgesagt hat: Mitglieder der Gruppe „Maria 2.0 Katholischer Aufbruch Schwäbisch Gmünd“ zeigten am Sonntag Flagge; sie erwarten eine Entschuldigung für dessen Nazi-Vergleich in Bezug auf den Synodalen Weg. ⋌Foto: Tom
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  • Tobias Dambacher
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Büro des umstrittenen Kurienkardinals führt Sicherheitsgründe an. Van Meegen verurteilt Koch-Äußerung.

Gmünd/Ellwangen.

Der Kardinal sagt alle Veranstaltungen in der Region ab - das hat das Büro von Kurt Koch am Samstagvormittag kurzfristig mitgeteilt. Der Schweizer Kurienkardinal steht in der Kritik, weil er die Reform-Diskussionen der Deutschen Bischofskonferenz und der katholischen Laien, den Synodalen Weg, mit dem Verhalten der sogenannten „Deutschen Christen“ im Nationalsozialismus in Verbindung gebracht hat.

Koch hätte die Messe im Gmünder Münster am Sonntag halten sollen. Außerdem war er vom Christlichen Gästezentrum Schönblick zusammen mit dem in Gmünd beheimateten Verein „Fundatio Christiana Virtus“ eingeladen worden, am Sonntagabend einen Vortrag zu halten zum Thema „Warum es sich gerade heute lohnt, Christ zu sein“. Ebenfalls abgesagt wurde Kochs Teilnahme am Festgottesdienst in der Basilika in Ellwangen am Montag. Bereits am Freitag hatte die Gmünder Stadtverwaltung die für Samstag geplante Eintragung Kochs ins Goldene Buch der Stadt abgesagt.

Kochs Büro führte für die Absage „Sicherheitsgründe“ an, ohne diese näher zu erläutern. Sven van Meegen, Leitender Pfarrer der Seelsorgeeinheit Ellwangen, distanzierte sich von den Parallelen, die Koch zur Nazizeit gezogen hat. „Diese Zeit war so bösartig und unmenschlich, dass sich jeder Vergleich damit grundsätzlich verbietet.“ Was aber vor dem geplanten Besuch geschehen sei, nannte er „bedenklich“: Es habe „Gewaltandrohungen gegenüber der Tagungsstätte Schönblick“ gegeben, E-Mails an ihn und Anrufe, die ausfallend, verletzend und „mehr als bösartig“ seien.

In der Mitteilung an die Kirchengemeinderäte rekapitulierte van Meegen, dass der Koch-Besuch in Ellwangen lange geplant gewesen sei. Zu der Zeit sei „noch gar nichts dieser Art bekannt“ gewesen. Der Kardinal habe im Rahmen einer Tour durch Ostwürttemberg in der Basilika einen Gottesdienst feiern wollen. Van Meegen: „Unsere Zusage war schon vor zwei Monaten.“ Bischof Gebhard Fürst habe den Planungen zugestimmt. Van Meegen: „Und nun kommt das alles so zusammen, ohne dass die Kirchengemeinde in Ellwangen oder ich etwas dafür können.“

Von Protesten ausgegangen

Schönblick-Geschäftsführer Martin Scheuermann sagt, ihm sei von Gewaltandrohungen gegenüber dem Schönblick nichts bekannt. „Was im Internet abgeht“, das nehme er nicht wahr. „Natürlich“ habe er von Protestaktionen ausgehen müssen. Es sei „die richtige Entscheidung“, dass Koch abgesagt habe.

Der Kardinal habe darum gebeten, vorerst auf die Durchführung der öffentlichen Veranstaltung zu verzichten, heißt es in einer Pressemitteilung der Veranstalter. In der momentanen, öffentlichen Stimmung rund um seine Person sei es nicht möglich, diese in einer dem Anlass entsprechenden Atmosphäre durchzuführen. Koch empfehle eine Verschiebung, um über dieses ihm am Herzen liegende Thema zu sprechen.

„Das andere Thema hätte alles überschattet“, sagt Scheuermann zu Kochs umstrittener Aussage. Und: „Nazi-Vergleiche sollte man nicht machen.“ Er distanziere sich von Kochs Vergleich. Ob es einen Nachholtermin für den Vortrag auf dem Schönblick geben wird, das wolle er „jetzt nicht thematisieren“.

Dekan und Münsterpfarrer Robert Kloker hält Kochs Absage „unter den gegebenen Bedingungen für eine kluge Entscheidung“, so habe er das schon beim Gottesdienst am Samstag gesagt. Er ging „von einem ganz normalen Sonntagsgottesdienst aus“, denn: „Ich habe den Kardinal nicht eingeladen.“ Er hatte sich vielmehr von Kochs „unsäglichem“ Vergleich distanziert und war davon ausgegangen, dass dieser in seiner Predigt am Sonntag eine Klarstellung abgeben würde. Von seinem Hausrecht Gebrauch zu machen und den Kardinal auszuladen, sei schwierig, wenn es um einen höher gestellten Geistlichen gehe, der sich disziplinarisch nichts habe zuschulden kommen lassen.

„Maria 2.0“ forderte Ausladung

„Koch müsste sich entschuldigen“, sagt Anna Rieg-Pelz von der Gruppe „Maria 2.0 Katholischer Aufbruch Schwäbisch Gmünd“. Die Gruppe hatte vorab gegen Kochs Teilnahme an der Messe im Münster protestiert. „Der Nazivergleich in Bezug auf den Synodalen Weg ist inakzeptabel“, heißt es in der Mitteilung. „Reaktionäre Bischöfe, die Reformen in unserer Kirche auf diese Weise diffamieren, sollten, wie von der Stadt Schwäbisch Gmünd schon geschehen, ausgeladen werden, vom Münster und vom Schönblick.“ Die Gruppe hätte erwartet, dass Gmünder katholische Priester dies dem Kardinal vor einer gemeinsamen Messe „unmissverständlich klar machen, beziehungsweise diese unterlassen, wenn es keine Klarstellung gibt“. Das ist nun nicht mehr nötig. Eine Demo erwarteten die Mitglieder von „Maria 2.0“ am Sonntag zwar nicht. Bereit, Stellung zu beziehen, waren sie dennoch und hatten vorsorglich ihre Flagge dabei, als sie am Sonntag zum Gottesdienst gingen.

Der Vergleich mit den "Deutschen Christen"

Koch hat in der konservativen katholischen „Tagespost“ dazu Stellung genommen, inwieweit die katholische Lehre aufgrund neuer Erkenntnisse weiterentwickelt werden kann. Er sagte: „Es irritiert mich, dass neben den Offenbarungsquellen von Schrift und Tradition noch neue Quellen angenommen werden; und es erschreckt mich, dass dies – wieder – in Deutschland geschieht. Denn diese Erscheinung hat es bereits während der nationalsozialistischen Diktatur gegeben, als die sogenannten „Deutschen Christen“ Gottes neue Offenbarung in Blut und Boden und im Aufstieg Hitlers gesehen haben.“ Die „Deutschen Christen“ waren eine protestantische Strömung, die das Christentum an die rassistische Ideologie der Nazis anpassen wollte.

An diesem Samstagvormittag hat das Büro von Kardinal Koch kurzfristig mitgeteilt: Der Kardinal sagt alle Veranstaltungen in der Region ab.

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