Kinder und Jugendliche im Pandemie-Schwitzkasten

  • Weitere
    schließen
+
Ein „Rettungsring“ vom Kreis-Geschäftsbereich Jugend und Familie: Der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) hilft, wenn Kinder, Jugendliche und Eltern Unterstützung brauchen.
  • schließen

Wie geht's den „Corona-Kids“ auf der Ostalb und wie hilft ihnen der Landkreis? Hinweise gibt der Bericht des Geschäftsbereichs Jugend und Soziales.

Aalen

Homeschooling, Wechselunterricht, Kitas zu, Kontaktverbote auf Spielplätzen, Vereine und Kultur dicht - Kinder und Jugendliche leiden mit am stärksten unter der Pandemie. Sie tun dies unterschiedlich, abhängig von Alter und Lebenssituation. Wie es allgemein um das Wohl der jungen Menschen im Kreis steht, darum ging es jüngst in Ausschüssen des Kreistages.

„Die Corona-Krise darf nicht zur Zukunftskrise für die heranwachsende Generation werden. Eine Herausforderung für die sozialen Dienste“, meint Sozialdezernentin Julia Urtel bei der Vorstellung des Berichts 2019/2020 des Geschäftsbereichs Jugend und Familie. „Hier stehen individuelle Entwicklungschancen auf dem Spiel“, unterstreicht sie.

Ein Blick in die Erziehungs- und Familienberatungsstelle belegt: Der Ton in Familien wird rauer und lauter, das Leben von Kindern und Jugendlichen spielt sich primär dort ab und dies wird anstrengender. Homeschooling und fehlende Freizeitangebote stressten Familien besonders, so das Fazit der Beratungen. Und: Wo es vorher schon Probleme gab, wurden diese verstärkt.

Familien unter Druck

„Wir erleben Familien, die unter dem Druck der Betreuungs- und Beschulungsanforderungen verzweifeln, zumal Entlastungschancen entfallen. Konflikte verschärfen sich, es kommt zu Geschrei, Streit und heftigen Reaktionen zwischen Kindern und Eltern, aber auch zwischen den Eltern.“, so steht es im Bericht.

Kinder und Jugendliche berichteten in Sprechstunden von Zukunftssorgen und Ängsten um kranke Eltern und Großeltern. Ernüchternder Einwurf Urtels hier: „Zwei Jahrgänge Grundschüler haben noch nie echten Regelbetrieb in einer Schule kennengelernt. Und Kultur und Sport gibt es bis zum Sommer wohl gar nicht oder nur digital.“

Der Kreis müsse daher junge Menschen und deren Eltern beraten und unterstützen. Gut, meint Urtel, dass dies bislang sichergestellt werden konnte. Dies sei gelungen, weil bei den Hilfen und Angeboten sowie im Kinderschutz der Fokus darauf gerichtet wurde, wie die Klienten weiter gut erreicht werden können. Termine im persönlichen Umfeld für Kinderschutz hätte es durchgängig gegeben. Auch digital sei der Kontakt aufrechterhalten worden. Der Kinderschutz sei uneingeschränkt gewährleistet worden, sagt Urtel.

Eltern im Dilemma

Eltern berichteten von Jugendlichen, die die Regeln missachteten, trotz Kontaktverbot Freunde träfen, übermäßig Alkohol konsumierten. In etlichen Hochkonfliktberatungen sei die Auseinandersetzung eskaliert. Viele Telefonate und Abstimmungen mit dem Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) und dem Familiengericht seien nötig gewesen, um die Situation für die Kinder zu deeskalieren, so der Bericht.

Viele Eltern seien selbst instabil, erkrankten psychisch, landeten in der Sucht oder fielen in alte Suchtstrukturen zurück. Hinzu kämen wirtschaftliche Sorgen infolge von Kurzarbeit oder dem Wegfall einer Selbstständigkeit.

Auf der anderen Seite berichteten Eltern auch, dass sie die Zeit zu Beginn der Pandemie als Entschleunigung genießen konnten und viel mit der Familie in der Natur unternahmen. Inzwischen würden die negativen Aspekte aber klar überwiegen.

Kinder vereinsamen zusehends

Sprechstunden ergaben: Primär vermissen fast alle Kinder und Jugendlichen ihre Freunde und Freizeitbetätigung in Sport- oder Musikvereinen. Sich für schulisches Lernen zu motivieren, falle schwer. Es gebe Kinder, die Ängste, Zwänge und andere emotionale Störungen entwickeln, bis hin zu Depressionen.

Jugendliche und junge Erwachsene berichteten von enttäuschten Erwartungen. Auch wenn sie die Beschränkungen auf rationaler Ebene nachvollziehen könnten, fühlten sie sich ein Stück weit um ihre Zukunft betrogen. Sie äußerten mehr Zukunftsängste, als Jugendliche vor der Krise dies jemals taten.

Kein Anstieg der Gewaltfälle

Wenigstens positiv: Der befürchtete Anstieg an Fällen mit sexueller oder körperlicher Gewalt spiegelt sich auf der Ostalb bislang in Zahlen nicht wider. „Für uns waren die ausbleibenden Meldungen etwas unheimlich. Wir vermuten, dass die Sozialisationsinstanzen für Kinder außerhalb ihrer Familien im Lockdown schlechter zu erreichen waren und befürchten, dass es 2021 zu einem Anstieg der Fallzahlen kommen wird“, heißt es im Bericht.

Landrat Dr. Joachim Bläse, „zieht den Hut davor“, was Kinder und Jugendliche in der Pandemie leisten. In der Krise zeige sich auch, dass viele Familien gut funktionierten und das Rückgrat der Gesellschaft seien. Bitter sei, dass Menschen, die sich schon immer an Kinderlärm und Jugendlichen störten, versuchten, dagegen nun gezielt vorzugehen.

Schutzmaßnahmen für 71 Kinder und Jugendliche

Aalen. Eltern oder Kinder wenden sich oft selbst an das Jugendamt. „Vor der Pandemie kamen Hinweise auch oft aus Kitas und Schulen. Jetzt sind es häufiger Nachbarn, die merken, wenn Hilfe vom Jugendamt gebraucht wird“, sagt Geschäftsbereichsleiterin Jutta Funk. 2020 seien 652 Hinweise auf Kindeswohlgefährdung bearbeitet worden. Gut ein Drittel davon waren „ernste, oft akute Fälle“, so Funk. 2020 mussten 71 Kinder und Jugendliche in eine vorläufige Schutzmaßnahme, der „Inobhutnahme“, untergebracht werden. 79 Mal wurde der Bereitschaftsdienst des Jugendamts in Notfällen außerhalb der Dienstzeiten, nachts und an Wochenenden, gerufen.

„In vielen Fällen gelingt eine intensive Zusammenarbeit mit den Familien zum Wohl der Kinder und Jugendlichen. Da bleiben wir dran. Anders in den übrigen Fällen. Das war ‚falscher Alarm‘. Aber auch der gehört dazu“, so Funk. „ Eins-zu-eins-Kontakt mit den Eltern ist enorm wichtig “, sagt Funk. Das Jugendamt setze alles daran, den „menschlichen Lockdown“ in Familien zu verhindern. Oft reiche es für den Schutz der Kinder bereits aus, den Eltern konkrete Hilfen anzubieten. „Wer die Eltern stärkt, schützt damit oft auch gleich die Kinder: Starke Eltern, starke Kinder“, ist Funk überzeugt.

Wer Hilfe braucht:

Aalen: (07361) 5031454, E-Mail: JugendundFamilie.AA@ostalbkreis.de

Ellwangen: (07961) 5673455, E-Mail: JugendundFamilie.EL@ostalbkreis.de

Gmünd: (07171) 324267, E-Mail: JugendundFamilie.GD@ostalbkreis.de.

Zurück zur Übersicht: Ostalbkreis

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL