Katastrophale Prognose für die Wälder der Ostalb

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Für die Fichtenwälder der Ostalb führt der Weg ins Nichts, aber auch als stabil geltende Baumarten wie die Buch sind gefährdet. Der Herbstwald wurde bei Aalen-Brastelburg aufgenommen.
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Forstdezernent Johann Reck sieht angesichts des Klimawandels besonders für Virngrund und Schwäbischen Wald schwarz.

Aalen

Bloß nicht vom Augenschein täuschen lassen: „Die Wälder im Ländle und darüber hinaus sind in einem katastrophalen Zustand.“ Diese Hiobsbotschaft hat Johann Reck, Forstdezernent des Ostalbkreises, in seinem Geschäftsbericht Wald und Forstwirtschaft für 2020 vor dem Kreistag verkündet. Einen solchen Geschäftsbericht gibt es jährlich. Rund 15-mal hat das Reck bereits übernommen: „Aber an so eine krisenhafte Zuspitzung kann ich mich nicht erinnern: Es besteht eine existenzielle Krise für unsere Wälder.“

Jeder zweite Baum in Gefahr

Wald - das sind immerhin 40 Prozent des Ostalbkreises, genauer gesagt knapp 60 000 Hektar. „Unheilspropheten stellen in den Raum, dass wir 50 Prozent unserer Wälder verlustig gehen könnten“, erklärte Reck. Auf ganz Baden-Württemberg gerechnet gehe man derzeit von 46 Prozent geschädigten Wäldern aus. Ein Grund sind die drei Trockenjahre von 2018 bis 2020, die in Deutschland 180 Millionen Festmeter Schadholz auf einer betroffenen Fläche von 285 000 Hektar verursacht haben. Ein Festmeter entspricht einem Kubikmeter Holzmasse ohne Zwischenräume. Extremwetterereignisse und der Befall mit Schädlingen wie Borkenkäfern und dem Eichenprozessionsspinner tun ein Übriges.

Verheerende Perspektive

Die Ostalb ist keine Waldinsel der Seligen. Das machten schon die Karten deutlich, die Reck vor dem Kreistag an die Wand projizierte. Sie zeigten die Vulnerabilität, also die Verletzlichkeit der Wälder im Ostalbkreis. Wie widerstandsfähig sind einzelne Baumarten angesichts immer höherer Durchschnittstemperaturen und immer mehr heißer Tage? Verheerend fällt die Prognose für die Fichte aus, die Gebiete im nördlichen Ostalbkreis wie den Virngrund und den Schwäbischen Wald dominiert. „Selbst, wenn man von Modellen ausgeht, die einen milden Verlauf der Klimaerwärmung annehmen, sieht man, dass die Fichte eigentlich schon 2050 keine Perspektive mehr hat“, so Reck, der eine entsprechend rot eingefärbte Landkarte präsentierte. Aber auch die Buche, traditionelle Baumart am Albtrauf im südlichen Kreisgebiet und als besonders stabil geschätzt, ist in Gefahr: Sollten pessimistischere Szenarien - also etwa ein Anstieg der Temperatur zwischen 2000 und 2100 um bis zu vier Grad - eintreten, sterben auch die Buchen: „Wenn es nicht gelingen sollte, die Klimaerwärmung in einem verträglichen Maß zu halten, dann sind unsere angestammten Baumarten, wie wir sie kennen, wahrscheinlich ohne Perspektive“, prophezeite Reck.

Förster im Reparaturmodus

Für die Forstverwaltung des Landkreises, die nach der großen Forstreform im vergangenen Jahr mit ihrer Zentrale in Aalen und den Außenstellen in Schwäbisch Gmünd und Bopfingen nicht mehr für den Staatswald, sondern nun noch für rund 30 000 Hektar Privat-, Kommunal- und Körperschaftswald zuständig ist, ist ein Gegensteuern schwierig: „Viele Fostbetriebe befinden sich heute schon im permanenten Reparaturmodus“, sagte Reck, der aber ein Umdenken in der Politik erkennt: Statt auf Holzvermarktung und wirtschaftlichen Erfolg werde der Schwerpunkt nun eher auf Walderhaltung und Waldvermehrung und dadurch auf Klimaschutz gelegt. Wald wird als CO2-Speicher, Sauerstoffproduzent und Lieferant nachhaltiger Baustoffe geschätzt und geschützt.

Ideen für Maßnahmen

Reck zählte Maßnahmen auf, mit denen die Forstwirtschaft dem Waldsterben begegnen möchte: Die Entwicklung innovativer Waldbaukonzepte zählte er ebenso dazu wie Wiederbewaldung, Waldumbau und Waldverjüngung. Die ökologische Begleitforschung zu klimaresilienten Wäldern - mit entsprechenden Baumarten - müsse ebenso ausgebaut werden wie die Forschung zur genetischen Eignung heimischer und weiterer Baumarten sowie deren Züchtung. Schließlich mahnte er ein forstliches Risiko- und Krisenmanagement und den Aufbau eines nationalen Waldschutzmonitorings an.

Fakir-Trail und Schulterbrecher

Eine ganz konkrete Strategie, die den Wald ebenso schützen soll, stellte Reck im Bezug auf Dutzende illegale Mountainbike-Strecken rund um Aalen vor, die bei Insidern Namen wie „Fakir-Trail“ und „Schulterbrecher“ tragen. „Es gibt einen runden Tisch, um naturverträgliche Lösungen zu finden, einige Trails zu legalisieren und insgesamt die Wälder entlasten“, so Reck.

  • Kreispolitik würdigt Bedeutung des Waldes

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