Kirche muss Stellung beziehen

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Dr. Viola Schrenk stammt aus Aalen, war in Schwäbisch Gmünd aktiv - und will jetzt Landesbischöfin werden.
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Weshalb die Aalenerin Dr. Viola Schrenk Landesbischöfin werden will. Wo Kirche Reformen braucht. Und wie sie Menschen erreicht. Ein Interview.

Schwäbisch Gmünd / Aalen

Sie ist in Aalen geboren, in Oberkochen aufgewachsen und hat in Gmünd zehn Jahre als Theologin gewirkt. Zurzeit ist sie Studieninspektorin am Evangelischen Stift in Tübingen. Nun bewirbt sich Dr. Viola Schrenk als Bischöfin der Landeskirche Württemberg. Die 51-Jährige beantwortet Fragen von Michael Länge.

Was reizt Sie an der Position der Landesbischöfin?

Dieses Amt der Landesbischöfin ist inspirierend in der Vielzahl und Intensität der Kontakte und Themen, mit denen umzugehen ist. Es sind große Aufgaben und Herausforderungen, und dabei motiviert mich auch die Erwartung, zu nötigen Veränderungen meiner Kirche beitragen zu können. Es ist also in meiner Motivation auch ein „Trotzdem“: überholte Rollenbilder, schwerfällige Organisationsstrukturen, Ressourcenschwund, Mitgliederrückgang, ... und dennoch bin ich zur Kandidatur bereit, denn in der Gestaltung von Glaubensleben geht nicht nur um das Zählbare, Messbare, Planbare, sondern auch um das Hoffen und Tun gegen Prognose und Trend.

Sollten Sie gewählt werden, welche Akzente würden Sie setzen?

Einen Akzent nach innen würde ich gerne im dynamischen kirchlichen Miteinander setzen: Ich stehe für eine Kirche, in der Männer und Frauen, Frauen und Männer gleichermaßen und auf Augenhöhe Leitungsverantwortung übernehmen und gemeinsam leiten. Auch wünsche ich mir eine Kirche, in der alle Lebensalter und Lebensformen gleichermaßen geschätzt werden. Ich würde gerne zu einer solchen Haltung ermutigen und zum Beispiel Jüngeren in unserer Kirche etwas zutrauen. Nach „außen“ ist mir wichtig, dass Kirche sich nicht um die Bearbeitung brennender gesellschaftlicher Themen drückt, wie zum Beispiel Klimagerechtigkeit und Migration. Es muss aber erkennbar sein, warum Themen, zu denen Kirche sich äußert, auch christliche, biblische, kirchliche Themen sind. Als Akzent würde ich gerne auch die Stärkung unserer kirchlichen Identität setzen. Denn eine Kirche mit stabiler eigener Identität muss sich vor Begegnung mit anderen, fremden Identitäten nicht fürchten.

Wo sehen Sie Reformbedarf in der evangelischen Kirche?

Ich möchte lieber von Möglichkeiten und Notwendigkeiten zur Fortentwicklung sprechen: Wir sind zu organisationslastig und dadurch zu unflexibel und schwerfällig in Veränderungsprozessen. Eine funktionierende Organisation ist wichtig. Aber sie darf nicht erdrückend werden. Hier müssen wir gegensteuern. Wir gehen allein aus demografischen Gründen auf weiteren Mitgliederrückgang zu. Das zwingt uns zu strukturellen Veränderungen. Es ist immer schlecht, mit Veränderung zu warten, bis die Umstände einen zwingen. Daher müssen wir nun verschiedene Modelle erproben, wie kirchliche Arbeit in Zukunft gut stattfinden kann. Wichtige Stichworte sind Kooperation und Konzentration. Wo können Aufgaben durch überregionale Zusammenarbeit gebündelt werden. Das könnte so weit gehen, dass es auf Landeskirchenebene zwischen Württemberg und Baden eine solche Annäherung gibt.

Ist Kirche heute nahe genug bei den Menschen?

Nähe lässt sich geografisch und inhaltlich beschreiben. Als evangelische Kirche müssen wir sehr daran arbeiten, trotz Veränderungen im strukturellen Bereich vor Ort ansprechbar, auffindbar, sichtbar zu sein und zu bleiben. Das gelingt unterschiedlich gut. Auch wünschen sich Menschen mal mehr und mal weniger Nähe. Es darf trotz der Prognosen schwindender Ressourcen keinen weiteren Rückzug aus der Fläche geben. Zugleich muss der digitale Raum intensiver für kirchliche Angebote fruchtbar gemacht werden. Es hat sich in den letzten Jahren hier in Württemberg einiges getan. Aber diese Entwicklungen müssen weiter gefördert werden – nicht zuletzt finanziell. Ob die Kirche inhaltlich nahe (genug) bei den Menschen ist, wird unterschiedlich gesehen. Die einen wünschen sich geistliche Themen, die anderen wünschen sich einen aktiveren kirchlichen Beitrag zu brennenden gesellschaftlich-ethischen Themen. Beide Richtungen müssen in der Kirche ausgewogen präsent sein.

Wie erreicht die Kirche wieder mehr Menschen?

Menschen werden durch überzeugende kirchliche Arbeit erreicht: Wenn Kirche als gute Arbeitgeberin wahrgenommen wird. Oder wenn diakonische Einrichtungen überzeugen. Ein anderer Punkt, an dem Kirche Menschen erreicht, ist in den besonderen Fällen des Lebens: in Krisensituation, bei Beerdigungen, bei Feierlichkeiten, Jubiläen – und dann kommt es darauf an, ob in diesen besonderen Fällen eine gute Erfahrung mit Kirche und deren Repräsentanten gemacht wurde. Ich würde bei der Frage, wie Kirche wieder mehr Menschen erreicht, lieber auf Qualität als auf Quantität setzen.

Was sagen Sie als Theologin den Menschen in Corona-Zeiten?

Ich teile den tiefen Frust, dass wir nach den hoffnungsvollen Aufbrüchen der Sommermonate nun wieder so tief in Corona drin stecken. Und angesichts der menschlichen Tragödien, die sich mit Corona-Erkrankungen verbinden können, gibt es auch keine einfache theologische Antwort oder Botschaft. Im christlichen Glauben aber geht es um das Hoffen und Glauben gegen den Augenschein. Letztlich ist das sogar die Botschaft von Advent und Weihnachten. Wer sollte von einem ärmlichen Krippenkind das Heil erwarten, und trotzdem sind wir als Christinnen und Christen überzeugt: Das Licht scheint in der Finsternis und wird sich durchsetzen.

Wie erinnern Sie Ihre Jahre auf der Ostalb und im östlichen Remstal?

Der Ostalbkreis bedeutet Heimat für mich. Drei Jahre war ich Pfarrerin zur Dienstaushilfe beim Dekan in Schwäbisch Gmünd. Beeindruckt hat mich in dieser Zeit die lebendige ökumenische Zusammenarbeit und auch, wie Stadt und Kirchen hier in gegenseitiger Wertschätzung zusammenwirken. Sieben Jahre Gemeindepfarramt in Waldhausen sind für mich durch die vielen guten Begegnungen mit Menschen allen Alters unvergessen.

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