Kinderarmut - es gibt sie auch auf der Ostalb

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Kinder, die in Armut aufwachsen, bewegen sich weniger und treiben seltener Sport als Kinder, die in Familien mit wirtschaftlich gesicherten Verhältnissen leben.
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Warum Fachleute ein Netzwerk knüpfen und wie Kinder aus ärmlichen Verhältnissen gestärkt werden sollen.

Aalen Kinderarmut. Bei diesem Begriff haben wohl die meisten von uns Bilder vor Augen von Kindern, gekennzeichnet von Entbehrungen und Hunger in der sogenannten Dritten Welt. Oder von Flüchtlingskindern, die in Lagern leben müssen. Dabei ist Kinderarmut auch im wirtschaftlich starken Ostalbkreis zu finden. Statistisch gesehen ist in Baden-Württemberg jedes fünfte Kind armutsgefährdet. Im Ostalbkreis leben 5,5 Prozent aller Kinder unter 18 Jahren in Haushalten, die auf Sozialhilfe angewiesen sind, so die Zahlen des jüngsten Sozialberichts. Und es werden stetig mehr, sagt Carmen Häberle, Projektkoordinatorin Gesundheitsförderung und -versorgung im Landratsamt. „Seit 2008 ist der Anteil der Sozialhilfebeziehenden insgesamt um das Dreifache gestiegen.“ Diese Zahlen seien nicht alarmierend, aber seitens des Landratsamtes sehe man dennoch „Handlungsbedarf“, um Kinderarmut zu verhindern oder zu bekämpfen, so Häberle.

Was ist Armut?

„Armut ist mehr als Mangel an Geld. Es ist eine Lebensbedingung, die in fast allen Bereichen des Lebens mit Einschränkungen und Benachteiligung einhergeht“, heißt es in der Einladung zu einem „Fachtag Kinderarmut und Gesundheit“ jüngst im Ostalbkreis. Undine Zimmer, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt aus Reutlingen, präzisierte dort in ihrem Impulsvortrag: Arm ist, wer nicht genügend Mittel zum physischen Überleben hat. Arm ist aber auch, wer im Vergleich zu den mittleren Standards einer Gesellschaft über nur geringe Ressourcen verfügt und wer zum Beispiel Anspruch auf Grundsicherung hat.

Die Folgen

„Armut macht krank“, sagt Leonie Schönsee aus dem Geschäftsbereich Gesundheit des Ostalbkreises. Sie veranschaulichte das in ihrem Vortrag an Beispielen. Demnach nehmen Kinder aus armutsgefährdeten Familien mehr zuckerhaltige Getränke zu sich, essen weniger Obst und sind seltener körperlich aktiv, treiben weniger Sport als Kinder aus wirtschaftlich gesicherten Familien. Sie haben weitaus häufiger körperliche, kognitive, sprachliche und motorische Entwicklungsdefizite und entwickeln mit höherer Wahrscheinlichkeit psychische Auffälligkeiten und Aufmerksamkeitsdefizite.

Kinderarmut bekämpfen

Seit Dezember 2021 baut der Ostalbkreis flächendeckend ein Präventionsnetzwerk gegen Kinderarmut auf. Das Projekt läuft bis Ende nächsten Jahres und wird vom Landessozialministerium mit 80.000 Euro gefördert. Es soll unter anderem Akteure und Organisationen zusammenbringen, die direkt oder indirekt mit diesem Thema in Berührung kommen, also Vertreterinnen und Vertreter von Kitas, Grundschulen, sozialen Trägern und Behörden sowie von Vereinen und Verbänden.

Die Zielgruppe

Im Fokus stehen vor allem Kinder von Alleinerziehenden und aus Familien mit Migrationshintergrund. Diese beiden Gruppen seien besonders armutsgefährdet, sagt Carmen Häberle. Gezeigt hätten das Erhebungen wie der Sozialbericht des Ostalbkreises, der Kinderreport 2007, aber auch Daten des Statistischen Bundesamtes und des Mikrozensus sowie Berichte aus den verschiedenen Geschäftsbereichen des Landratsamtes.

Wie sich Armut auf der Ostalb zeigt

Der Kern des Projekts: Teilhabe- und Verwirklichungschancen und die Gesundheit von betroffenen Kindern zwischen 0 und zehn Jahren und ihren Familien fördern, heißt es im Amtsdeutsch. Häberle erläutert, dass Studierende der PH Schwäbisch Gmünd und der Hochschule Aalen Bedarfe und Bedürfnisse von Kindern unter sechs Jahre von Alleinerziehenden und aus Familien mit Migrationshintergrund abgefragt hätten. Die Interviews fanden in Kitas in sechs ausgewählten Städten und Gemeinden des Ostalbkreises statt, bei schriftlichen Befragungen war auch das Jobcenter involviert. Die Auswertung habe folgendes Bild ergeben: Freizeit-Angebote, zum Beispiel von Vereinen, werden von den Befragten nur in Anspruch genommen, wenn sie günstig oder besser kostenlos sowie wohnortnah sind und mit wenig Organisationsaufwand verbunden. Die Eltern wünschen sich mehr finanzielle Unterstützung bei Freizeit- oder Vereinsaktivitäten ihrer Kinder, zum Beispiel durch Übernahme von Kursbeiträgen oder die Finanzierung von Bustickets. Dass Kinder und Eltern Deutsch beherrschen, das zeigte die Befragung, ist eine wichtige Grundlage, damit Kinder zum Beispiel im Sportverein oder bei Kursen zur Freizeitgestaltung mitmachen.

Ein Bündel von Maßnahmen

Gesellschaftliche Teilhabe für betroffene Kinder mit Geld zu fördern, Netzwerktreffen der Fachleute zu organisieren, neue Angebote zu entwickeln - das seien einige der Maßnahmen, zählt Projektkoordinatorin Häberle auf. Ein weiterer wichtiger Baustein in der Armutsprävention sei Sprachförderung, und zwar eine, die Eltern und Kinder gleichermaßen erreicht. „Eine Idee ist, in Kooperation mit den Kindertagesstätten Sprachförderung zum Beispiel mit Kochkursen zu verbinden. So könnte man das Thema gesunde Ernährung und Deutsch lernen spielerisch miteinander in Einklang bringen.“ Mindestens ebenso wichtig aber seien Fortbildungen für pädagogische Fachkräfte zum Thema Armutssensibilität und Ausbildung von mehrsprachigen sogenannten Elternlotsen, die insbesondere Familien mit Migrationshintergrund im Alltag unterstützen und begleiten.

Die Sache mit den Informationen

Ob Sport oder Musik im Verein oder Kurse, die Kindern Hobbys nahebringen - auffallend oft sei der Wunsch geäußert worden, mehr Informationen zu bekommen über Angebote für Kinder, so Häberle.  Und zwar nicht nur seitens der Eltern, sondern auch der pädagogischen Fachkräfte. Häberle: „Eine Kita-Leiterin hat gemeint: Oft kommen Informationen über Angebote gar nicht bei uns in der Kita an.“

 „Harte“ Zahlen über Kinderarmut auf der Ostalb oder gar einen ausgewiesenen Armutsbericht gibt es nicht. Dennoch hat das Landratsamt 2021 beim Sozialministerium Fördermittel beantragt für das Projekt "Präventionsnetzwerk gegen Kinderarmut“. Datengrundlage waren der Sozialbericht des Ostalbkreises 2020 und der Bildungsbericht 2018. Drei Messgrößen spiegeln nach Ansicht der Fachleute wider, „dass es auch bei uns eine gewisse Armutsgefährdung gibt“, so Carmen Häberle. Diese seien:

Hartz IV: Der Anteil der Kinder unter 18 Jahre, die in sogenannten Hartz IV-Haushalten leben, liegt im Ostalbkreis bei 5,5 Prozent. Landesweit liegt er bei 7,5 Prozent.

Migrationsanteil: Rund 25 Prozent der Menschen im Ostalbkreis haben einen Migrationshintergrund. Landesweit sind es 30,9 Prozent.

Arbeitslosigkeit: Im Mai 2021 lag die Arbeitslosenquote im Ostalbkreis bei 3,4 Prozent, im Land  Baden-Württemberg insgesamt bei 4,0 Prozent.

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